06:12 03 Dezember 2020
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    Während viele Länder Europas wieder strengere Corona-Maßnahmen angeordnet haben, bleibe die Schweiz zu locker. Die Nachbarn bezeichnen die Schweiz deswegen als „Insel“, da diese nicht in den Lockdown muss. In einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ begründet der Gesundheitsminister Berset seine Entscheidungen.

    Am Donnerstagabend beschloss der Schweizer Bundesrat neue Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus. Viele Menschen nahmen diese als zu locker wahr – gerade im Vergleich mit anderen Ländern. Während alle Nachbarländer der Schweiz einen Lockdown verordnet haben, blieben die Auflagen in der Eidgenossenschaft trotz hoher Auslastung der Krankenhäuser relativ locker.

    Dafür erhielt die Schweiz von vielen Seiten Kritik. In einem Interview mit der Schweizer Zeitschrift „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ) begründete Alain Berset, der Gesundheitsminister und Bundesrat seine Entscheidungen. Vor allen Dingen werde es versucht, die wirtschaftlichen Schäden so gering wie möglich zu halten. In diesem Versuch, den Lockdown zu verhindern, hoffe er, dass die jetzigen Maßnahmen ausreichen.

    Aktuelle Maßnahmen der Bundesregierung

    In der Schweiz sind nun bundesweit seit dem 29. Oktober Diskotheken und Clubs geschlossen. Eine Versammlung im öffentlichen Raum mit über 15 Personen ist ebenfalls untersagt – eingeschlossen davon sind sportliche oder kulturelle Aktivitäten. Familientreffen oder ein Zusammenkommen mit Freunden dürfen lediglich mit zehn Personen stattfinden. Veranstaltungen mit über 50 Personen sind verboten.

    Gastronomische Betriebe mit ausgearbeiteten Hygienekonzept dürfen bis zu vier Personen pro Tisch weiterhin bedienen. Die Maskenpflicht wurde ebenfalls ausgedehnt: Alle Kinder über zwölf müssen nun in der Schule eine Maske tragen, genauso Erwachsene bei der Arbeit. Schließlich gilt zwischen 23 Uhr und 6 Uhr eine Sperrstunde für sämtliche Läden und Restaurants. In einzelnen Kantonen herrschen jedoch strengere Auflagen.

    Genügt vielleicht der Zwischenschritt?

    Berset sehe keine eindeutige Antwort darauf, weswegen ein plötzlich rasanter Anstieg Anfang Oktober die Schweiz traf. Epidemiologen begründeten die Veränderung der Lage etwa damit, dass sich aufgrund des Wetterumbruchs die Leute vermehrt drinnen aufhielten. In Innenräumen sei das Ansteckungsrisiko deutlich höher, so Berset. Zwar seien die Antworten vage, doch meint Berset: „Entscheidend ist aber nicht, weshalb wir in diese Situation gekommen sind, sondern wie wir nun darauf reagieren.“

    Außerdem sei die Kontrolle über das Virus in Bersets Augen nicht verloren. Auch wenn sich die Situation verschlechtert habe, hätten sich die Kapazitäten beispielsweise bei der Kontaktnachverfolgung stark erhöht. Auf Bezug zur mehrfach ausgeübten Kritik, reagierte Berset nun und sagte:

    „Weil wir heute viel mehr über das Virus wissen, können wir jetzt diesen Zwischenschritt machen und hoffen, dass er genügt. Andernfalls müssten wir wieder Maßnahmen ergreifen, die richtig schmerzhaft sind. Das wollen wir verhindern.“

    „Panik bringt nichts“

    Die Reaktion des Bundesrats erfolgte frühzeitig genug, meinte der Gesundheitsminister. Im Anblick der Situation begründet Berset, dass noch keine Katastrophe eingebrochen sei. „Panik bringt nichts.“ Der Bundesrat habe entsprechend angemessen reagiert, sobald die Verdoppelung der Fallzahlen von der Zeitspanne eines Monats, sich auf den Zeitraum einer Woche reduziert hätte. Auch wenn es immer einige gäbe, welche die Regeln durchbrechen würden, wolle die Bundesregierung „überzeugen und aufrufen“, so Berset, „es geht nur, wenn alle mitmachen.“

    Doch nicht nur die Maßnahmen des Bundes tragen zu einer Sicherstellung der Situation bei. Auch liegt die Verantwortung bei den entsprechenden Kantonen der Schweiz.

    Aufgrund der verschiedenen Situationen innerhalb der Schweiz, müsse jeder Kanton selbst entscheiden, welche Maßnahmen treffend seien.

    So ist beispielsweise der Kanton Waadt weitaus am stärksten betroffen mit 3265 Neuinfektionen (Stand 2. November; „Schweizer Radio und Fernsehen“). Hingegen gäbe es in Kantonen wie Appenzell Innerrhoden oder Obwalden nur 30 oder 34 Neuinfektionen pro Tag. Diese Zahlen führen schließlich auch auf die Auslastung der Intensivstationen zurück – Im Kanton Wallis herrsche eine viel angespanntere Situation der Krankenhäuser als im Kanton Solothurn beispielsweise.

    Corona-Müdigkeit?

    Die Covid-Task-Force rechnete am Freitag aus, dass innerhalb der nächsten zwei bis drei Wochen die Kapazitäten der Schweizer Krankenhäuser ausgelastet sein werden. Berset hofft jedoch darauf, dass die Maßnahmen ohne Lockdown ausreichen.

    „Wenn es nicht genügt, haben wir immer noch Zeit, weitere Verschärfungen zu beschließen. Wenn wir im Bundesrat überzeugt wären, in zehn Tagen seien die Spitäler in der ganzen Schweiz überlastet, hätten wir diese Woche noch strengere Maßnahmen beschlossen“, so der Schweizer Gesundheitsminister.

    Eine weniger aggressive Herangehensweise zur Eindämmung des Coronavirus lasse sich vielleicht auch mit der Stimmung des Bundesrats begründen. „Die Leute sind Corona-müde, auch ich“, meinte er offen zur NZZ. Während im März alle Leute am gleichen Strick gezogen hätten, würden jetzt die Meinungen vermehrt auseinandergehen. Dennoch blicke er nicht pessimistisch auf das Geschehen: „Es gibt immer noch einen ziemlich breiten Konsens, dass wir eine Überlastung der Spitäler verhindern müssen – und dies ohne breite Zwangsschließung von Betrieben.“

    lm

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    Tags:
    Lockdown, Bundesrat, Gesundheitsministerium, Gesundheit, Coronavirus, Schweiz