19:12 27 November 2020
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    Er wollte sich in Syrien dem „Islamischen Staat“ (IS)* anschließen, doch die Behörden inhaftierten ihn und ließen den 20-Jährigen einige Monate später frei. Am Montagabend richtete der Islamist in Wien ein Massaker an. Der Sicherheitsexperte Fidelis Cloer sieht darin eine unprofessionelle Tat eines Fanatikers. Und: „Daran müssen wir uns gewöhnen.“

    Wien ist am Montagabend gegen kurz vor acht Uhr nahe der Synagoge in einem Ausgehviertel zum Opfer eines Terrorangriffs geworden. Nach Augenzeugenberichten feuerte der Täter wahllos mit einer Waffe in Lokale. Dabei kamen ein älterer Mann, eine ältere Frau, ein junger Passant und eine Kellnerin ums Leben, wie Kanzler Sebastian Kurz am Dienstag mitteilte. Mindestens 22 Menschen wurden verletzt. 

    Sieben Polizisten griffen laut den Angaben im Zuge der Terrorattacke zu ihren Dienstwaffen. Der Täter sei dann um 20.09 Uhr „neutralisiert“ worden, sagte Wiens Polizeipräsident Gerhard Pürstl bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Innenminister Karl Nehammer. Die Polizei geht von maximal vier Tätern aus. Der Sicherheitsexperte und Geschäftsführer von „ASC International“, Fidelis Cloer, sieht darin die Tat eines „Fanatikers“.

    „Das war keine Gruppe, denn dann hätte man tatsächlich mit viel mehr Toten rechnen können. Es war eine sehr unruhige Situation. Man spricht von sechs verschiedenen Orten, an denen die Waffe zum Einsatz kam. Dann entstehen natürlich sehr schnell Ideen, dass mehrere Täter unterwegs sind. Aus meiner Sicht war es ein Einzeltäter, der dann auch, so wie es sich die Terroristen vorstellen, in der Konfrontation mit der Polizei ums Leben gekommen ist.“

    Fidelis Cloer ist auch bekannt als der „Bulletproof Salesman“ (deutsch: Kugelsicherer Geschäftsmann), wegen der gleichnamigen Doku über seine Arbeit in Bagdad. Er entwickelte und verkaufte weltweit gepanzerte Fahrzeuge. Mittlerweile lebt er in Dubai und betreibt dort eine Produktionsfirma für gepanzerte Fahrzeuge und bietet Fahrertrainings an.

    Falsche Gegend ausgesucht

    Cloer ist sich sicher: Der Angreifer habe sich die falsche Gegend ausgesucht – „in der Nähe einer Synagoge, die permanent bewacht wird“. Außerdem seien die sehr gut ausgebildeten und ausgerüsteten österreichischen Spezialeinheiten wie die Cobra und die Wega im Wiener Stadtzentrum positioniert. „Die waren recht schnell am Ort des Geschehens“, sagt der Sicherheitsexperte.

    Es handle sich „definitiv“ um einen Terroranschlag. Dieser sei „sehr professionell“ vorbereitet worden, erklärte Kurz am Montag. Dem widerspricht Cloer deutlich: Das sei keine Tat eines Profis gewesen. „Gar nicht. Der Mann hatte Waffen. An die Waffen ist er rangekommen. Und die Nähe Österreichs zum Balkan ist ein Punkt. Bedingt durch den Balkankrieg gibt es da noch sehr, sehr viele Waffen, die versteckt lagern, und von dort eine Waffe nach Österreich zu schmuggeln, ist nicht sehr schwer. Das heißt, ja, er hat sich vorbereitet, sicherlich über Wochen, vielleicht auch über Monate. Aber dann scheint das Thema mit dem Mohammed-Karikaturen ihn dazu bewegt zu haben, jetzt loszuschlagen.“ Es sei in dem Fall eine „Fanatisierung“, die stattgefunden habe und weiter stattfindet, merkt Cloer im Sputnik-Interview an.

    Kurz vor dem Geburtstag des Propheten Mohammed seien neue Karikaturen der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ erschienen, sagt er. Dass sich radikale Islamisten in diesem Moment aufgerufen fühlen, etwas zu unternehmen, überrascht ihn deshalb wenig. Dabei spiele der Ort keine Rolle.

    „Denn wir alle haben die gleiche Meinung zu diesen Karikaturen, dass es nämlich Teil unserer Möglichkeiten ist, unsere Meinung zu äußern. Aber Muslime fühlen sich grundsätzlich dadurch beleidigt“, erklärt der Terrorismusexperte, der sich zurzeit in Dubai aufhält.

    Attentäter war vorbestraft

    Der Attentäter Kujtim F. sei dem österreichischen Verfassungsschutz bekannt gewesen, da er einer von rund 90 österreichischen Islamisten war, die nach Syrien ausreisen wollten. Ob hier die Behörden mit der vereitelten Ausreise einen Fehler begangen haben, bezweifelt der Experte. Auf der einen Seite sei Österreich ein Rechtsstaat. „Der Mann ist verurteilt worden zu 22 Monaten und ist dann vorzeitig entlassen worden, weil er unter 21 war. Das ist üblich. Mehr kann man da nicht machen. Was aber danach folgen muss, ist die Überwachung durch den Sicherheitsapparat – sprich durch die Geheimdienste.“ Hier seien die Sicherheitsbehörden gefragt gewesen. „Es gibt aber so viele Menschen, die dann abdriften ins Radikale, und die lassen sich nicht alle überwachen. Das ist dann genau die Gefahr, vor der wir stehen“, warnt Cloer.

    Solche Menschen seien unter uns.

    „Und wenn sie Waffen in die Hände bekommen, dann werden sie die benutzen, und wir müssen versuchen, mit den Konsequenzen umzugehen. (…) Daran müssen wir uns gewöhnen. Wir müssen davon ausgehen, dass es heute nicht nur Wien ist, und dann passiert erstmal eine ganze Weile nichts. Nein, es wird immer weitergehen. Mal sind drei Monate dazwischen, mal sechs Monate“, betont der Sicherheitsexperte.

    In der Prävention terroristischer Angriffe setzt er auf eine verstärkte Überwachung durch die Behörden – wie in London oder Dubai – und ruft die Menschen dazu auf, sich „im Kleinen“ auf derartige Anschläge vorzubereiten. „Man muss mit den Konsequenzen der Anschläge umgehen können.“ So sei beispielsweise die Bevölkerung in Israel extrem gut ausgebildet und könne schwere Blutungen stoppen, Messerstiche oder abgetrennte Glieder gut behandeln, „weil die Menschen es lernen“.

    * Terrororganisation, in Deutschland und Russland verboten.

    Das Interview mit Fidelis Cloer zum Nachhören:

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    Tags:
    Terroranschlag, Polizei, Terroristen, Terroropfer, Terror, Charlie Hebdo, Paris, Sebastian Kurz, Österreich, Wien