13:02 03 Dezember 2020
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    Die „Maischberger“-Talkshow am Mittwochabend im Ersten war der erste Polit-Talk nach dem Wahltag in den USA, wo das Wahlergebnis noch völlig offen war. So begann die Sendung mit dem üblichen Trump-Bashing, endete aber mit einem in deutschen Medien so seltenen Lob für den (scheidenden?) Präsidenten.

    „Oh Schreck! Oh Graus!“ – mit diesen Worten, so gestand der Politikwissenschaftler Christian Hacke, reagierte er am Mittwochmorgen auf die Berichte aus den USA – denn Donald Trump war laut diesen ersten Berichten dabei, das Wahlrennen für sich zu entscheiden. Mehr noch: Der US-Präsident beeilte sich sogar, sich zum Wahlsieger zu erklären.

    „Die politische Klasse steht unter Schock“

    Nicht nur den ehrenwerten Politologen, sondern ziemlich alle Politiker und „Experten“ in Deutschland, die einen Erdrutschsieg von Joe Biden erwartet hatten, hat der anfängliche Durchmarsch Trumps kalt erwischt. „Der größte Teil der politischen Klasse steht noch unter Schock", meinte Hacke, der auch wie die unzähligen anderen Möchte-gern-USA-Kenner durch das Zwischenergebnis am Mittwochmorgen gnadenlos beschämt wurden.

    Andere USA-Fachleute und „Trumpologen“ hat Deutschland anscheinend nicht im Angebot, deshalb mussten wieder mehrheitlich die Personen ins „Maischberger“-Studio eingeladen werden, die all die zurückliegenden Jahre fleißig ein Trump-Bashing betrieben hatten. Damit nicht genug: Eine „Verstärkung“ der Anti-Trump-Garde wurde per Videoschalte aus den USA geholt, nämlich Trumps früherer Sicherheitsberater John Bolton.

    Bolton: „Trump baut sich eine eigene Welt“

    Der erzkonservative Republikaner, der dem immer noch amtierenden US-Präsidenten anderthalb Jahre lang als Sicherheitsberater ergeben gedient hatte, ist nach seiner Entlassung aus Trumps Stab als erbitterter Kritiker seines früheren Chefs medial sehr gefragt – so wurde Bolton auch von Sandra Maischberger nicht zum ersten Mal interviewt. Sein Kommentar klang nicht unbedingt überraschend, natürlich bewertete er Trumps Selbst-Deklaration zum Wahlsieger als „eine Schande“ und ein „empörendes Statement“.

    Donald Trump „ignoriert die Fakten“ und „baut sich eine eigene Welt“, behauptete Bolton.

    Das klingt ja immerhin wie eine Diagnose für einen Geisteskranken. Bleibt die Frage, wie sich der durch und durch versierte, knapp 72jährige Diplomat und Sicherheitspolitiker seinerzeit dazu verführen ließ, länger als ein Drittel von Trumps Amtszeit diesem Präsidenten zu dienen und dessen (verrückte?) Anweisungen auszuführen.

    „Rassist“ Trump hat bei schwarzen Wählern zugelegt – warum?

    Diese Frage stellte die Moderatorin allerdings nicht. Zugleich wurde in der Sendung schon zaghaft versucht, sich an die Ursachen für das verblüffend gute Wahlabschneiden Trumps heranzutasten. Dabei traten echt sensationelle Einzelheiten zutage: Am 3. November 2020 hatte Trump um mehrere Millionen Stimmen mehr bekommen, als vor vier Jahren. Zugelegt hatte er dabei unter anderem – Achtung! – bei Frauen, Latinos und Schwarzen. Der eingeladene Afroamerikaner Kenton E. Barnes von den „Democrats Abroad Germany“ fand keine Erklärung dazu. „Ich bin fassungslos“, gestand er und fügte hinzu: „Als schwarzer Mann in den USA bin ich eine aussterbende Rasse."

    Ralph Freund von „Republicans Abroad Germany“, zumindest nominell der einzige Trump-Anhänger in der Sendung, glaubte allerdings das Motiv zu kennen, warum diesmal mehr Schwarze für den „Rassisten“ Trump gestimmt hatten, und verwies darauf, was Trump selbst dazu meinte, als er an die afroamerikanische Wählerschaft appellierte:

    „Was genau haben Sie als Schwarze noch zu verlieren? Sie hatten acht Jahre lang einen farbigen Präsidenten. Die Polizeigewalt war damals auch evident.“

    Auch „die Arbeiter sind auf Donald Trump geflogen“, stellte der Politologe Hacke fest, unter anderem weil sein Vorgänger Barack Obama seinen Schwerpunkt „von der Main Street auf die Wall Street“ verschoben hatte, so dass die einfachen Werktätigen zu den eigentlichen Leidtragenden der vorangegangenen Finanzkrise gemacht wurden. „Der Zorn ist geblieben“, so Hacke – und Trump hatte von diesem Zorn ebenfalls profitiert. Nicht unerwähnt blieb in der Runde auch die Tatsache, dass Trumps America-First-Politik – jedenfalls vor der Corona-Krise – einen beachtlichen Rückgang der Arbeitslosenzahl und eine spürbare Steuersenkung zur Folge hatte.

    Joe Biden, „ein alter Mann auf Abruf“

    Über den wahrscheinlichen Nachfolger Trumps wurde am Mittwochabend erstaunlich wenig gesprochen. Keine besondere Widerrede fand im Studio auch Maischbergers Bemerkung, der 77-jährige Joe Biden sollte bloß als „ein alter Mann auf Abruf“ wahrgenommen werden. Hacke meinte dazu: „Das Land ist vier Jahre lang in einem ununterbrochenen Spannungszustand gewesen. Trump hat alle vor sich her getrieben. Alle sind erschöpft.“ Und die Entertainerin Gayle Tufts machte keinen Hehl aus ihrer Hoffnung, dass der betagte Top-Demokrat – sollte er wirklich im Amt des US-Präsidenten bestätigt werden – recht bald aus rein biologischen Gründen seinen Platz für die designierte Vizepräsidentin Kamala Harris räumen würde. Die „witzige“ Bemerkung der deutsch-amerikanischen Unterhaltungskünstlerin klang dabei nicht gerade geschmacksvoll:

    „In ein paar Jahren, wenn es Joe nicht mehr so gut geht, dann haben wir sie. Und sie spricht ganze Sätze und sie bewegt sich."

    Ob aber die jüngsten Wahlen die von so manchen lang ersehnte Ruhe bringen würden, wäre wohl zu bezweifeln. Sowohl Bolton, als auch Hacke prognostizierten nämlich eine Monate lange juristische „Schlammschlacht“, die Trump im Falle seiner Wahlniederlage anzetteln würde.

    Wagenknechts politischer Nachruf für Trump?

    Den Höhepunkt des „Maischberger“-Talks bildete aber die Schluss-Sequenz, in der die LINKE-Abgeordnete Sahra Wagenknecht und der FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff über Trumps Außenpolitik diskutierten. Kaum jemand hat in den deutschen Medien den (scheidenden?) US-Präsidenten bisher dermaßen positiv charakterisiert wie Wagenknecht. Mag auch sein, dass sie ihre Worte als eine Art politischen Nachruf für Trump konzipiert hatte – immerhin wird die Person, der ein Nachruf gewidmet ist, in diesem im Regelfall für ihr Lebenswerk gelobt. Zwar räumte Wagenknecht eingangs ein, sie sei „wahrlich kein Sympathisant“ von Donald Trump, in seiner Außenpolitik hob sie aber vorwiegend Positives hervor.

    Trump „ist immerhin seit dem Ende des Kalten Krieges der erste US-Präsident, der nicht selber einen neuen Krieg angefangen hat“, betonte sie. „Er hat ja auch aus anderen Konflikten Truppen zurückgezogen."

    Zu begrüßen sei auch seine Absicht gewesen, US-Truppen aus Deutschland abzuziehen. „Ich finde nicht, dass wir die Truppen hier brauchen“, meinte Wagenknecht, womit sie Graf Lambsdorff sichtlich schockierte.

    Lobenswert sei auch Trumps Wirtschaftspolitik gewesen. „Immerhin sind 500.000 Industrie-Arbeitsplätze in die USA zurückgekommen“. Durch seine Zollpolitik habe er „auch deutsche Unternehmen dazu gebracht, dass sie jetzt dort mehr investieren“.

    „Er war auch der erste seit vielen Jahren, der den Leuten, die keinen Hochschulabschluss haben und die einfache Jobs brauchen, das Gefühl gegeben, er nehme ihre Sorgen überhaupt ernst“, betonte die linke Politikerin.

    Von Trump könnte Deutschland auch lernen, wie man eine „klare und konsistente Industriepolitik“ mache, etwa um die deutsche Stahlindustrie vor Dumping-Importen zu schützen.

    Zugleich warnte Wagenknecht vor möglichen Illusionen hinsichtlich der Politik Bidens, sollte dieser die Wahlen gewinnen. Immerhin hätten die Demokratien beispielsweise die Sanktionen gegen die Pipeline Nord Stream 2 voll mitgetragen. Insofern irren sich all diejenigen, die meinen, „jetzt wird wieder alles so nett und kuschelig“. „Als Präsident würde Biden eine nicht weniger rücksichtslose Politik machen“, betonte sie.

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    Alexander Graf Lambsdorff, Sahra Wagenknecht, Talkshow, Maischberger, USA, Joe Biden, Donald Trump