10:07 27 November 2020
SNA Radio
    Politik
    Zum Kurzlink
    Von
    139104
    Abonnieren

    Joe Biden steht nun, wenn auch vorerst inoffiziell, als Wahlsieger fest – und die „Anne Will“-Show am Sonntag war die erste deutsche Talk-Runde nach dieser halbwegs vollendeten Tatsache. Neben Heiko Maas und mehreren US-Experten nahm auch NRW-Regierungschef Armin Laschet daran teil. Warum gerade er? Und woran war Maas‘ Milchkanne Schuld?

    Die erste Viertelstunde des „Anne Will“-Talks war, offen gesagt, zum Vergessen. Die allererste Frage der Moderatorin in der allerersten deutschen politischen Talkshow nach der Bekanntgabe der Wahlergebnisse in den USA galt erstaunlicherweise dem Regierungschef eines deutschen Bundeslandes. Warum sollte ausgerechnet der NRW-Ministerpräsident als Erster das Wahlresultat analysieren und über eventuelle weitere Schritte des Noch-Präsidenten Donald Trump spekulieren? Unsere Version für die Auflösung dieses Rätsels sei etwas später verraten.

    Als „Appetizer“ der Sendung wirkte Armin Laschet jedenfalls nicht gerade verführerisch. Denn seine Antwort auf die erste Frage von Anne Will – „Trauen Sie Trump zu, dass er sich mit allen Mitteln ans Amt klammert?“ – klang banal und langweilig: „Das ist schwer zu sagen, wie er sich da verhält. Es war die letzten vier Jahre nie kalkulierbar.“

    „Könnten Sie irgendwie an Ihrem Rechner was schieben?“

    In der begründeten Hoffnung, eine schlauere Antwort zu bekommen, wandte sich die Moderatorin an Außenminister Heiko Maas, der allerdings nicht im Studio saß, sondern gerade zuhause in Brandenburg seine Corona-Quarantäne „abbrummen“ muss. Doch da lauerte schon eine neue Tücke: Die WLAN-Verbindung mit dem Minister war hundsmiserabel, seine Worte waren so gut wie gar nicht zu hören. Deshalb musste Anne Will ihn unterbrechen und ihm zurufen:

    „Könnten Sie irgendwie an Ihrem Rechner was schieben? Zur nächsten Milchkanne laufen, keine Ahnung, um das besser zu machen (…).“

    Mag sein, dass Frau Will dies aus eigener Erfahrung weiß – vielleicht betätigt sie, wenn die Skype-Verbindung bei ihr zu Hause schlecht ist, eben ihre Milchkanne, und dann läuft alles wieder. Oder war dies bloß ein spontaner Scherz, der allerdings nicht bei allen ankam – dem Minister konnte die Moderatorin damit jedenfalls kein Schmunzeln entlocken. Etwas musste Herr Maas jedoch bei sich daheim „geschoben“ haben, denn danach war er wirklich besser zu verstehen.

    Es sei ein „unangenehmes Nachspiel“ zu erwarten, so Maas, das Wahlergebnis werde allerdings unverändert bleiben. „Es gibt aber viele, die vermuten, dass Donald Trump auf der politischen Bühne bleibt“, äußerte der Minister. „Trump hat seine Wähler immer durch Polarisierung mobilisiert. So hat er Politik gemacht und Mehrheiten gesammelt. Das wird eine Herkulesaufgabe für Joe Biden.“

    Anne Wills nächste Frage an den Minister klang dann schon wiederum ganz komisch: Seien die Glückwünsche der Kanzlerin und der Berliner Top-Politiker nicht etwa ein Schlag ins Gesicht der immerhin 71 Millionen Wähler des Noch-Präsidenten gewesen?

    „Da machen Sie uns ein bisschen wichtiger, als wir sind, dass wir schon für die amerikanische Spaltung verantwortlich sind“, erwiderte Maas mit nachsichtigem Schmunzeln.

    „Das war keine Pro-Biden-, sondern eine Anti-Trump-Wahl“

    Danach wurde die leidgeprüfte Schalte nach Brandenburg endlich beendet und von einer anderen abgelöst – diesmal nach Washington. Diese Verbindung funktionierte zum Glück einwandfrei. Peter Rough, Mitglied der Republikanischen Partei und politischer Berater, nahm in Bezug auf Trump kein Blatt vor den Mund: Der Präsident habe, als er von einem Wahlbetrug sprach, „kindisch“, „bockig“ und „launisch“ gewirkt. Er sehe ebenfalls keine größeren Probleme mit der Machtübergabe an Biden. Nur: „Das war keine Pro-Biden-, sondern eine Anti-Trump-Wahl“, so der Experte. Der designierte Präsident sei auf das Wohlwollen der Republikaner angewiesen, die im Senat eine klare Mehrheit genießen, deshalb könnte er „nur, wenn er sich als gemäßigter Politiker erweist“, etwas erreichen.

    Sowohl Rough als auch die beiden Professorinnen im Studio, Lora Anne Viola aus Berlin und Hedwig Richter aus München, aber auch der ehemalige „Spiegel“-Korrespondent in den USA, Klaus Brinkbäumer, sprachen dann ausführlich darüber, wie gespalten und polarisiert das heutige Amerika sei. „Die Menschen können kaum noch miteinander reden“, so Brinkbäumer. „Sie verständigen sich nicht mehr über Wirklichkeit.“ Und die Medien verstärkten diese Polarität weiter: CNN auf dem liberalen Flügel genauso scharfmacherisch wie Fox News auf der Seite der Trump-Anhänger, und zwar „weil der Hass sich wirklich blendend verkauft“, meinte der Journalist. Diese Spaltung sei nicht mit Trump entstanden, es gebe sie bereits seit den Siebzigerjahren, fügte Professor Viola hinzu.

    Laschets Leitstern

    Laschet, der nach der ersten Wortspende eine gute halbe Stunde schweigen und zuhören musste, grätschte dann endlich ein, um sich als gut informierter Außenpolitiker zu präsentieren. Mit Bidens Wahl sei „die These widerlegt worden, dass sich überall auf der Welt Leute wie Trump oder Bolsonaro oder Johnson durchsetzen“, frohlockte er. Nun werde sich der neue US-Präsident wieder dem Klimaschutzabkommen anschließen sowie bei „multilateralen Institutionen wie der WHO oder anderen“ mitmachen.

    Bedeutungsvoll brachte der NRW-Ministerpräsident folgende Bemerkung zu Bidens steinigem Weg nach oben ein: „Dies war ein mühsamer Weg in der eigenen Partei, mit Ruhe und Sachlichkeit gegen die eigenen Heißsporne aufgestellt zu werden.“

    Und dieser Satz dürfte der Schlüssel zum Rätsel sein, was ein Bundesland-Regierungschef in einer Talk-Runde zum außenpolitischen Thema verloren hat.

    Dieser Wink mit dem Zaunpfahl soll wohl nicht anders ausgelegt werden, als dass sich Laschet als der deutsche Joe Biden versteht – und auch von seinen Partei-Kollegen bei seinen Bemühungen um den CDU-Vorsitz verstanden werden möchte. Sapienti sat.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Rohrlegeschiff „Akademik Cherskiy“ verlässt Mukran – nun auf dem Weg nach Kaliningrad
    US-Aufseher: Deutsche Bank soll sich aus Russlandgeschäft zurückziehen
    Haushalt 2021 steht, Geheimdokument belastet Türkei, Bundestag beschließt Plastiktüten-Verbot
    Tags:
    Heiko Maas, Boris Johnson, Jair Bolsonaro, CDU, Darmspiegelung, Der Spiegel, Anne Will, Armin Laschet, Fox News, CNN, Joe Biden, Donald Trump