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    Mitglieder einer muslimischen Gemeinschaft in Hamburg (Archivbild)

    „Ich war ein Salafist“ - Insider enthüllt Strategie von Islamisten in Deutschland

    © AFP 2019 / DPA/ Axel Heimken
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    Mehr als 10.000 Salafisten gibt es in Deutschland. Sie lehnen die westliche Gesellschaftsordnung ab und verbreiten die Scharia, also die muslimischen Gesetze. Dominic Schmitz ist Aussteiger, in seinem Buch "Ich war ein Salafist" beschreibt er, wie Islamisten hierzulande organisiert sind, wie sie Jugendliche rekrutieren und wie gefährlich sie sind.

    Herr Schmitz, Sie sind Anfang der 2000er Jahre zum Islam konvertiert und haben jahrelang in einer islamistischen Parallelwelt mitten in Deutschland gelebt. Da waren Sie 17 Jahre alt. Was hat Sie damals zu diesem drastischen Schritt bewegt?

    Erst einmal war mir damals gar nicht klar, dass es ein drastischer Schritt gewesen ist. Der Schlüssel zu dieser fremden Parallelwelt war die Sinnsuche, die ich hatte. Zwei Themen haben mich damals beschäftigt: Einmal die Frage nach einem Sinn des Lebens. Und das Zweite war die Frage nach der Gerechtigkeit. Was ist Gerechtigkeit, gibt es das überhaupt, warum passiert so viel Schlechtes in der Welt, warum gibt es Kriege? Und diese beiden Themen konnte ich mit niemandem so richtig besprechen.

    Das war der Zugang zum Thema Islam. Und so bin ich dann Schritt für Schritt, als ich die "Brüder" in der Moschee kennengelernt habe, in eine Gruppe von Salafisten hineingewachsen. Natürlich hat mich dann auch das Gefühl der Brüderschaft, das Gefühl der Gemeinschaft sehr angesprochen. Ich hatte wieder einen Halt im Leben und jemanden der mir sagt, was richtig und was falsch ist.

    „Ich war ein Salafist“ von Dominic Musa Schmitz ist erschienen im Econ Verlag.
    © Sputnik / M. Joppa
    „Ich war ein Salafist“ von Dominic Musa Schmitz ist erschienen im Econ Verlag.

    In der Salafistenszene hatten Sie sich dann recht schnell hochgearbeitet. Sie waren die rechte Hand des deutschen Islamistenführers Sven Lau, haben den Salafisten-Prediger Piere Vogel zur Wallfahrt nach Mekka begleitet…

    Nun "hochgearbeitet" ist ein großes Wort. Im Extremismus kann man sich sehr schnell hocharbeiten. Wenn man besonders aktiv ist, sich viel Mühe gibt und man das Ziel der Gruppe unterstützt, bekommt man natürlich recht schnell viele Schulterklopfer. Genau das will der Jugendliche ja: Wertgeschätzt werden, geliebt werden, sich in einer gewissen Hierarchie hocharbeiten. Vor allen Dingen, wenn er im "normalen Leben" oder in der Schule nicht gerade der Beste war.

    Und wie blicken Salafisten hierzulande auf die deutsche Gesellschaft?

    Wie diese Gruppe von Salafisten auf die Gesellschaft schaut, ist recht unterschiedlich. Am Anfang hatte ich noch das Gefühl, es gibt vielleicht die Vorstellung eines Miteinanders, dass jeder in Deutschland seiner Überzeugung nachgehen kann. Mit der Zeit hatte ich dann das Gefühl, es geht eher um ein Nebeneinander. Und ganz zum Schluss hatte ich das Gefühl, es geht um ein Gegeneinander.

    „Man blickt als Salafist mit Verachtung auf die deutsche Gesellschaft“

    Man blickt dann als Salafist eher mit Verachtung auf die deutsche Gesellschaft. Man sagt, im Westen gibt es nur Unmoral, keine Scham, alle Ehen werden geschieden, es gibt nur Pornografie, FKK und Swinger-Clubs. Im Westen gibt es aus deren Sicht also nichts Gutes, außer vielleicht das Straßenverkehrssystem. Man hat eigentlich nur den Wert der eigenen Ideologie und alles andere ist unwichtig oder vielleicht sogar wertlos.   

    Welche Vorstellung haben Salafisten dann von der „optimalen“ Gesellschaft? Wie soll diese nach den Wünschen der Islamisten hierzulande aussehen? 

    Man muss berücksichtigen, dass es innerhalb des Salafismus verschiedene Denkrichtungen gibt. Es gibt politische Richtungen, bis hin zu militanten Salafisten. Aber im Grunde genommen sieht die perfekte Gesellschaft so aus, dass man sich Gottes Gesetz unterwirft. Die Gesellschaft soll also nach der "Scharia" ausgerichtet sein und dazu gehört unter anderem, dass man mehrfach täglich zum Gebet gehen muss, aber eben auch das Handabhacken oder das Steinigen.

    Einige Menschen haben noch die Bilder im Kopf, als 2014 die selbsternannte "Scharia Polizei" durch Wuppertal patrouilliert ist. Wie haben Sie diese Aktion mitbekommen?

    Selbst aktiv war ich nicht dabei, da ich 2010 bereits aus dem engeren Kreis ausgestiegen war. Aber natürlich habe ich das mitbekommen. Ich denke, das war nur eine Art Werbegag von Sven Lau. Er wusste von Anfang an, wie man polarisiert, wie man online viele Klicks und eine hohe Reichweite bekommt. Deswegen hatte er sich dann damals eine orange Warnweste mit der Aufschrift " Shariah Police " angezogen. Ihm war aber klar, dass er nicht das Recht einer Polizei hat und damit auch nicht die Gesellschaft verändern wird. Darum ging es ihm mit der Aktion auch gar nicht, es ging um Aufmerksamkeit. 

    Teile Ihrer Salafistengruppe standen unter der Beobachtung des Verfassungsschutzes. Macht man sich in der Szene lustig über die deutschen Behörden?

    Auf jeden Fall macht man sich lustig. Ich kann mich an einen Vorfall erinnern, da kamen wir aus der Moschee und es stand davor ein Wagen, in dem sich zwei Leute sehr auffällig verhalten hatten. Da haben wir uns natürlich drüber lustig gemacht. Ansonsten war das ein Thema, dass man sich beobachtet fühlt. Aber das hat einen dann zu dem Gedanken gebracht, dass man auf dem richtigen Weg ist. Weil: Man macht eigentlich gar nichts, wird aber trotzdem beobachtet und steht unter einer Art von Generalverdacht. Andererseits war das vielen egal, weil es die Überzeugung gab, dass man nichts zu verbergen hat. Es gab eher das Argument, dass das alles ungerecht ist und bei uns gar nichts zu finden ist.

    Wie beurteilen Sie die Arbeit der deutschen Behörden beim Thema Islamismus und Salafismus? War das effektiv oder eher fehlerhaft? Was wäre aus Ihrer heutigen Sicht wirksamer gewesen? 

    Damals war der Salafismus natürlich noch ein ganz neues Phänomen. Das heißt, die Behörden mussten erst noch Strategien und Ideen entwickeln, was man zu diesem Thema überhaupt machen kann. Da wurden mit Sicherheit auch Fehler gemacht. Aber mittlerweile finde ich, wird sehr viel Gutes gemacht. Es gibt zwar Projekte, die gar nichts bringen, wo man nur irgendetwas macht, damit man dann sagen kann, wir haben doch etwas gemacht! Aber gerade in den letzten zwei, drei Jahren hat sich viel zum Positiven gewandelt. Es gibt viele sinnvolle Projekte in Schulen, es gibt Aussteiger- und Deradikalisierungsprojekte, auch Präventionsprojekte von denen ich viel halte.

    Sie haben seinerzeit aktiv an salafistischer Propaganda mitgearbeitet, viele Youtube-Videos produziert oder auf der Straße neue Mitglieder angeworben. Wie funktioniert diese islamistische „Missionierung“?

    Ich verbinde das Wort "Propaganda" mit etwas Kämpferischem, aber das war damals eigentlich nicht meine Motivation. Uns ging es in erster Linie darum, zu missionieren. Genau wie das die Zeugen Jehovas auch machen, also ohne jeglichen kämpferischen Aspekt. Wir wollten keine Mitglieder gewinnen, um die dann irgendwann in den Kampf zu schicken. Darum ging es mir zumindest nie. Aber natürlich war man von seiner Weltanschauung überzeugt und von seiner Interpretation der Religion.

    „Die Missionsarbeit ist professionalisiert worden“

    Deshalb wollte man neue Mitglieder anwerben. Salafisten haben die Vorstellung eines Schneeballsystem: Wenn ich jemanden anwerbe, dann bekomme ich die ganzen guten Taten, die dieser Mensch in seinem Leben je machen wird, auch auf meinem Gute-Taten-Konto gutgeschrieben. Es gab ganz verschiedene Wege, wie man das gemacht hat. Es fing an in der Stadt, in meinem Fall in der Mönchengladbacher Innenstadt, dass man Menschen einfach angesprochen hat. Man hat Flyer verteilt oder man stand mit einem Tapeziertisch irgendwo und hat Bücher verteilt.

    Dann ist das Ganze professionalisiert worden zur Internet-Missionsarbeit, mit YouTube und später auch mit Facebook. Heute gibt es noch „Telegramm“ und wie die ganzen sozialen Netzwerke alle heißen. Man hat dann die Idee gehabt, dass wenn wir Menschen persönlich auf der Straße ansprechen, dann werfen wir die Angel aus und fangen vielleicht einen Fisch. Wenn wir aber ein Fischernetz auswerfen, dann fangen wir gleich ganz viele und das kann man natürlich am besten im Internet. Am Anfang waren die Videos extrem schlecht produziert. Irgendwann hat man dann aber analysiert, was kommt am besten an, was wird wie lange geguckt und man hat dann Strategien entwickelt, wie man am besten Menschen erreicht und die am besten bei Laune hält.     

    Interview: Marcel Joppa

    In Teil 2 des Interviews spricht Dominic Schmitz über die Entwicklung des IS und möglichen Maßnahmen gegen eine Radikalisierung junger Menschen in Deutschland. Der Text erscheint hier in Kürze.

    Das Interview mit Dominic Schmitz zum Nachhören:

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    Salafisten, Radikalisierung, Interview, Islam, Marcel Joppa, Deutschland