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    „Ich war ein Salafist“ – Darum radikalisieren sich junge Deutsche

    © AP Photo / JOHN MACDOUGALL
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    Mehr als 10.000 Salafisten gibt es in Deutschland. Dabei geht die Radikalisierung teils so weit, dass immer mehr deutsche Jugendliche auf den Schlachtfeldern des IS in Syrien landen. Dominic Schmitz ist Aussteiger, in seinem Buch "Ich war ein Salafist" beschreibt er, welche Motivation dahintersteckt und wie man dies womöglich verhindern kann.

    Herr Schmitz, während Ihrer Zeit in der Salafistenszene haben Sie eine Menge Kontakte geknüpft. Auch zu Personen, die sich später dem IS in Syrien angeschlossen haben. Das ist im Grunde genommen die Spitze der Radikalisierung. Wie haben Sie die Anfänge des IS erlebt?

    Da war ich schon aus der salafistischen Szene ausgestiegen. Ich hätte mich zu den Anfangszeiten des IS zwar vielleicht selbst noch als Salafist bezeichnet, aber ich war bereits im Prozess des Ausstiegs, der rund drei Jahre gedauert hat. Von 2010 bis 2013 habe ich mich Stück für Stück zurückgezogen und mich auf eine neue Sinnsuche begeben. Ich habe mich auch gefragt, wofür stehe ich eigentlich. Und da war für mich auch schon klar, ich stehe auf keinen Fall für Krieg.

    Als der IS entstanden ist, habe ich das wie eigentlich jeder normal denkende Mensch beurteilt, ich habe das als schrecklich empfunden. Ich hatte völliges Unverständnis, wie man auf die Idee kommen kann, dass Gott es gut finden könnte, dass man Menschen schlachtet oder sogar Muslime mit Muslimen kämpfen. Wie man als Moslem sagen kann, wir müssen andere Muslime bekämpfen, das war mir damals schon total schleierhaft. Diese neue militante und aggressive Form des Islam — in Deutschland hatte sich damals die ganze Szene bereits verändert — war nicht das, was ich als Jugendlicher gesucht hatte.      

    Bei manchen junge Menschen, die auf der Straße angesprochen wurden, ging die Radikalisierung dann aber noch weiter. Haben Sie Personen gekannt, die beispielsweise in Syrien ihr Leben gelassen haben?

    Das ist schwer zu sagen, weil man natürlich nie genau weiß, wer da tatsächlich gestorben ist. Aber ich kenne natürlich Leute, die dort hingegangen sind.

    Nun hatten wir in Europa diverse islamistische Anschläge, auch in Deutschland. Sie selbst kennen die Motive, warum sich junge Menschen radikalisieren. Heißt das, dass Sie Personen, die solche Anschläge durchführen, auf eine gewisse Art und Weise verstehen können?    

    Nein, verstehen kann ich diese Menschen nicht. Aber ich kenne natürlich die Motive, die einen dazu antreiben. In erster Linie ist das ein totaler Hass, vielleicht sogar erst einmal sich selbst gegenüber. Nehmen wir zum Beispiel den Terroranschlag Mitte 2016 auf einen Schwulenclub im US-Bundesstaat Florida. Nachher hat sich herausgestellt, der Angreifer war selbst homosexuell. Und aus diesem Selbsthass heraus hat er andere Menschen gehasst und sie dann letzten Endes auch getötet.

    „Man kämpft für den Islam gegen die Ungläubigen“

    Ich glaube, das treibt ganz viele Jugendliche an: Es ist die Vorstellung, tatsächlich etwas Gutes zu tun. Man kämpft für den Islam gegen die Ungläubigen und erschüttert sie mitten in ihrem Herzen in ihrer eigenen Stadt. Denn wenn ich mich in die Luft sprenge, dann bin ich ein Märtyrer. Von Gott werden mir dann alle meine Sünden vergeben und ich werde 72 Jungfrauen im Paradies bekommen. Natürlich widerspricht das jedem auch nur halbwegs rationalen Denken.

    Sie sind aus der Szene ausgestiegen, weil Sie auch einfach nicht mehr hinter der salafistischen Überzeugung standen. Wie wurde das damals dort aufgenommen?

    Verständnis hatte man da für mich auf keinen Fall. Als ich mich am Anfang von der Gemeinde distanzierte, wurde versucht, mich wieder zu bekehren. Ähnlich wie man es am Anfang schon gemacht hatte. Man wollte mich also wieder zurückholen. Als man dann gemerkt hat, die alten Argumente ziehen bei mir einfach nicht mehr, hat man sich zunächst einmal nicht mehr großartig um mich bemüht. Als ich dann aber auf meinem YouTube-Kanal, den ich ursprünglich einmal für meine Missionsarbeit gegründet hatte, irgendwann das Gegenteil gemacht habe, galt ich direkt als Heuchler und Abtrünniger.

    Dann standen irgendwann Leute vor meiner Haustüre, auch in der Moschee wollte man mich verprügeln. Mitten in der Stadt wollte mich ein Salafist angreifen, er wurde dann aber noch von seinen Brüdern zurückgehalten. Dann habe ich die Polizei gerufen. Kurz bevor mein Buch dann Anfang 2016 erschienen ist, bin ich aus Mönchengladbach weggezogen.

    Sehen Sie sich auch bis heute noch Anfeindungen ausgesetzt?

    Auf jeden Fall. Man wird dort nie vergessen. Wenn ich beispielsweise im Fernsehen bin oder ein Interview gebe, das eine größere Reichweite hat, dann höre und lese ich immer wieder etwas aus der Szene. Ich habe mittlerweile auch keine sozialen Netzwerke mehr, weil ich mir diesen Schwachsinn irgendwann nicht mehr durchlesen konnte und da auch keine Kraft mehr für habe. Aber es gilt auf jeden Fall nicht „Aus den Augen, aus dem Sinn“. 

    Sie waren damals, als sie den Einstieg in die Szene gefunden haben, ein typischer Teenager, der unzufrieden mit sich und der Welt war. Solch eine Gefühlslage ist in dem Alter ja nicht selten. Was können Sie Eltern mit auf den Weg geben, wie man solch einer Entwicklung hin zum Extremismus entgegenwirken könnte?    

    Es gibt kein Patentrezept dafür. Es fängt erst einmal damit an, dass Eltern Interesse zeigen. Jetzt wird wohl jeder Elternteil sagen, natürlich zeige ich Interesse für meine Tochter oder meinen Sohn. Aber so logisch und einfach ist das nicht. Wenn man nur fragt, wie es ist der Schule war, der Jugendliche dann mit "gut" antwortet und in sein Zimmer geht, dann ist das nur oberflächlicher Smalltalk. Man muss sich wirklich dafür interessieren, was das Kind beschäftigt, was für innere Konflikte es mit sich herumträgt. Viele Eltern wissen beispielsweise nicht, dass ihr Kind in der Schule gemobbt wird. Man muss das Kind in einem gewissen Alter an die Hand nehmen und dabei helfen, eine eigene Identität zu entwickeln.

    „Wenn Jugendliche rebellieren, sollte man eine Vertrauensbasis schaffen“

    Auch wenn Jugendliche manchmal rebellieren, sollte man eine Vertrauensbasis schaffen. Es ist trotzdem so, dass sich viele Jugendliche irgendwann abnabeln und vollkommen ihr eigenes Ding durchziehen, so war es bei mir auch. Und dann steht genau in solch einem Moment vielleicht gerade der Marokkaner vor dem Fenster und erzählt einem irgendetwas vom Islam. Oder der Nazi wird auf einmal ein guter Freund und man findet plötzlich die Kameradschaft bei denen gut.

    Auch wenn es pauschal klingt, aber diese Kombination aus Elternliebe und sich gleichzeitig mit den Sorgen seines Kindes auseinanderzusetzen, auch wenn es manchmal anstrengend ist, dieser Verantwortung sollten sich Eltern bewusst sein.

    Marcel Joppa

    Das Interview mit Dominic Schmitz zum Nachhören:

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    Tags:
    Radikalisierung, Interview, Salafismus, Deutschland