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    Gehirnwäsche bis hin zu Terror und Massenmorden: Die gefährlichsten Sekten der Welt

    © AFP 2019 / Aizar Raldes
    Religion
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    Die Glaubensfreiheit nimmt manchmal fanatische Züge an. In der Vergangenheit sind bereits zahlreiche Gemeinschaften entstanden, deren Verantwortung für unter anderem Massenmorde und Attentate belegt wurde. Sputnik hat die gefährlichsten Sekten zusammengefasst und einen russischen Experten dazu befragt.

    Sekte ist eine Bezeichnung für eine religiöse, philosophische oder politische Richtung und ihre Anhängerschaft. Der russische Religionswissenschaftler, Oberlehrer an der philosophischen Fakultät der Moskauer Lomonossow-Universität (MGU) und Exekutivsekretär der Russischen Religionswissenschaftsgemeinschaft,  Pawel Kostylew, verwies in einem Gespräch mit Sputnik darauf, dass Wissenschaftler in diesem Zusammenhang gewöhnlich über religiöse Bewegungen sprechen, die eine besondere Art der unkonventionellen Religiosität darstellen.

    „Sekte ist grundlegend ein theologischer Begriff,  im wissenschaftlichen Sinn ist es ein Begriff der Soziologie der Religion. Dieser bedeutet eine nicht besonders große, von der Welt abgeschlossene religiöse Kommune, die sich von einer größeren religiösen Bewegung gelöst hat“, so der Experte.

    Er betonte dabei, dass nicht alle neuen religiösen Bewegungen im sozialen Plan wie eine Sekte aufgebaut seien. Eine Sekte (im soziologischen Sinne dieses Wortes) gebe es demnach oft auch in traditionellen Religionen. Im Unterschied zur Sekte sei die Kirche etwa als Typ der sozialen Organisation der religiösen Gemeinschaft offen für die Welt und könne vielköpfig sein.

    Wenn man über nicht konventionelle Religiosität spricht, gibt es Kostylew zufolge neben neuen religiösen Bewegungen auch Bewegungen des Neopaganismus, New-Age-Bewegungen, Gruppen der geistigen Verbundenheit und Entwicklung, Satanismus, Magie und esoterische Schulen sowie mystische Brüderschaften.

    Trotz wissenschaftlicher Erläuterungen verwenden wir im alltäglichen Diskurs das Wort „Sekte“, wenn wir über die Tätigkeit von religiösen und spirituellen Gruppen mit fanatischer Ausrichtung sprechen, deren Anhänger manipulieren, terrorisieren und weltweit Angst und Schrecken verbreiten.

    Sputnik gibt Ihnen einen kurzen Einblick in die Geschichte und Tätigkeit der wohl gefährlichsten Sekten der Welt:

    Ōmu Shinrikyō (Aum Shinrikyo; Aleph), Aum-Sekte

    Das ist eine ursprünglich in Japan entstandene neureligiöse Gruppierung, die im Jahre 1987 von Chizuo Matsumoto unter dem Namen Ōmu Shinsen no Kai gegründet wurde. Zunächst sollte es ein Yoga-Verein sein. Nachdem der Gründer 1986 nach eigenen Angaben im Himalaja „die höchste Wahrheit“ gefunden hatte, benannte er die Gemeinschaft in Ōmu Shinrikyō (Om-Lehre der Wahrheit) um.

    Giftgasanschlag in der Tokioter U-Bahn am 20. März 1995
    © AFP 2019 / JIJI
    Giftgasanschlag in der Tokioter U-Bahn am 20. März 1995

    Sie wurde der weltweiten Öffentlichkeit durch ihren Giftgasanschlag in der Tokioter U-Bahn am 20. März 1995 bekannt. Dabei wurden 13 Personen getötet und Tausende Menschen verletzt. Mit dem Anschlag wollte der Sektengründer Medienberichten zufolge einen Weltkrieg und die anschließende Apokalypse provozieren. 

    Shoko Asahara, Anführer der Aum-Sekte, nach der Festnahme (Archivbild)
    © AP Photo / Kyodo News
    Shoko Asahara, Anführer der Aum-Sekte, nach der Festnahme (Archivbild)

    Im Januar 2000 benannte sich Ōmu Shinrikyō in Aleph um. Die Sekte ist in der EU, Kanada, den USA, Russland und vielen anderen Staaten verboten. Ende Januar 2018 war berichtet worden, dass sämtliche Prozesse gegen die Sekte beendet und zwar das letzte Gerichtsverfahren gegen ihre Mitglieder abgeschossen worden seien. Medienberichten zufolge wurden innerhalb von 20 Jahren 192 Anhänger der Organisation zur Verantwortung gezogen. 13 von ihnen sollen zur Todesstrafe verurteilt worden sein.

    Peoples Temple (Volkstmpel)

    Der Peoples Temple wurde 1956 von Jim Jones in Indianapolis (US-Bundesstaat Indiana) gegründet. Mit seinen Anhängern reiste er 1974 in den Nordwesten Guyanas, wo sie das Dorf Jonestown gründeten und zum Gelobten Land erklärten.

    Am 17. November 1978 war der US-Kongressabgeordnete Leo J. Ryan zusammen mit Journalisten nach Jonestown gekommen, um den sich häufenden Berichten über sexuellen Missbrauch von Sektenmitgliedern durch Jones, schlechte Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie über Freiheitsberaubung und Folter in dem Dorf nachzugehen. Der Sektenführer zwang Medienberichten zufolge seine Mitglieder, dem Politiker ein harmonisches Leben vorzuspielen. Doch dies misslang. 16 Mitglieder des Volkstempels sollen Ryan gebeten haben, sie aus Jonestown zu befreien. Andere Anhänger von Jones erschossen jedoch schließlich den Politiker und seine Begleiter.

    Nach der Rückkehr der Todesschützen in die Siedlung wurde ein Massenselbstmord organisiert. Die Sektenmitglieder wurden per Lautsprecherdurchsagen zum zentralen Pavillon der Anlage gerufen.

    „Wenn man uns nicht in Frieden leben lässt, so wollen wir jedenfalls in Frieden sterben“, so Jones. „Der Tod ist nur der Übergang auf eine andere Ebene.“

    Um diese andere Ebene zu erreichen, sollten die Einwohner von Jonestown ein Getränk mit Valium und Zyankali trinken. Wer nicht trinken wollte, wurde mit Waffengewalt dazu gezwungen oder erschossen. Am 18. November 1978 kamen 909 Menschen ums Leben.

    Church of Euthanasia

    Die 1992 von Chris Korda in den USA gegründete Religionsgemeinschaft kämpft gegen die Überbevölkerung und plädiert somit für die Vernichtung anderer Lebensformen. Für die Rettung der Erde wirbt die „Kirche“ neben Kannibalismus auch für Suizid, Abtreibung und Analsex. „Rette den Planeten, bring dich um“ und „Esst Menschen, nicht Tiere!“ lauten zwei Parolen der Anhänger.

    ​Der russische Experte verwies auch auf die Gefahr der Gemeinschaft „Church of Euthanasia“. Er betonte vor allem, dass diese für Suizid und Kannibalismus plädiert, um gegen die Überbevölkerung zu kämpfen.

    The Manson Family

    Charles Manson war Anführer einer Sekte, deren Gefolgschaft sich „Manson Family“ nannte. Ihre Mitglieder glaubten daran, dass er der wiedergeborene Christ sei. Dabei spielte die Hippie-Kultur eine wichtige Rolle: Die Mitglieder der „Family“ nahmen Drogen und veranstalteten Orgien.

    Mitglieder der Manson-Familie bei Gerichtsprozess (Archivbild)
    © AP Photo / George Brich
    Mitglieder der Manson-Familie bei Gerichtsprozess (Archivbild)

    Als seine Opfer wählte Manson prominente Persönlichkeiten: Hollywood-Stars, Schriftsteller, Musiker und reiche Menschen. Insgesamt sollen seine Anhänger mehr als 20 Menschen umgebracht haben.

    Der berühmteste Mord der Sekte war der an der 26-jährigen Schauspielerin Sharon Tate, der Ehefrau des bekannten Regisseurs Roman Polanski, die im 8. Monat schwanger war. Am 9. August 1969 stürmten vier Mitglieder der „Family“ Polanskis Haus. Neben Tate brachten sie noch sieben andere Menschen um. Auf eine Wand schrieben die Mörder mit dem Blut der Frau „Tod den Schweinen“.

    Scientology

    Das Weltbild von Scientology beruht auf den Schriften des US-Autors L. Ron Hubbard. Nach scientologischer Vorstellung wohnt jedem Menschen ein unsterblicher „Thetan“ inne, der nach dem Tod zum nächsten Körper weiterwandere. Dazu bietet die Organisation eine genau festgelegte Psychotechnik an, die auch mit hohen Kosten verbunden ist. Nach einem Persönlichkeitstest werden als „Therapieangebot“ Schulungen angeboten. Somit soll das geistige und körperliche Wohlbefinden gesteigert werden.

    „Die Organisation wendet einer Gehirnwäsche vergleichbare Psycho-Techniken an“, teilte der Bayerische Verfassungsschutz 2010 mit. „Personen, die sich diesen Verfahren aussetzen, verändern ihre Persönlichkeit erheblich. Sie werden im Kurssystem der Organisation gefangen und entwickeln ein suchtähnliches Verlangen nach weiteren Kursen mit Kosten bis zu mehreren hunderttausend Euro."

    Vielen Fachleuten zufolge ist das Hauptziel der Organisation, nicht nur Geld zu scheffeln, sondern auch die Daten und Informationen von Menschen zu sammeln. Oft wird sie „internationaler Geheimdienst“ genannt.

    Scientology Kirche in Berlin (Archivbild)
    © AP Photo / Miguel Villagran
    Scientology Kirche in Berlin (Archivbild)

    Zu Scientology bekennen sich auch Prominente wie John Travolta, Tom Cruise und Kristie Alley.

    Die Scientology-Kirche als Teil der intern kontroversen Scientology-Bewegung wird, so Kostylew, oft von Scientologen anderer Formationen (beispielweise der Bewegung „Free Zone“ (Freie Zone)) kritisiert. Der Experte verwies außerdem darauf, dass im modernen Russland erwägt worden sei, Scientology sei wegen der hohen Kommerzialisierung der Praxen und „humanitärer Technologien“ überhaupt keine Religion sei.

    Fundamentalistische Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage

    Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, die der Glaubensgruppe der Mormonen zugerechnet wird, wurde 1830 im US-Bundesstaat New York gegründet. Seit etwa 60 Jahren besteht neben der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage auch die Fundamentalistische Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (FLDS). Diese gilt als eine radikale Splittergruppe, zu deren Praktiken die Polygamie und die Zwangsverheiratung Minderjähriger zählen. Die Hauptkirche distanziert sich davon.

    Die genaue Anhängerzahl ist Medienberichten zufolge nicht bekannt. Die Kirchenmitglieder sollen unter anderem in einer Bergregion in British Columbia leben, wo sie Ackerbau und Jagd betreiben. Seit 2012 wird die FLDS von Warren Jeffs geführt. Dieser wurde im Jahre 2005 angezeigt: Ihm wurde das Arrangement einer Ehe zwischen einer Minderjährigen und einem 28-jährigen bereits verheirateten Mann vorgeworfen. Das FBI setzte 2005 den Mann auf die Liste der meistgesuchten Verbrecher in Amerika. Im Jahre 2011 wurde Jeffs zu lebenslänglich plus 20 Jahre Haft verurteilt.

    „Jeder Mann muss mindestens drei Ehefrauen haben, um in den Himmel zu kommen.“ Besser sei es allerdings, so viele wie nur möglich zu haben. Dies garantiere „im nächsten Leben ein höheres Ansehen“, zitiert Focus-Online die Lehre der FLDS.

    Anhängerinnen des fundamentalistischen Jesu-Christi-Kultes
    © AP Photo / Rick Bowmer
    Anhängerinnen des fundamentalistischen Jesu-Christi-Kultes

    Nach dem Tod des Präsidenten der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage Thomas S. Monson im Januar 2018 sprechen internationale Medien immer öfter über die Tätigkeit der Organisation. Deren Hauptsitz befindet sich in Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah. Weltweit gibt es circa 16 Millionen Anhänger, laut denen ihr Glaube als eine von Gott veranlasste Wiederherstellung der Kirche sei, die durch Jesus Christus gestiftet worden sei. Laut dem „Wort der Weisheit“ dürfen die Kirchenmitglieder keinen Alkohol und nur wenig Kaffee und Tee trinken sowie kaum Fleisch essen und möglichst wenig rauchen. Tätowierungen und Piercings werden abgelehnt. Die Mitglieder zahlen den „Zehnten“, also ein Zehntel ihres monatlichen Lohns.

    Medienberichten zufolge werden sogenannte „bischöfliche Gespräche“ mit Kindern und Jugendlichen durchgeführt, bei denen sie befragt werden, ob sie masturbieren, einen Orgasmus hatten und was sie über Sex-Posen wissen.

    Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage sorgt Kostylew zufolge für theologische Kritik, stellt aber keine soziale Gefahr dar.

    Zeugen Jehovas

    Die Zeugen Jehovas sind eine christliche, chiliastisch ausgerichtete und nichttrinitarische Religionsgemeinschaft. Sie bezeichnen ihre innere Verfassung als „theokratische Organisation“, die derzeit über sieben Millionen Mitglieder zählt. Ihr Sitz befindet sich in New York. Die Zeugen Jehovas sind für ihre ausgeprägte Missionstätigkeit, ihre Ablehnung von Bluttransfusionen, das Nichtbegehen aller christlichen Feier- und Festtage außer dem letzten Abendmahl und das Nichtfeiern von Geburtstagen bekannt.

    Das Oberste Gericht Russlands hatte beispielsweise Ende April 2017 auf einen Klageantrag des russischen Justizministeriums hin die Tätigkeit der Zeugen Jehovas im Land verboten und diese Organisation als extremistisch eingestuft.

    „Sie stellen eine Gefahr für die Rechte der Bürger, die öffentliche Ordnung und die öffentliche Sicherheit dar“, hieß es in der Erklärung.

    Die Zeugen Jehovas seien beharrliche und manchmal aggressive Prediger mit beleidigenden Äußerungen über andere Religionen. Aber auch für ihre eigenen Mitglieder sei die Organisation nicht unschädlich, so Alexander Dworkin, Professor der Orthodoxen Humanitären Universität Heiliger Tichon.

    Kongresssaal der Zeugen Jehovas in Glauchau (Archivbild)
    Kongresssaal der Zeugen Jehovas in Glauchau (Archivbild)

    Die Anhänger verweigern sich der übrigen Gesellschaft nicht nur, indem sie Bluttransfusionen verbieten, weder zu Wahlen noch zum Militär gehen. Auch Feste wie Weihnachten, Ostern und sogar Geburtstage werden abgelehnt. Die Ausbildung sowie die Karriere sind für sie nicht von großer Bedeutung. Laut Ex-Anhängern haben die „Zeugen“ fast keinen Kontakt zu ihren Familien und Freunden. Den Zeugen Jehovas wurde Medienberichten zufolge auch Missbrauch vorgeworfen.

    In Bezug auf die „Zeugen Johavas“ sagte der Experte, dass man in vielen Ländern darüber besorgt sei, dass die Anhänger der Organisation auf Bluttransfusion verzichten, was zu potentiellen Risiken führen könne. Zudem seien die „Zeugen negativistisch gegenüber dem Staat gesinnt“.

    Sputnik berichtete mehrmals über die Tätigkeit der Zeugen Jehovas: Mehr zum Thema

    Selbstverständlich ist dies nur ein kurzer Einblick in die Tätigkeit der wohl gefährlichsten, bekanntesten und einflussreichsten Sekten der Welt. 

    Die Hauptgefahr solcher Bewegungen besteht laut Kostylew darin, dass diese kaum vom Staat kontrolliert werden könnten. Auch gebe es weder Standards des sozialen Schutzes von Gläubigen noch Traditionen der Einordnung ins alltägliche Leben. Die Entstehung der meisten religiösen Bewegungen in den USA erklärt der Experte mit der dortigen Religionsfreiheit, die keine Grenzen kenne.

    Der Religionswissenschaftler betonte dabei, dass seit den 1960er Jahren immer wieder neue religiöse Bewegungen auftauchten und deren Zahl ständig wachse. Trotzdem seien die meisten klein und stellten derzeit keine Gefahr dar.

    „In der modernen säkularen Welt können wir kaum ernsthaft von einer religiösen Gefahr sprechen, das Problem liegt immer in sozialen und psychologischen Risiken und Drohungen.“

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    U-Bahn-Anschlag, Radikalismus, Fundamentalismus, Terroranschläge, Sekte, Giftgas, Massenmord, Religion, Aum-Sekte ( Ōmu Shinrikyō oder Aleph), Zeugen Jehowas, Scientology, US-Kongress, Charles Manson, Roman Polanski, Tokio, Japan, Deutschland, USA