17:48 17 Oktober 2018
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    Protestaktion der griechischen Orthodoxen in Thessaloniki

    Diskrimination von Heteros? Christen in Europa und USA wegen Predigten verfolgt

    © AFP 2018 / Sakis Mitrolidis
    Religion
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    Christen landen in Europa und den USA immer öfter wegen ihrer Überzeugungen vor Gericht. In Griechenland droht etwa dem Metropoliten Ambrosius von Kalavryta wegen umstrittener Äußerungen über Homosexuelle eine Haftstrafe. Anton Skripunow schildert für Sputnik, wie Gläubige für ihre Rechte kämpfen und auf wessen Seite sich dabei die Politik stellt.

    Rebellion wegen eines Facebook-Beitrags

    Ein Gericht der Stadt Egio im Westen Griechenlands hat den Geistlichen Ambrosius zwar freigesprochen, aber die Staatsanwaltschaft ließ sich das nicht gefallen und erhob Einspruch. Der Skandal, der das ganze Land empörte, geht also weiter.

    Alles begann mit einem Beitrag des Predigers auf Facebook, als er das zuvor verabschiedete Gesetz über die offizielle Legalisierung von gleichgeschlechtlichen Ehen scharf kritisierte. Eigentlich gab es in Griechenland schon immer Auseinandersetzungen zwischen den Behörden und den kirchlichen Kreisen auf diesem Gebiet. Aber besonders spitzte sich dieser Konflikt unter dem Ministerpräsidenten Alexis Tsipras zu, als dieser seinem Land, wo der orthodoxe Glaube die offizielle Religion ist, offen sagte, dass er nicht an Gott glaube.

    Auf den ersten Blick sollte dieser kritische Beitrag im sozialen Netzwerk für den Metropolit keine schlimmen Folgen haben. Schließlich hatten sich griechische Geistliche auch früher negative Aussagen über Schwule erlaubt. Doch auf einmal zeigten die Rechtsschutzorgane Interesse für Ambrosius‘ Aussagen.

    „Hört ihnen (Schwulen – Anm. d. Red.) nicht zu! Glaubt ihnen nicht! Nähert Euch ihnen nicht!“ Diese Worte schätzte die Staatsanwaltschaft als Aufruf zur Verfolgung von Homosexuellen ein.

    Der Prozess im Gericht erster Instanz dauerte mehrere Monate, und seine Entscheidung gefiel keiner der Seiten. „Wir respektieren natürlich den Gerichtsbeschluss, aber unseres Erachtens ist er juristisch falsch und widerspricht jedenfalls dem Präzedenzrecht des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte“, sagte damals der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Cleo Papadopoulos.

    „Unser Hauptargument war, dass der Metropolit vor allem die politischen Kreise kritisiert hatte, und bei seinen Aussagen über Schwule geht es um die Einschätzung aus der Sicht der kirchlichen Kanons, aber nicht um den Aufruf zu ihrer Verfolgung“, behauptete seinerseits der Rechtsanwalt des Bischofs, Giorgos Mpeskos.

    Aber die Rebellion hatte schon begonnen. In die Stadt, wo der Gerichtsprozess stattfand, kamen Parlamentsabgeordnete von der ultrarechten Partei „Goldene Morgendämmerung“ und organisierten laut Medienberichten einen Marsch durch die Straßen, bei dem sie Anti-Regierungs-Parolen skandierten. Es kam sogar dazu, dass die Teilnehmer der Aktion die städtische Kathedrale blockierten und – überraschend für die Ultrarechten – darauf Symbole der Schwulen- und Lesbenbewegung aufhängten.

    Gläubige Menschen organisierten wiederum ihre eigene Kundgebung und verlangten, dass die Behörden den Prediger in Ruhe lassen und selbst zurücktreten. Ambrosius goss selbst Öl ins Feuer, indem er gleich nach der Gerichtsverhandlung einen wütenden Beitrag veröffentlichte, in dem es unter anderem hieß: „Die Meinungsfreiheit genießen nur Syriza-Mitglieder, Schwule und Anarchisten.“

    Hinter Gitter wegen einer Torte

    In Europa und den USA kam es schon mehrmals vor, dass Konflikte zwischen der Glaubensfreiheit und dem Prinzip der Verteidigung sexueller Minderheiten ausbrachen. So wurde in den 2000er Jahren in Schweden der Pastor Åke Green zu einem Monat Haft verurteilt, weil er sich während einer Predigt negativ über Schwule und Lesben geäußert hatte.

    Aber trotz des Urteils geht die Debatte, wer in dieser Situation Recht hatte, immer noch weiter. Der Priester erklärte mehrfach, niemanden beleidigt haben zu wollen, sondern nur die in der Bibel geschilderten Ansichten zu diesem Thema wiedergegeben zu haben. Etwas anderes konnte er nach seinen Worten nicht tun. Vertreter der Schwulen- und Lesbenbewegung erwidern jedoch immer wieder, religiöse Überzeugungen seien kein Grund, andere Menschen zu beleidigen.

    Noch schärfer ist dieses Problem in Übersee. Dort kommt es praktisch jedes Jahr zu mehreren Gerichtsverhandlungen über Konflikte zwischen Gläubigen und den Behörden. Und der Oberste Gerichtshof der USA beschäftigt sich gerade mit dem Konflikt zwischen dem Konditor Jack Phillips und der Kommission für Bürgerrechte des Bundesstaats Colorado.

    2012 hatte Phillips nämlich den Auftrag bekommen, eine große Hochzeitstorte für ein homosexuelles Paar zu backen. Er erwiderte, er würde jeden anderen Auftrag erfüllen – nur nicht diesen, denn dann wäre er indirekt Teilnehmer einer Schwulen-Hochzeit, was jedoch seinen religiösen Überzeugungen widerspreche. Das Paar verklagte den Konditor, und ein Gericht in Colorado stellte sich auf die Seite der Homosexuellen.

    Phillips wurde mit einer Geldstrafe belegt und verpflichtet, seine Mitarbeiter entsprechend „umzuschulen“. Er weigerte sich aber dies zu tun und betonte, dass eine seiner Mitarbeiterinnen seine 88-jährige Mutter sei, die sich nicht „umschulen“ lassen würde.

    Es begann eine große Kampagne zur Verteidigung Phillips‘. Auf seine Seite stellten sich später sogar einige Vertreter der US-Administration Donald Trumps, denn die juristische Verfolgung des Bäckers widerspreche dem 1. Zusatzartikel zur US-Verfassung, dem zufolge alle Amerikaner Meinungs- und Glaubensfreiheit genießen.

    „Der Oberste Gerichtshof beschäftigt sich mit folgender Frage: Darf die Diskriminierung sexueller Minderheiten als das in der Verfassung verankerte Recht auf Meinungsfreiheit dargestellt werden? Seine Entscheidung könnte dazu führen, dass in verschiedenen Einrichtungen, ob in Bäckereien oder Bestattungsfirmen, landesweit Schilder mit der Aufschrift ‚Nur für Heterosexuelle‘ ausgehängt werden“, erläuterte die Anwältin Louise Melling.

    Und solche Fälle gibt es in verschiedenen Ländern von Jahr zu Jahr immer mehr. Dabei dauern entsprechende Gerichtsprozesse jahrelang. Gibt es denn eine Lösung dieses Problems?

    „Die meisten Christen vertreten unversöhnliche Positionen gegenüber sexuellen Minderheiten“, sagte der Religionsexperte Igor Sagarin von der Russischen Akademie der Volkswirtschaft und des Staatsdienstes. „Deshalb glaube ich nicht, dass sich in absehbarer Zeit etwas ändern könnte.“

    Nach seinen Worten gehören Ehen zwischen Männern und Frauen zu den Basiswerten jeder traditionellen Religion. Ausgerechnet deshalb gehen Gläubige manchmal sogar offene Konflikte mit den Behörden ein – selbst wenn sie dafür hinter Gittern landen könnten.

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    Tags:
    Heterosexuelle, Ehe, Legalisierung, Schwule, Konflikte, Diskriminierung, Homosexuelle, Homosexualität, Lesben, Festnahme, Prediger, Griechenland, Schweden, Europa, USA