03:58 22 August 2018
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    Messe in der Kathedrale von Canterbury (Archivbild)

    Anglikanische Kirche schafft Beichtgeheimnis ab – was erwartet andere Christen?

    © AFP 2018 / Leon Neal
    Religion
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    Die Anglikanische Kirche hat das Beichtgeheimnis aufgehoben – ab sofort haben Pfarrer die Polizei über Straftaten ihrer Kirchengänger zu informieren.

    Jetzt muss jeder von ihnen dem Beichtenden sagen: „Sollten Sie bei Ihrer Beichte eine Frage erwähnen, die begründete Besorgnisse über Ihre Sicherheit und Ihrem Wohlstand bzw. über die Sicherheit und den Wohlstand anderer Personen hervorruft, muss ich diese Informationen den zuständigen Behörden mitteilen. Das bedeutet, dass ich sie nicht geheim halten kann.“

    verlassene Kirche (Symbolbild)
    © AP Photo / Binsar Bakkara
    Das löste natürlich einen großen Skandal aus. Der Pressedienst des Bistums erläuterte, dass dieses Dokument im Laufe von nahezu drei Jahren vorbereitet worden und dass sein Ziel sei, Geistliche „vor moralisch oder juristisch kompromittierenden Situationen zu schützen“. Denn gerade jetzt müssen Vertreter der Anglikanischen Kirche im Zusammenhang mit insgesamt 3300 sexuellen Verbrechen wenigstens als Zeugen vor Gericht auftreten. In einigen Fällen werden sie verdächtigt, Pädophile zu decken.

    Allerdings lassen sich viele Prediger die neue Verordnung der Kirchenvorsteher nicht gefallen, vor allem weil sie die Beichte absolut sinnlos macht. „Die Verfügung des Bistums von Canterbury verstößt gegen die Kanons. Diese Formulierung ist absolut inakzeptabel“, sagte Theologieprofessor Robin Ward von der University of Oxford.

    Auch in der Katholischen Kirche wird viel über das Beichtgeheimnis diskutiert, und das aus dem gleichen Grund – wegen zahlreicher sexueller Skandale, in die Geistliche verwickelt sind. So wurde im vorigen Jahr Kardinal George Pell, die dritte Person in Vatikan, sexueller Gewalt beschuldigt.

    Im Christentum hat es immer das Beichtgeheimnis gegeben. Laut dem Evangelium nach Johannes gab Christus nach seiner Wiederauferstehung den Aposteln die Vollmacht, den Menschen ihre Sünden zu vergeben. Der Sinn des Beichtgeheimnisses besteht darin, dass der Beichtende dem Priester von seinen Sünden erzählt und sich entschlossen zeigen sollte, sein Leben zu verändern. Der Prediger würde ihn dann lossprechen.

    In den ersten Jahrhunderten der Geschichte des Christentums lief die Beichte publik, vor allen Mitgliedern der Kirchengemeinde ab.

    Die Entstehung der geheimen Beichte hänge offenbar damit zusammen, so der Dekan der Theologischen Fakultät der St. Tichon-Universität in Moskau, Erzpriester Pawel Chondsinski, dass es im 9. Jahrhundert zu einem starken Zuwachs der christlichen Gemeinden und der Zahl der Gläubigen gekommen war.  Nicht alle Neubekehrten seien bereit gewesen, öffentlich ihre Sünden preiszugeben. Auch habe das Mönchstum diese neue Praxis beeinflusst und umgesetzt: denn gerade im Mönchstum sei die Sünde als schweres Vergehen verstanden worden, weshalb es als notwendig erachtet wurde, gegen die Ursache der Sünde zu kämpfen – die Begierde und den fehlerhaften Geisteszustand.

    „Der Kampf mit der Begierde ist genau diese innerliche, geheime Arbeit, mit der sich der Beichtvater zusammen mit dem jeweiligen Christen befasst“, so der Priester.

    In der Russisch-Orthodoxen und der Römisch-Katholischen Kirche wird das Beichtgeheimnis strikt eingehalten; in diesem Fall dürfen Prediger juristische Gesetze ignorieren. „Prediger dürfen nicht einmal zwecks Hilfe für die Polizei das Beichtgeheimnis verletzen“, heißt beispielsweise in den Grundlagen der sozialen Konzeption der Russisch-Orthodoxen Kirche.

    Soll das aber etwa heißen, dass Priester Verbrecher decken? Natürlich nicht – sie sehen ihre Aufgabe nur darin, dem Beichtenden zu helfen, möglichst schnell den Besserungsweg einzuschlagen. „Falls Beichtende nicht sicher sind, dass ihre Beichte geheim bleibt, wäre das für sie ein unüberwindbares Hindernis auf dem Weg zur aufrichtigen Reue“, sagte der Vizeleiter der Synodalen Abteilung für kirchlich-öffentliche Beziehungen des Moskauer Patriarchats, Wachtang Kipschidse.

    „Sollte es um die Vorbereitung eines Verbrechen gehen, dann könnte und sollte der Prediger meines Erachtens den Beichtenden dazu überreden, seine kriminellen Absichten aufzugeben.“ Falls der Beichtende eine Straftat bereits begangen habe, sollte der Prediger ihn dazu bringen, sich den Ordnungskräften zu ergeben, ergänzte Kipschidse. „Sollten Prediger verpflichtet werden, der Polizei die Beichtgeheimnisse zu verraten, würde einfach niemand mehr beichten.“

    Die Position der Römisch-Katholischen Kirche ist ähnlich. „Das Beichtgeheimnis darf unter keinen Umständen verletzt werden“, zeigte sich der Generalsekretär der Konferenz katholischer Bischöfe Russlands, Igor Kowalewski, überzeugt. „Das Beichtgeheimnis ist das so genannte natürliche Recht des Menschen. Und das natürliche Gesetz darf von niemandem verletzt werden. Wenn ein Beichtender zu mir kommt, verpflichte ich mich, das Beichtgeheimnis zu wahren, und niemand kann mich zwingen, es zu verletzen. Es gibt allerdings Situationen, in denen ich den Beichtenden aufrufen kann, sich den Ordnungskräften selbst zu ergeben“, betonte er.

    Sowohl orthodoxe als auch katholische Geistliche warnen, dass die Beichte eines der sieben kirchlichen Sakramente ist, durch die Gläubige unsichtbar die Gnade Gottes empfangen. Gott ist laut der christlichen Lehre ewig. Deshalb können die jahrhundertelangen kirchlichen Gesetze durch keine säkularen Normen verletzt werden.

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