07:40 19 August 2018
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    Graffiti zum 100. Jahrestag des Mordes an der russischen Zarenfamilie in Jekaterinburg

    „Das Bajonett bohrte sich tief in den Boden“ – Details zum Mord an der Zarenfamilie

    © Sputnik / Pawel Lissizyn
    Religion
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    Vor genau 100 Jahren wurde in Jekaterinburg die Familie des letzten russischen Monarchen, Nikolaus II., erschossen. Einige Umstände ihres Todes, wie auch das Schicksal ihrer sterblichen Überreste, sind bis heute ein Rätsel. Was über diese Tragödie bekannt ist, schildert Sputnik in diesem Beitrag.

    Ein untersetzter Mann in einer schwarzen Lederjacke sagte laut: „Nikolai Alexandrowitsch! Die Versuche Ihrer Gleichgesinnten zu Ihrer Rettung sind erfolglos geblieben! Und in den schweren Zeiten für die Sowjetrepublik (…) wurde uns die Mission anvertraut, dem Hause Romanow ein Ende zu setzen!“ „Mein Gott! Was ist denn das?!“, schrie Nikolaus II. auf. Und der Mann in der schwarzen Lederjacke zog währenddessen seinen Revolver.

    Chaotische Schießerei

    Aus dem Keller des Hauses von Ingenieur Ipatjew ließen sich Schüsse, Schreie und Stöhnen vernehmen. Die Henker zielten vor allem auf den Zaren.

    Später stritten sich die Mitglieder der „Henkermannschaft“ darüber, wer von ihnen den Monarchen eigentlich getötet hatte: „Das war gerade ich!“

    Die Schießerei dauerte ein paar Minuten – und sie war so chaotisch, dass sogar einer der Henker dabei leicht verletzt wurde.

    Als es wieder still wurde, schrie plötzlich im rechten Winkel jemand auf – das Zimmermädchen Anna Demidowa war am Leben geblieben. Es kam noch ein Schuss. Dann wachte der Zarensohn Alexej auf und stöhnte. Noch ein Schuss. In der anderen Ecke bewegte sich die Großfürstin Tatjana – sie wurde auch nicht gleich getötet, wie auch die Zarentochter Anastasja. Das Mitglied der „Henkermannschaft“ namens Pjotr Jermakow befahl Alexander Strekotin, der sein Gewehr in der Hand hielt, die am Leben gebliebenen Opfer mit seinem Bajonett zu erstechen. Aber dann riss er ihm plötzlich die Waffe aus der Hand und tat es selbst.

    Das war der schrecklichste Moment ihres Todes. Sie starben ziemlich lange nicht – sie schrien, stöhnten und zuckten. Besonders schwer starb diese Dame. Jermakow hat ihr die ganze Brust durchstochen“, erinnerte sich Strekotin später. „Seine Stiche waren dabei so stark, dass sich das Bajonett jedes Mal tief in den Boden bohrte.“

    Der Leichnam des Kaisers wurde in ein Tuch gewickelt und als erster weggebracht

    Die anderen wurden auf Tragen aus Stöcken und Betttüchern weggetragen. Die Bolschewiken hatten es sehr eilig – in Jekaterinburg wurden nämlich Gerüchte verbreitet, dass die Weiße Garde von heute auf morgen die Stadt erobern würde.

    Laut einer Version wurden die Leichname der Mitglieder der Zarenfamilie im Waldort Ganina Jama unweit der Stadt in der Schwefelsäure aufgelöst.

    Eine andere Version besagt, sie wären verbrannt und am Rande der Staraja Koptjakowskaja-Straße, unweit des Eisenbahnübergangs Nr. 184, begraben worden. Die Henker wollten die Spuren beseitigen – offenbar aus Angst, dass Soldaten der Weißen Garde die Leichen entdecken würden. Zudem könnte die Nachricht über die Hinrichtung des Zaren Bauernaufstände auslösen.

    Acht Tage später wurde Jekaterinburg tatsächlich von der Weißen Garde eingenommen. Es begann die Ermittlung.

    Aber die mutmaßlichen sterblichen Überreste der Romanows wurden erst 1979 entdeckt.

    In den 1990er-Jahren ergaben mehrere Untersuchungen, dass es sich tatsächlich um die sterblichen Überreste der Zarenfamilie handelte, aber die Russisch-Orthodoxe Kirche ließ sich diese Schlussfolgerungen nicht gefallen. 2015 begann also eine neue Ermittlung, und die Frage nach dem Bestattungsort der Zarenfamilie bleibt immer noch offen.

    „Prüfungen sind nützlich“

    Es bleibt unbekannt, wo der Erlass zur Hinrichtung abgegeben wurde – in Jekaterinburg oder in Moskau. Die Zarenfamilie wurde noch unter der Provisorischen Regierung festgenommen und stand im Juli 1918 schon seit mehr als einem Jahr unter Arrest.

    Vom 22. März bis 14. August 1917 wurden der Kaiser und seine Nächsten im Alexanderpalast in Zarskoje Selo gehalten – eher als Geiseln.

    „Sie dürfen da nicht hin, Herr Oberst!“ – diese Worte hörte der abgedankte Zar öfter von seinen Bewachern.

    Nikolaus II. und seine Familie durften nicht das Gelände des Palastes verlassen, durften nicht spazieren gehen. Ihre Briefe wurden zensiert.

    Überall außerhalb ihres Hauses wurden sie von bewaffneten Soldaten begleitet. Die neuen Machthaber führten diese Maßnahmen auf die Sicherheitskriterien zurück.

    Zarin Alexandra Fjodorowna schrieb, dass diese Prüfung ihr und ihren Nächsten vom lieben Gott geschickt worden sei. Sie glaubte, genauso wie ihr Mann und ihre Kinder, dass die Revolte bald ein Ende finden würde, und rief alle Anhänger des Zaren auf, nicht zu verzweifeln.

    „Man kann alles ertragen, wenn man Seine (des Gottes) Nähe und Liebe spürt und Ihm in jeder Hinsicht glaubt. Schwere Prüfungen sind nützlich – sie bereiten uns auf ein anderes Leben, auf einen langen Weg vor“, schrieb sie am 28. Mai 1917.

    Im Sommer 1917 spitzte sich die Situation in Petrograd (so hieß Sankt Petersburg von 1914 bis 1924 – Anm. d. Red.) zu, und es wurde deshalb beschlossen, die Romanows möglichst weit weg aus der Hauptstadt bringen.

    „Diese Überführung war durch die Angst der Regierung um die Familie bedingt. Die Regierung entschied sich damals für eine härtere Gangart beim Regieren des Landes. Gleichzeitig hatte sie aber auch Angst, dass ihr neuer Kurs zu Aufständen der Einwohner führen könnte, gegen die man Waffen einsetzen müsste. Aus Angst, dass dieser Kampf auch uns selbst treffen könnte, wollte die Regierung einen anderen, ruhigeren Aufenthaltsort für die Zarenfamilie aussuchen“, erinnerte sich Pierre Gilliard, der Französischlehrer der Zarenfamilie, der mit ihr praktisch die ganze Exilzeit verbracht hatte.

    Zum „ruhigeren Ort“ sollte die Stadt Tobolsk werden. Dort lebten die Romanows im Haus des dortigen Gouverneurs. Der Winter war schwer, die Kinder wurden immer wieder krank.

    Der Tagesablauf war derselbe wie in Zarskoje Selo: Wecken um 09.00 Uhr, Unterricht für die Kinder, Spaziergang oder Arbeit im Garten. Abends las Nikolaus II. Bücher für die ganze Familie vor. Am Wochenende besuchte die Zarenfamilie die Kirche.

    Der Kaiser und seine Nächsten durften auch ihre Diener behalten, deren Zahl aber im Februar 1918 aus Geldmangel wesentlich reduziert werden musste. Das Geld reichte nicht einmal für Lebensmittel.

    Die Exilanten bekamen jedoch Hilfe von Einheimischen und auch von Mönchen, auch wenn das den Wächtern nicht gefiel.

    „Am Morgen sah ich aus dem Fenster, dass der Hügel blockiert wurde – das dumme Abteilungskomitee tat das, damit wir nicht auf den Hügel gehen und über den Zaun hinaus sehen konnten“, schrieb der Kaiser am 5. März.

    Einen Monat später beschloss das Allrussische Zentrale Exekutivkomitee, die Zarenfamilie nach Moskau zu überführen. Aber es sollte anders kommen.

    Die letzten Momente

    Es ist nicht genau bekannt, warum das Exekutivkomitee die Romanows nicht nach Moskau, sondern nach Jekaterinburg überführte. Unklar ist auch, ob die Stadt im Voraus zum Ort der Hinrichtung bestimmt wurde.

    Alles passierte streng vertraulich: Zunächst wurden Nikolaus II. mit Gattin und den Töchtern Maria und Anastasija sowie mit einigen Dienern in den Ural gebracht. Die Wiedervereinigung der Familie erfolgte erst am 23. Mai. Im Ural haben die Geheimdienstler den Adjutanten des Zaren, Fürst Ilja Tatischtschew, den Kammerdiener der Kaiserin, Alexej Wolkow, das Kammerfräulein Anastasija Gendrikowa und die Hofvorleserin Jekaterina Schnejder gefasst.

    Später wurden alle außer Wolkow erschossen

    Die Lebensbedingungen der Zarenfamilie wurden von Tag zu Tag unerträglicher. Besonders schlimm wurden sie am 4. Juli, als das Mitglied des regionalen Sonderausschusses, Jakow Jurowski, zum neuen Kommandanten der Wache ernannt wurde.

    „Zunächst kamen mehrere Arbeiter und befestigten ein Gitter auf unserem einzigen Fenster, das wir öffnen durften. Sie haben offenbar Angst, dass wir hinaussteigen oder Kontakt mit der Wache aufnehmen könnten“, schrieb die Kaiserin Alexandra Fjodorowna am 11. Juli in ihrem Tagebuch.

    „Gestern brachte uns der Kommandant Ju. (Jurowski) die Kiste mit unserem Schmuck, der uns weggenommen worden war, und machte sie in unserer Gegenwart zu und ließ sie bei uns. Es wurde etwas kühler, und im Schlafzimmer ließ es sich etwas leichter atmen. Ju. und sein Helfer verstehen allmählich, was für Leute uns bisher bewachten und beraubten. Selbst abgesehen vom Eigentum – sie behielten sogar den größten Teil der Vorräte aus dem Frauenkloster. Erst jetzt, nach der neuen Veränderung, haben wir darüber erfahren, denn jetzt bekommt die Küche die meisten Lebensmittel“, schrieb der Kaiser zwei Tage nach der Ernennung Jurowskis.

    Es bleibt immer noch ein Geheimnis, warum die Tschekisten wenige Stunden vor der Hinrichtung der Zarenfamilie aus dem Haus Ipatjews den Kochjungen Ljonja Sednew weggeführt hatten, mit dem der Zarensohn gerne spielte. Die Kaiserin dachte, er wäre einfach geflüchtet.

    Ihre letzte Bemerkung im Tagebuch: „10 ½ Uhr. Bin ins Bett gegangen. +15 Grad.“

    Die Umstände der Hinrichtung sind vor allem aus den Unterlagen der Ermittlung bekannt, mit der Nikolai Sokolow von Koltschak beauftragt wurde, sowie aus den Erinnerungen der Henker.

    „Am 16. Tag gegen 11.00 Uhr abends rief ich wieder meine Männer zusammen und erklärte, wann sie die Beseitigung der Verhafteten beginnen sollten. Pawel Medwedew beauftragte ich mit einer gründlichen Überprüfung der Wache von außen und innen und sagte ihm, dass er und sein Assistent die ganze Zeit auf das Haus und auf das Haus der äußeren Wache achten sollten. Sie sollten immer mit mir Kontakt haben. Und dass sie schon im letzten Moment, als alles für die Hinrichtung fertig sein sollte, alle Wächter und die anderen Mitglieder der Mannschaft warnen sollten: Falls im Haus Schüsse zu hören sein sollten, sollten sie sich keine Sorgen machen und in ihrem Raum bleiben. Und falls etwas passieren sollte, was ihnen nicht gefallen würde, sollten sie mir das mitteilen“, erinnerte sich Jurowski.

    Am 17. Juli hielt vor dem Haus Ipatjews gegen 13.30 Uhr ein Lastwagen an. Der Motor blieb weiter laufen. Die Zarenfamilie und ihre Diener wurden aufgeweckt – sie sollten ihre Sachen sammeln. Das nahm etwa 40 Minuten in Anspruch. Dann wurden sie in den Keller geführt, wo ihnen befohlen wurde, sich vor die Wand zu stellen.

    „Hier gibt es nicht einmal Stühle“, wunderte sich die Zarin. Sie verstand einfach nicht, was sie dort zu tun hatten. Jurowski befahl seinen Männern, drei Stühle zu holen.

    Wer sich an der „Henkermannschaft“ beteiligte, ist nicht genau bekannt. Unklar ist auch, wer die Hinrichtung durchführte – Jakow Jurowski oder Pjotr Jermakow. Auch der Wortlaut des Urteils, das Jurowski vorlas, ist verlorengegangen.

    Im kleinen Raum, wo nur eine kleine Lampe leuchtete, standen Männer in Lederjacken, die mit Pistolen bewaffnet waren. Und vor ihnen standen ihre unschuldigen Opfer.

    Elf Personen: der Kaiser Nikolaus II., die Kaiserin Alexandra Fjodorowna, die Großfürstinnen Olga, Tatjana, Maria, Anastasja, der Zarensohn Alexej sowie der Arzt Jewgeni Botkin, der Koch Iwan Charitonow, der Kammerdiener Alexej Trupp und das Zimmermädchen Anna Demidowa.

    Tags:
    Erschießung, Zarin, Zar, Mord, Romanow-Dynastie, Nikolaus II, Sowjetunion, Jekaterinburg, Russland
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