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    Papst Franziskus während des Gipfels im Vatikan

    „Missbrauchs-Gipfel“ im Vatikan: Opfer enttäuscht – Exklusiv

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    Bei der jüngsten Bischofskonferenz zum Thema „Schutz Minderjähriger in der Kirche“, die neulich in der Vatikanstadt unter dem Vorsitz von Papst Franziskus höchstpersönlich stattgefunden hat, wurde eine neue Initiative (Motu Proprio) zum Schutz von Minderjährigen und anfälligen Personen veröffentlicht.

    Wird der Heilige Stuhl aber von Worten zu Taten übergehen können? Sind die Opfer mit den Ergebnissen dieses Gipfels zufrieden?

    Sputnik hat mit Francesco Zanardi, dem Präsidenten des Verbandes der Opfer sexueller Gewalt seitens Geistlicher (Rete Abuso-Associazione), gesprochen, der im Alter von elf Jahren von einem Prediger missbraucht worden war.

    Francesco, wie schätzen Sie den Ausgang des Gipfels ein?

    Leider ist meine Einschätzung negativ. Wir hatten etwas Bedeutenderes erwartet, beispielsweise dass Bischöfe, die Fakten von sexueller Gewalt verheimlicht hatten, anathematisiert werden. Franziskus hatte sich ja seit seiner Wahl zum Papst immer beklagt, dass Bischöfe von solchen Zwischenfällen wissen, und hätte eigentlich die Entscheidung zur Anathematisierung der Geistlichen treffen sollen, welche Fakten  von gewaltsamem Missbrauch vertuscht hatten. Doch das ist nicht passiert.

    Also ist der Gipfel gescheitert?

    Bei dem Gipfel wurde nichts erreicht. Ich war einer der acht Menschen, die sich mit dem Organisationskomitee des Gipfels getroffen haben. Unsere Vorschläge waren klipp und klar: Gewisse Bischöfe sollten entlassen werden; die Archive der Vatikanstadt sollten für Untersuchungsrichter freigegeben werden. De facto baten wir Kirchenvertreter, dass sie sich in unsere Situation versetzen – in die Situation der Opfer. Die Skandale um Pädophile in der Kirche dauern schon seit 1999 an. In diesen 20 Jahren haben wir viel Gerede gehört, aber vorerst versucht die Kirche erst, zu verstehen, womit sie die Lösung dieses Problems  beginnen müsste.

    Sie hatten auf ein Treffen mit Papst Franziskus gewartet, doch dazu ist es nicht gekommen. Sind Sie enttäuscht?

    Man hatte uns versprochen, dass Papst Franziskus da sein würde, aber am Ende konnten wir uns nicht mit ihm treffen. Ich muss zugeben, dass ich über seine Abwesenheit traurig bin. Aus meiner Sicht ist der Papst immerhin der Vorsteher der Vatikanstadt – also die Person, die über die legislative, exekutive und judikative Macht verfügt. Papst Franziskus hätte der Veranstaltung beiwohnen sollen, bei der solch wichtige Themen besprochen wurden.

    Der Vatikan versuchte während des Gipfels, der Welt zu zeigen, dass er zu konkreten Maßnahmen bereit wäre. Bei dem Treffen wurde ein Motu proprio des Papstes veröffentlicht, dem zufolge Priesterseminare reformiert werden sollten. Könnten diese Maßnahmen Ihrer Meinung nach dabei helfen, Minderjährige vor der Gewalt in der Kirche zu schützen? Wäre es möglich, „Übel in die Möglichkeit für Reinigung zu konvertieren“, wie Papst Franziskus sagte?

    Die Vatikanstadt redet davon schon seit 20 Jahren. Papst Franziskus hatte schon sein Motu proprio verkündet, aber es wurde nie praktisch umgesetzt. Warum sollte ich mit dem neuen zufrieden sein? Das ist ja nur Werbung. Aktuell hat der Papst nichts Konkretes getan, sondern nur gesagt, er würde etwas tun. Aber reden und tun – das sind ja zwei verschiedene Verben. Das Einzige, was ich sehe, ist, dass sich Papst Franziskus nicht mit den Opfern getroffen hat, um mit uns zu besprechen, wie die Situation nicht nur gleich ab dem heutigen Tag verändert werden könnte, sondern wie man auch die Verantwortung dafür übernehmen könnte, was bisher getan wurde. Mehr noch: In Pressemitteilungen stellt die Vatikanstadt die Situation so dar, als wäre die Kirche das Opfer. Ich bin absolut überzeugt, dass ich das Opfer war, aber jetzt stellte sich heraus, dass die Kirche sich für ein Opfer hält.

    Was sollte die Kirche tun, um diesem gefährlichen Phänomen ein Ende zu setzen? Die deutsche Regierung hat beispielsweise die Kirche aufgerufen, ihre Archive zu öffnen, die bisher vertraulich gewesen waren. Könnte das der erste Schritt für die Vatikanstadt werden?

    Die Vatikanstadt und Papst Franziskus sollten dem Beispiel Deutschlands folgen. Wir hatten erwartet, dass Papst Franziskus am Montag (dem 18. Februar) befehlen würde, die Archive für Vertreter des Gesetzes in den Städten, wo Prediger Gewalt begangen hatten, freizugeben. Papst Franziskus spricht von der Freigabe der Archive seit 2013, aber das sind ja nur Versprechen, deren wir inzwischen müde sind. Wir wollen reale Maßnahmen sehen.

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    Tags:
    Geistliche, Pädophilie, Gipfel, Sexuelle Gewalt, Kirche, Skandal, Opfer, Francesco Zanardi, Papst Franziskus, Vatikan