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    Protest gegen Kirchenbau in Jekaterinburg

    Gewaltsame Proteste am Ural: Putin greift in Kirchenstreit ein

    © Sputnik / Pawel Lissizin
    Religion
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    Sergej Pirogow
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    Jekaterinburg kommt nicht zur Ruhe: Hunderte Menschen protestieren seit Tagen in der Ural-Metropole gegen den Wiederaufbau einer in der Stalin-Zeit gesprengten Kathedrale. Es gibt bereits fast ein Hundert Festnahmen und einige Verletzte. Erst nachdem sich Staatschef Wladimir Putin persönlich eingemischt hat, setzen die Behörden das umstrittene Projekt aus.

    Die Stadtleitung will in einem Park im Zentrum die St. Katharina-Kirche wiederaufbauen, die von den Bolschewiken im Frühjahr 1930 zerstört worden war. Die neue Kirche soll 2023 anlässlich des 300. Geburtstages der Stadt fertig sein. Weil dabei eine der wenigen Grünflächen in der Industrie-Metropole verschwinden muss, protestieren seit Montag Hunderte Bewohner gegen das Vorhaben. Seit Montag belagern sie den Park und geraten mit Sicherheitskräften und Gläubigen aneinander. 

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    Protest gegen Kirchenbau in Jekaterinburg

    Das Gotteshaus soll eigentlich einige Hundert Meter entfernt von dem Ort wiederaufgebaut werden, an dem es ursprünglich gestanden hatte: Die Baustelle war bereits 2016 nach Protesten der Öffentlichkeit in den Park am Dramen-Theater verlegt worden. 

    Hundert Festnahmen

    Am Montag durchbrachen Hunderte Demonstranten den Zaun und besetzten die künftige Baustelle. Schon in der Nacht kam es zu Handgreiflichkeiten mit Kirchenanhängern. Letzteren gelang es, die Demonstranten von der Baustelle zu verdrängen. Eine Korrespondentin der Regionalzeitung „Ura“ berichtete, dass Unbekannte Tränengas eingesetzt hätten. Weiteren Berichten zufolge mussten drei Menschen ins Krankenhaus. 

    Am Dienstag und Mittwoch gab es erneut Proteste. Die Polizei berichtete von 98 Festnahmen. Gegen 26 der Festgenommenen erließ ein Gericht Haftbefehle.

    Kreml spricht von Provokateuren

    Kreml-Sprecher Dmitri Peskow verteidigte den Polizeieinsatz. Nach seiner Einschätzung gab es während der Proteste Provokationen, die Reaktion der Sicherheitskräfte sei deshalb begründet gewesen. Die Behörden hätten korrekt gehandelt, sagte Peskow. Zugleich sprach er sich für Gespräche der Behörden mit den Bewohnern und dem Bauherrn aus. 

    In den sozialen Medien machten unterdessen Gerüchte die Runde, dass die Nationalgarde Verstärkungstruppen nach Jekaterinburg verlege, um die Kundgebung gewaltsam aufzulösen. Der Pressesprecher der Nationalgarde, Valeri Gribakin, tat diese Informationen als „Fakes“ ab.

    Bürgermeister stoppt den Bau – nach Eingreifen Putins

    Am Donnerstag kamen wieder Demonstranten in den Park am Dramen-Theater und forderten erneut, einen anderen Ort für die Baustelle zu finden. Die Behörden und die Kirche teilten mit, sie sähen keine rechtlichen Gründe, warum das Projekt gestoppt werden müsste. 

    Am Nachmittag nahm Staatspräsident Wladimir Putin erstmals zu dem Konflikt Stellung. Das Tauziehen müsse beendet werden, das Problem müsse „im Interesse aller“ gelöst werden, sagte der Kremlchef während eines Medienforums in der Schwarzmeerstadt Sotschi.

    „Die Stadtverwaltung und die regionalen Behörden müssen eine Lösung finden, die für die Bewohner optimal ist“, forderte der Präsident. „Die Meinung der Bewohner muss unbedingt berücksichtigt werden.“ Der beste Weg wäre ihm zufolge eine Volksbefragung.

    Kaum eine halbe Stunde später kündigte die Stadtverwaltung von Jekaterinburg an, umgehend eine Volksbefragung zu organisieren. „Die Befragung beginnt morgen“, sagte die Sprecherin der Stadtverwaltung, Jekaterina Kusemki, im Sputnik-Gespräch. 

    Bürgermeister Alexander Wyssokinski kam am Donnerstagabend persönlich in den Park am Dramen-Theater. Nach einem Gespräch mit den Gegnern des Projekts ließ er die Bauarbeiten vorerst ruhen.

    „Die Bautätigkeit wurde bereits gestoppt. Wir werden auf das Ergebnis des Referendums warten", sagte der Bürgermeister.

    Behörden schlagen Alternativen vor

    Die Stadtverwaltung von Jekaterinburg teilte noch am selben Tag mit, dass zwei unabhängige Befragungen durchgeführt würden. Bürgermeister Wyssokinski schloss nach einem Treffen mit Projekt-Gegnern am Samstag sogar ein städtisches Referendum nicht aus.

    Die Führung der Region will ihrerseits mindestens vier weitere Standorte für den Neubau der Kirche zur Diskussion vorschlagen. Gouverneur Jewgeni Kujwaschew räumte eigene Fehler im bisherigen Umgang mit dem Problem ein.

    „Wo die Kirche stehen und wo der Park liegen wird, sollen die Bewohner entscheiden“, sagte er im Gespräch mit Ura.ru. Am Montag werde eine Liste alternativer Orte veröffentlicht werden, die aber „keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt“. Der Gouverneur forderte die Bürger auf, eigene Anregungen zu äußern.

    Gegner feiern Etappensieg

    Aktivist Dmitri Moskwin von der Bürgerinitiative „Parki i Skwery Jekaterinburga“ (zu dt. „Park- und Grünanlagen von Jekaterinburg“) lobte den vorläufigen Baustopp. In einem Interview mit dem Radiosender Echo Moskaus sprach er am Sonntag von einem Etappensieg für seine Bewegung, die sich gegen das Projekt positioniert.

    „Wir sind zufrieden mit dieser Entscheidung (…). Das ist aber noch kein Sieg, sondern lediglich ein kleines Zugeständnis (vonseiten der Behörden – Anm. d. Red.).“

    „Das ist eine Zwischenetappe, und wir werden weiter kämpfen“, sagte Moskwin. Nach seiner Einschätzung gibt es in der Stadt Orte, an denen die Kathedrale sicher besser platziert wäre.

    Kirche will Projekt ins rechte Licht rücken

    Die Russisch-orthodoxe Kirche ihrerseits verteidigte das Vorhaben, räumte jedoch ein, die Öffentlichkeit vorab nicht genug darüber informiert zu haben. Sie bereitet nun eine Präsentation vor, die auch die Gegner überzeugen soll.

    „Wir hoffen, mit einer ausführlichen Präsentation, die in allernächsten Zeit durchgeführt wird, die Wahrheit über das Projekt an die Öffentlichkeit heranzutragen“, sagte Maxim Minjailo, Sprecher der Diözese von Jekaterinburg.

    Nach seinen Worten soll der Park durch den Wiederaufbau der Kirche nicht verschwinden, sondern umgebaut und saniert werden. Metropolit Ilarion, der Sprecher des Moskauer Patriarchats, bedauerte in einer Stellungnahme, dass es auf der Baustelle zu Gewalt gekommen ist: „Die Kirche ist mit allen zu einem Dialog bereit, auch mit Gegnern.“

    Bürger uneinig

    Am Samstagabend hatten Gläubige im Park am Dramen-Theater für den Wiederaufbau der St.-Katharina-Kirche an diesem Ort demonstriert (VIDEO >>). Die regionale Diözese der Russisch-orthodoxen Kirche schätzte die Zahl der Teilnehmer auf 1000, örtliche Journalisten auf 200 bis 500. 

    Auf dem staatlich geförderten Portal für Bürgerinitiativen forderten bis Sonntagabend (19.05.2019) mehr als 20.000 Internetnutzer ein städtisches Referendum über das Projekt, nur knapp 200 stimmten gegen ein Referendum.

    Jekaterinburg, wo die Bolschewiken im Juli 1918 den letzten russischen Zar Nikolaus II. und seine Familie erschossen hatten, ist in Russland ein wichtiger Pilgerort. Anlässlich des 100. Jahrestages hatten im vergangenen Sommer Zehntausende Menschen mit einer Prozession der Zarenfamilie gedacht. Die Teilnehmer marschierten vom Ermordungsort bis zum mutmaßlichen Bestattungsort und legten dabei fast 20 Kilometer zurück. Auch Patriarch Kyrill von Moskau und ganz Russland (71), das Oberhaupt der Russisch-orthodoxen Kirche, war dabei.

    Redaktioneller Hinweis: Der bereits am 16.05.2019 veröffentlichte Beitrag „Gewaltsame Proteste im Ural: Putin greift in Kirchenstreit ein“ wurde am 19.05.2019 um neue Informationen (Reaktionen der Gegner und der Anhänger des Kirchenneubaus und der Russisch-orthodoxen Kirche) ergänzt.

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