03:07 01 Dezember 2020
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    Mit der traditionellen Blumenniederlegung am Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz am 150. Geburtstag des Gründers des ersten sozialistischen Staates, dem 22. April, hat die Staatsduma-Fraktion der Kommunistischen Partei Russlands (KPRF) das Jubiläum begangen. Die Veteranen wurden aber gebeten, zu Hause zu bleiben.

    Der Vizevorsitzende des Zentralkomitees der KPRF und Staatsduma-Abgeordnete Juri Afonin hatte am Vortag versichert, alle Jubiläumsveranstaltungen würden im Hinblick auf die Coronavirus-Krise unter strikter Einhaltung des einschlägigen geltenden Rechts sowie der epidemiologischen Regeln wie Abstandshaltung und Sicherheitsvorschriften stattfinden.

    Der Chef der liberaldemokratischen Partei, Wladimir Schirinowski, hat vorgeschlagen, die Kommunisten, die an der Aktion beteiligt waren, festzunehmen.

    „Wir müssen uns alle isolieren. Sie haben aber gegen diese für alle geltende Regel verstoßen. Ihnen hätten sich einige unverantwortliche Bürger anschließen können, um unter dem Vorwand der Teilnahme an der Aktion einfach auf dem Roten Platz spazieren zu gehen. Die KPRF muss doch endlich aufgelöst und verboten werden.“

    In der Kommunistischen Partei wurde diese Erklärung auf die „antisowjetische“ Position des Politikers zurückgeführt. „Die Einstellung des Herrn Schirinowski und seiner Partei zu Lenin, Stalin, der sowjetischen Epoche ist uns bekannt — da gibt es nichts zu kommentieren, ihr Antisowjetismus ufert aus.“

    Die Blumenniederlegung am Mausoleum habe nicht den Charakter einer Massenveranstaltung, erwiderte Afonin. Dieser großen Persönlichkeit kann man während des ganzen Tages an verschiedenen Orten in der Stadt gedenken. Wir haben in Moskau wie russlandweit viele Lenin-Denkmale und viele mit ihm verbundene Gedenkorte. Deshalb können unsere Aktivisten und Anhänger ohne Weiteres QR-Code-Ausweise ausstellen lassen, jeder für sich, und Blumen niederlegen, etwa vor dem Lenin-Denkmal am Kaluschkaskaja Platz oder sonst wo.“

    Lenin hat in Russlands Geschichte eine positive Rolle gespielt

    Vordem hatte der KPRF-Abgeordnete Oleg Smolin den Beschluss seiner Partei mitgeteilt, wegen der Pandemie die großangelegten Lenin-Feierlichkeiten auf den Herbst zu verlegen. Laut einer russlandweiten Telefonumfrage der Stiftung „Öffentliche Meinung“ waren im Vorfeld des Jubiläums 56 Prozent der russischen Bürger überzeugt, dass Lenin in der Geschichte des Landes eine positive Rolle gespielt hat. Nur 20 Prozent vertreten eine entgegengesetzte Meinung. Unter jungen Leuten zwischen 18 und 30 Jahren liegt der Anteil derjenigen, die eine positive Bewertung seiner Tätigkeit teilen, mit 57 Prozent etwas höher.

    Die Staatsduma-Fraktion der Kommunistischen Partei Russlands (KPRF) begeht Lenins-Jubiläum auf dem Roten Platz in Moskau, 22. April 2020
    © REUTERS / SHAMIL ZHUMATOV
    Die Staatsduma-Fraktion der Kommunistischen Partei Russlands (KPRF) begeht Lenins-Jubiläum auf dem Roten Platz in Moskau, 22. April 2020

    Ein anderes typisches Ergebnis der Umfrage: Nur vier Prozent der befragten jungen Leute konnten sich an Lenins Geburtstag erinnern. In der Kommunistischen Partei wurde dies mit dem Verfall des Bildungssystems im Lande erklärt, weswegen Schulabgänger häufig viele Daten der Geschichte des eigenen Landes nicht kennen. Dass dieses Datum von den Beamten des Bildungswesens unter die Fragen des Staatsexamens aufgenommen werde, gebe es quasi nicht, bedauert Afonin. „Allerdings stellt sich heraus, dass junge Leute, selbst wenn sie wenig von Lenin wissen, ihn als ein Symbol der sozialen Gerechtigkeit verstehen.“

    Inzwischen haben sich 76 Prozent der Befragten gegen die Umbenennung der Lenin-Straßen in russischen Orten ausgesprochen. Auch tritt die überwiegende Mehrheit (83 Prozent) gegen den Abriss seiner Denkmäler auf. Diese Zahlen müssen laut Afonin das Jucken der Lenin-Hasser in den Führungsetagen und in den Medien abkühlen. „Es der Ukraine nachmachen, wo fast alle Lenin-Denkmäler abgerissen wurden, das klappt sicher nicht. Das Volk wird es nicht zulassen. 30 Jahre rücksichtslose Anti-Lenin-Propaganda haben ein nichtiges Ergebnis gezeitigt. Seit gut einem Vierteljahrhundert haben die Sowjethasser erklärt: Sind erst die alten Generationen verschwunden, werden die neuen alle sowjetischen Leitfiguren verachten. Na, da haben sie es: Auch den Kampf um die Jugend haben sie verloren.“

    Gestalter einer Alternative

    Das, was Lenin geschrieben und als Politiker geleistet habe, habe die Welt wesentlich verändert und eine ganz wichtige Erfahrung gebracht, äußerte Kerstin Kaiser, Büroleiterin der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) in Moskau im Sputnik-Interview.

    „Bis heute ist sein Lebenswerk nicht nur Gegenstand von Studien, sondern auch von nützlichen Erfahrungen. Besonders für junge Leute. Diese Umfrage zeigt es deutlich. Man interessiert sich heute für Lenin eben auch, weil er damals alles, was mit dem entwickelten Imperialismus zu tun hat, theoretisch analysiert und anhand einer konkreten historischen Situation im Ersten Weltkrieg versucht hat, die Theorie von Marx und Engels anzuwenden und weiterzuentwickeln.“

    Was Deutschland betreffe, so könne sie das aus eigener Erfahrung der letzten 30 Jahre sagen: „Man muss Deutschland Ost und Deutschland West immer noch klar trennen, weil die Generationen, die heute im Leben stehen, heute erwachsen sind, bis zur Rente und die heute Politik machen, die meisten, sind ja alle noch in einem getrennten Deutschland in die Schule gegangen.“

    Von daher sei die Bekanntheit Lenins unterschiedlich, so die RLS-Büroleiterin. „Was schlimm ist, dass sich bis heute ein undifferenzierter Antisowjetismus in der Betrachtung Russlands und seiner Geschichte durchsetzt, und damit auch der Betrachtung Lenins. Man sagt, Lenin habe die Sowjetunion gegründet, die Sowjetunion sei ein stalinistischer Unrechtsstaat geworden, und dieser sowjetische Weg sei durch die Bevölkerung abgewählt worden.“

    Damit solle ein Punkt unter die Geschichte gesetzt werden, so Kaiser weiter. „Man hat über das Ende der Geschichte gesprochen. Und damit führt dieser Antisowjetismus zu einem blinden Fleck bei der Betrachtung der Werke von Lenin, aber eben auch der Tradition des Leninismus. Während man im Osten Lenin kannte. Allerdings war die politische Didaktik, die in der Schule, wo man Lenin gelehrt hat, doch ideologisch eingeschränkt. Dann gab es Vorgaben, die heute nicht mehr da sind.“

    Die Linken-Politikerin weist auf das Buch von Prof. Michael Brie „LENIN neu entdecken“ hin: „Er hat Arbeiten von Lenin noch einmal, ein zweites Mal in seinem Leben gelesen und mit den Erfahrungen der letzten 30 Jahre nach der Wende verbunden. Unter anderem hat sich Brie auch zur Frage der Anwendung von Gewalt und der Demokratie geäußert. Er hat auch zu dem Stellung genommen, was man von Lenin nicht übernehmen kann, wenn man heute eine humane, alternative, soziale und demokratische Gesellschaft anstrebt.“

    Dabei würdige Brie Lenin nicht herab, stellt Kaiser fest. „Er sagt klar, die gesellschaftliche Praxis habe bestimmte Wege nicht zum Erfolg geführt. Das, was wir heute wissen, hat Lenin damals nicht gewusst. Die Situation, in der er gehandelt hat, war eine andere. Der Wissenschaftler hat Lenin in seine Zeit gestellt und hat für uns Schlussfolgerungen gezogen, auch für Leute, die heute nach der Frage einer Partei als Organisation sich einen Kopf darüber machen, was soll eine linke Strategie sein.“

    Nicht vom Tisch wischen, aber auch nicht verherrlichen

    Genau das sei die Schlussfolgerung von Michael Brie, hebt Kaiser hervor.

    „In der Zeit des real gewesenen Sozialismus in der DDR haben wir nicht alle Arbeiten von Lenin studiert. Es gab eine klare Art, wie man ihn lesen sollte, und dann gab es eine klare Vorgabe, dass er natürlich Recht hat. Dies wurde immer begründet. Diese Debatte hat sich völlig gewandelt. Wir sollen Lenin als Theoretiker, Politiker, Zeitzeugen seiner Zeit und als historische Persönlichkeit studieren und ihn anerkennen, aber wir sollen mit ihm aus heutiger Sicht auch in einer Debatte sein. Wir sollten auch wissen, was wir von ihm nicht übernehmen und unterlassen sollen. Das finde ich einen produktiven Ansatz“, resümierte die RLS-Büroleiterin.

    Um die Erhaltung des Leichnams von Lenin im Mausoleum und die Pflege seines Gesichts, das wie zu Lebzeiten aussehen muss, kümmern sich Mitarbeiter des Zentrums für biomedizinische Technologie. Neben dem ärztlichen Personal werden Fachleute für Chemie, Physik, Biologie sowie ein Ingenieurteam engagiert, das die technische Ausrüstung wartet.

    Alle anderthalb Jahre legen die Fachleute die Überreste in eine Wanne mit spezieller Lösung, wobei sie einmalige Stereofotoausrüstungen und Geräte verwenden. Nach Aussage derWissenschaftler haben die Geräte seit 20 Jahren keine Veränderungen registriert. Ihnen zufolge befindet sich Lenins Leichnam gegenwärtig in einem ausgezeichneten Zustand dank den neuesten Errungenschaften der Forschung, nicht aber sein Anzug, der von Zeit zu Zeit gewechselt werden muss. Die Wissenschaftler versichern, dass mit modernen Einbalsamierungsverfahren und der einzigartigen Klimaregelung die Erhaltung des Leichnams für einige weitere Jahrhunderte gewährleistet werden könne.

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    Oktoberrevolution, Geburtstag, KPRF, Kommunismus, Sozialismus, Sowjetunion, UdSSR, Wladimir Lenin