14:24 10 August 2020
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    Seit Tagen meldet Russland extrem hohe Zahlen von Corona-Neuinfektionen: Am Donnerstag wurde ein Tageszuwachs von 11.231 Fällen registriert, davor war die Zahl um mehr als 10.000 Fälle gestiegen. Nur die USA sind noch weit voraus. Anders als in Europa scheint zudem auch eine Sterbestatistik geführt zu werden. Zurecht?

    Bei der bekannten Gesamtzahl der Infizierten - 177.160 (Stand 7. Mai 2020 - Anm. d. Red.) - hat das größte Land der Welt mit im Verhältnis zum Territorium etwa nur 148 Millionen Einwohnern nun auch Deutschland und Frankreich überholt. Die Sterblichkeit ist bisher mit „lediglich“ 1625 Menschen beziffert, mit 88 neuen Todesopfern zum Vortag. In Deutschland dagegen sind bei 168.276 Fällen mehr als 7000 Todesopfer gemeldet worden. Wie lässt sich der Unterschied erklären?

    Vor allen Dingen dürfte es an der ebenso zunehmenden Zahl an Tests liegen. Die Moskauer Stadtverwaltung hat eigenen Angaben zufolge die Tests zuletzt verdoppelt, 40.000 würden nun jeden Tag durchgeführt. Insgesamt sind im Land bisher laut der Aufsichtsbehörde Rospotrebnadzor mehr als 4,8 Millionen Tests durchgeführt worden - in Deutschland dagegen nach Angaben des Robert Koch-Instituts nur über 2,5 Millionen Labortests. Laut öffentlichen Quellen sind es in Russland etwa 32.913 Tests pro eine Million Einwohner - und damit sogar etwas mehr als in Deutschland. 

    Der Chefinfektionistin des Gesundheitsministeriums Dr. Jelena Malinnikowa zufolge belaufen sich etwa 51 Prozent der positiven Test auf die „leichten“, 38 Prozent auf die mittleren und etwa elf Prozent auf die schweren Fälle, wobei sich der allgemeine Zuwachs der Fälle nicht in dem Anteil der schweren Fälle widergespiegelt haben soll. Auch dürfte nun, so Malinnikowa, im ganzen Land aktiver getestet werden, und zwar nicht nur in der Region Moskau oder in Sankt Petersburg. Dass von den 177.160 registrierten Fällen 92.676 Infizierte alleine auf Moskau entfallen, bringt allerdings die ganze Problematik in den Regionen ans Licht. Auch hatte die Hauptstadt rund ein Viertel aller Tests zur Verfügung.

    Den Höhepunkt der Pandemie habe Russland noch nicht erreicht,

    beurteilte seinerseits der Chef-Pneumologe im Gesundheitsministerium, Sergej Awdeew. Der Grund dafür ist aus seiner Sicht, dass viele Bürger die Ausgangssperren nicht einhalten würden. Die strengen Regeln versprach Präsident Wladimir Putin zwar ab dem 12. Mai teilweise zu lockern, jedoch kündigte der Moskauer Oberbürgermeister, Sergej Sobjanin, am Mittwoch an, die Ausgangssperre für Moskau bis zum 31. Mai zu verlängern - abgesehen von den erwarteten Lockerungen für Industrie- und Bauunternehmen.

    Das „Regime der Selbstisolierung“ wird in Moskau bisher mit aller Härte umgesetzt, vor allem mit Hilfe der sogenannten E-Passierscheine für andauernde Ausflüge wie etwa zum Arbeitsplatz.

    Die Nationalgarde setzt an den Mai-Feiertagen sogar Drohnen und Hubschrauber ein, um die Einhaltung der Isolationsregeln zu kontrollieren.

    Umfragen zufolge unterstützen derzeit lediglich 47 Prozent der Bevölkerung die Selbstisolierung gegen 62 Prozent Anfang April. Ein skurriles Beispiel lieferten am 20. April mehr als 2000 Teilnehmer einer nicht genehmigten Demo im nordossetischen Wladikawkas, deren Veranstalter behauptet hatte, die Pandemie sei von den Mächtigen erfunden worden, um die Bürgerrechte zu verletzen. Es wurden anschließend mehrere Strafanzeigen erstattet.

    Gesundheitswesen unterfinanziert

    Am Donnerstag sorgte der Tod der Chefärztin einer Moskauer Klinik für Schlagzeilen. Sie wurde als Corona-Patientin mehr als 40 Tage auf einer Intensivstation behandelt - vergebens.

    Drei Mediziner sind innerhalb eines kurzen Zeitraums aus dem Fenster gestürzt - die Spekulationen reichen von gezielten Attacken bis auf Folgen der professionellen Erschöpfung.

    Dass das Gesundheitssystem in Russland stark unterfinanziert wird, wies der Finanzminister Anton Siluanow am Mittwoch strikt zurück - in anderen Ländern würden die Menschen anders als in Russland ihre Krankenversicherung selbst bezahlen, hieß es. Doch die Realität scheint anders zu sein. Während die deutschen Gesundheitsausgaben zuletzt etwa elf Prozent des BIP betragen, wurden im russischen Staatshaushalt die jährlichen Ausgaben in Höhe von etwa nur 3,5 Prozent für den Zeitraum 2020-2022 festgelegt. „Bereits 2008 war das Ziel, die öffentlichen Gesundheitsausgaben auf fünf Prozent des BIP zu bringen, seitdem sind sie jedoch zurückgegangen“, gab der Wirtschaftberater beim Präsidenten, Alexej Kudrin, zu. Die Corona-Pandemie wird als ein Anstoß gesehen, die öffentlichen Kosten jetzt endlich zu erhöhen. In den sozialen Netzwerken beschweren sich parallel Mediziner über unzureichende Schutzausrüstungen und professionelle Überlastung. Es fehlen im Gesundheitswesen - so das Gesundheitsministerium - etwa 25.000 Ärzte und 130.000 Helfer.

    In diesem Zusammenhang werden auch Zweifel an der auffällig niedrigen, wenig transparenten Todesstatistik laut. Die Vertreterin der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Russland, Melita Vujnović, sagte am Mittwoch, es könnte daran liegen, dass die russischen Corona-Maßnahmen die Risikogruppen ab 65 Jahre besser geschützt hätten. Unter den gemeldeten Infizierten seien es nur 20 Prozent. Die einen Ärzte hatten von geschönten Zahlen gesprochen und erklärten, dass bei Sterbefällen für die Statistik mitunter eine andere Todesursache als Covid-19 eingetragen werde. Der Gesundheitsforscher Sergej Timonin von der Moskauer Higher School of Economics wies etwa darauf hin, ein Herzinfarkt werde zur offiziellen Todesursache, wenn ein Patient mit Covid-19 an einem Herzinfarkt sterbe.

    In den Regionen berichteten andere, die Gestorbenen mit ähnlichen Symptomen werden erst einmal als Corona-Opfer registriert, ohne dass die wahre Todesursache tatsächlich festgestellt worden wäre. Für viel Aufsehen sorgte der Fall einer Ende März gestorbenen Journalistin aus Perm, Anastasia Petrowa. Als Todesursache wurde bei der 36-Jährigen eine beidseitige Lungenentzündung angegeben. Später stellte sich jedoch heraus, dass die Frau zwei Tage vor ihrem Tod positiv auf Covid-19 getestet wurde. Die Corona-Statistik wurde anschließend korrigiert.

    Ab dem 12. Mai stellt sich die russische Hauptstadt auf eine flächendeckende Maskenpflicht an allen öffentlichen Plätzen ein. Im Nahverkehr muss man bei Verletzung dieser Regel mit einer Strafe von bis zu 5000 Rubel rechnen (umgerechnet 60 Euro). In den Regionen gilt seit über einer Woche eine inoffizielle Masken-Verordnung in den Geschäften. Präsident Putin warnt inzwischen vor zu schnellen Lockerungen der Corona-Maßnahmen. Jedes überstürzte Handeln könne das bisher Erreichte zunichtemachen, erklärte er am Mittwoch.

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    Russland, Coronavirus