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    Die Zahl der Corona-Fälle in Russland ist auf 242.271 gestiegen. Somit ist das Land bei der Zahl der bestätigten Infektionen hinter den USA (1,4 Mio. Fälle) weltweit auf Platz zwei vorgerückt. Allerdings wird seit inzwischen anderthalb Wochen in Moskau und ganz Russland eine Stabilisierung der Ansteckung verzeichnet.

    Laut Experten muss man die Schwere der Situation wahrheitsgetreu einschätzen, um die eigene Vorgehensweise ihr anpassen zu können. Der Kolumnist von „Business FM“, Andrej Romaschkow, der die Entwicklung täglich verfolgt, meint, die reinen Zahlen würden nichts aussagen:

    „Die EU meldet gut anderthalb Millionen Angesteckte. Heißt dies etwa, die Lage wäre in Europa schlimmer als in Russland? Sicher nicht, dieser Vergleich ist inkorrekt, weil die gesamte Einwohnerzahl der EU die russische weitaus übertrifft. Deshalb ist es viel richtiger, von dem Pro-Kopf-Wert auszugehen.“

    Dieser sehe in Russland momentan nicht aufs Beste aus, sei aber auch nicht katastrophal, so der Experte. „Bisher ist in Russland bei 0,15 Prozent der Bevölkerung das Coronavirus nachgewiesen worden. Zum Vergleich: in Deutschland beträgt die Fallzahl pro Kopf um die Hälfte mehr. In Weißrussland, wo Paraden mit mehreren zehntausend Zuschauern veranstaltet werden, fast das Doppelte. In Großbritannien, das wir soeben an der Gesamtzahl der Angesteckten übertroffen haben, sieht es 2,5 Mal schlimmer als bei uns aus. Die USA haben knapp das Vierfache der russischen Ansteckungsrate vorzuweisen.“

    Übrigens ist die Krankenzahl in Moskau seit 24 Stunden um beinahe eintausend zurückgegangen. Dabei beträgt die Ansteckungsrate pro Hundert Menschen in Russland 4,9 Prozent, das heißt, alle hundert Erkrankten stecken quasi 4,9 Personen an. In Moskau sind es 4,7 Prozent, in dem Rest der Regionen insgesamt 5,2 Prozent, also bewegen sich Moskau und andere Regionen ungefähr gleich schnell in Richtung Lokalisierung des Coronavirus-Ausbruchs.

    Die Chefin der Föderalen medizinisch-biologischen Agentur, Weronika Skworzowa, erklärte in einer Fernsehsendung: „Wir standen vor der Aufgabe, die Sinuskurve der täglichen Zuwachsrate der neuen Fälle möglichst flach zu gestalten. Nachteilig ist dabei, dass die Epidemie an sich länger dauert, weil der Auf- wie der Abstieg mehr Zeit in Anspruch nimmt. Zugleich gibt es dem System des Gesundheitswesens die Gelegenheit, sich anzupassen, Zeit zu gewinnen, um die erforderlichen Bett- und Personalkapazitäten sicherzustellen, zusätzliche Schulungen durchzuführen.“

    Inzwischen haben wir gelernt, so Skworzowa, Menschen besser zu erkennen und zu testen, die nicht nur mit nachgewiesenen Corona-Kranken, sondern auch mit beliebiger Adenovirusinfektion bzw. ambulant erworbener Pneumonie kontaktiert haben. „Wir ermitteln inzwischen wenn nicht alle Infizierten, so doch viel mehr als früher. Es hat sich herausgestellt, dass 45 Prozent davon keine Symptome aufweisen, 30 Prozent an einer leichten virusbedingten Atemwegserkrankung leiden, zugleich aber werden bei 20 Prozent (was sehr viel ist) sehr schwere Formen festgestellt, die mit totaler Pneumonitis einhergehen.“

    Das Plateau immer noch nicht erreicht?

    Wir weisen vorläufig einen Aufwärtstrend auf, fährt sie fort, und zwar einen sehr interessanten. „Die Sache ist die, dass die Zahl der Fälle mit schwerem Verlauf nicht mehr zunimmt, während der allgemeine Zuwachs anhält. Dies spricht dafür, dass die Erkennung der Angesteckten sich verbessert hat, obwohl dies am allgemeinen Prozess nichts ändert. Auch, weil wir viele symptomfreie Formen feststellen, liegt uns sozusagen ein maximal realitätsnaher Wert vor. Dass aber die Zahl der Fälle mit schwerem Verlauf nicht mehr steigt, ist ein sehr gutes prädiktives Anzeichen.“

    Skworzowa führt weiter aus: „Im Hinblick darauf, dass die schweren Corona-Patienten etwa 20 Prozent und die intensiv zu behandelnden Patienten nur 5 Prozent ausmachen, haben wir die reale Möglichkeit, jedem zu helfen, wie es sich gehört: komplex, mit eventueller Perfusion von Erythrozytenkonzentrat, Plasmapherese und zytokinsenkender Therapie zur Vorbeugung des Zytokinsturms, einer äußerst schweren Komplikation. Vielen Ländern hat diese Möglichkeit gefehlt, weil sie mit Schwerkranken überhäuft waren.“

    Kann man die wirkliche Krankenzahl erkennen?

    „Genau werden wir es nie erfahren“, behauptet die Medizinerin, „aber unsere Aufgabe ist, alle Patienten mit einer akuten viralen Atemwegsinfektion ausfindig zu machen und ihre Kontaktpersonen zu kontrollieren. Wir stellen Pneumonie-Kranke fest und sehen uns ihre Kontaktpersonen an. Ferner überprüfen wir auch diejenigen, die aus Ländern mit hoher Morbidität zurückkommen. Wir machen Risikogruppen aus und arbeiten mit ihnen. Wir haben gründliche Tests für Immunoglobulin G entwickelt, die wir in Riesenmengen herstellen, täglich einige hunderttausend. Wir beabsichtigen, Antikörperwerte bevölkerungsweit zu erheben, vor allem bei den Genesenen, aber auch bei verschiedenen Patientenkohorten.“

    An der Corona-Todeszahl rangiert Russland laut der Johns-Hopkins-Universität weltweit auf Platz 18 hinter Deutschland (8) und sogar Schweden. Die Leiterin der russischen Stelle der Weltgesundheitsorganisation, Melita Vujnovic sagte: „Russland ist dank seiner Bereitschaft der Infektion praktisch zuvorgekommen. Das betrifft sowohl die epidemiologische Überwachung als auch die Selbstisolation. Russland ist der Epidemie einen Schritt voraus“.

    Skworzowa zufolge ist dies ein verdientes Lob. „Die russische Regierung hat Großes geleistet, indem sie sehr schnell einen Stab von Fachleuten unter Heranziehung von Experten organisierte und faktisch ein proaktives Szenario der Epidemievorbeugung ergriff. Wir haben tatsächlich Zeit gewonnen durch die Verhängung der Selbstisolation und der Quarantäne. Dies hat uns erlaubt, uns ganz den medizinischen Problemen zu widmen.“

    Die obere Sanitätsärztin Russlands, Anna Popowa, betonte, dass die implementierten Maßnahmen die Risikogruppen geschützt haben.

    "Der Anteil von Menschen über 65 an der Gesamtzahl der Erkrankten beträgt nur 15 Prozent. Sehen wir uns italienische Statistiken an, sind dort Senioren in Unmengen gestorben. Fünf Prozent der Erkrankten machen Kinder und 80 Prozent Menschen im erwerbsfähigen Alter aus. Vorläufig haben wir eine gleichmäßige, fließende Kurve, immerhin widerspiegelt sie den steigenden Wert von Erkrankungen. Es wird noch eine Weile dauern, bis wir sie abwärts lenken.“

    Eine gewisse Vorstellung davon, wann sich Russland eine etappenweise Lockerung der Einschränkungen überlegen könne, gebe die deutsche Erfahrung, meint Popowa. „Angela Merkel hat genug Zuversicht gehabt, um die Daten der Rückkehr zur Arbeit in Schulen, Kitas und in Gaststätten zu nennen, es war der 15. April, als die Reproduktionszahl des Coronavirus im Lande auf 0,5 gefallen war. Dies bedeutet, dass alle 100 Erkrankten nur 50 Personen ansteckten, letztere 50 nur 25 andere usw.“

    Die russische Entwicklung der Coronavirus-Morbidität lasse sich mit der deutschen vergleichen auch, was den prozentualen Anstieg der Gesamtzahl der Erkrankten angehe, äußert die Chefärztin. „Zum Zeitpunkt jener Erklärung Angela Merkels vergrößerte sich die Zahl der Corona-Infizierten in Deutschland täglich um 3–4 Prozent. In Russland sinkt dieser Wert, aber letzte Woche hat er im Durchschnitt 9–10 Prozent täglich betragen. Um aber von dem täglichen 10-Prozent-Zuwachs auf 3–4 Prozent herabzukommen, hat Deutschland zwei Wochen gebraucht.“

    Die Effizienz der Behörden liegt insbesondere darin, dass sie während der Pandemie in erster Linie das Leben der Bürger retten. Dazu gehört die Gewährleistung der stationären Behandlung und der medizinischen Hilfe für die Corona-Infizierten. Vorläufig hat Moskau genug Betten. In dieser Hinsicht haben sich die Maßnahmen solange als effizient erwiesen, da es gelungen ist, die Ausbreitung der Epidemie zu verzögern. In Moskau liegt die Zahl der Neuinfizierten seit inzwischen 11 Tagen bei 5000 bis 6000 täglich. In ganz Russland schwankt diese Zahl seit zehn Tagen zwischen 10.000 und 11.000. Dabei liegt der R-Wert in Moskau seit zwei Tagen unter 1. Dies ist die notwendige Voraussetzung für den Einstieg in die erste Phase der Lockerung von Einschränkungen in der Region. Seit 24 Stunden ist der Wert auf 0,94 gesunken.

    Die Sterblichkeitsrate bleibt mit 0,9 Prozent eine der weltbesten. In den letzten 24 Stunden sind 96 Patienten gestorben. Dies alles zeugt davon, dass das Gesundheitswesen seiner Aufgabe gerecht wird, erklärte der Gesundheitsminister Michail Muraschko. Er berichtete ferner, dass im Lande 32 Prozent der 127.000 Betten für die Aufnahme von Corona-Patienten zur Verfügung stehen. Auch die Entwicklung der Genesenen ist eine Spitzenleistung: am gestrigen Tage wurden 4491 der Corona-Patienten aus dem Krankenhaus entlassen. Insgesamt wurden 48.003 Patienten von COVID-19 geheilt.

    Die steigende Zahl von Corona-Infizierten führen Experten auf eine bessere Aufdeckung der symptomfreien Erkrankten durch ihre umfassendere Untersuchung zurück. Laut dem Moskauer Bürgermeisteramt haben sich die Kapazitäten der Krankenhäuser in dieser Hinsicht seit einigen Tagen verdoppelt. Egal wie viele erkrankt seien, meint die Leiterin des Instituts für die Ökonomie im Gesundheitswesen, Larissa Popowitsch, wichtig seien die Todeszahlen. „Zwar sieht die Situation unterschiedlich in Moskau und in den Regionen aus, wo sie sich verbessert. In Moskau ist sehr wichtig, darauf zu achten, dass schon seit einigen Tagen die täglichen Todeszahlen schrumpfen oder gleich bleiben. Und wir machen diese Kurve immer flacher.“

    Schon bald werden 11 Regionen Russlands mit der Abschaffung der restriktiven Maßnahmen beginnen, die wegen der Ausbreitung des COVID-19 verhängt worden sind, gab die Vize-Regierungschefin Tatjana Golikowa bekannt. Der erste Zielwert, der zur schrittweisen Aufhebung der Einschränkungen erreicht werden muss, ist die Corona-Reproduktionszahl R unter eins. Sie unterstrich, dass die Lockerung der restriktiven Maßnahmen mit großer Umsicht geschehen müsse, mit Blick auf die Möglichkeit eines Rückschlags.

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