14:08 07 Juli 2020
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    Die Mutmaßung des US-Medienunternehmens, die COVID-Sterbeziffern in Russland würden untertrieben, widerlegte auch die offizielle Sprecherin der Weltgesundheitsorganisation Melita Vujnović. Bei tatsächlich einer niedrigeren COVID-Mortalitätsrate spielt laut ihr eine wesentliche Rolle, dass Russland seine Bürger auf das neue Virus großflächig testet.

    Mehr als elf Prozent der russischen Bevölkerung (17 Millionen) sind bereits auf COVID getestet worden. Dadurch lassen sich mehr Infizierte ausmachen, und man kann rechtzeitig mit ihrer Behandlung beginnen. Ferner dürfe man das neue Coronavirus, so Vujnović, nur dann eindeutig als Todesursache feststellen, falls die Diagnose offiziell durch das Testergebnis belegt würde. „Beim Vorhandensein von chronischen Erkrankungen bei Corona-Infizierten wird das COVID-19 nicht unbedingt zur Todesursache. Hier ist der Nachweis erforderlich.“ Die Äußerung ihres Berufskollegen Michael Ryan, die russischen COVID-Mortalitätsstatistiken seien schwer zu verstehen, erklärte sie mit unzureichender Kenntnis der Statistik.

    Das COVID-19 trifft den wunden Punkt des Menschen. Deshalb spitzen sich alle chronischen Krankheiten zu. Doch lässt sich dieses Virus nicht immer als Todesursache einstufen, sagte auch die Moskauer Vizebürgermeisterin Anastassija Rakowa, wenngleich häufig als die Hauptursache gerade COVID-19 gilt.

    „Im Gutachten des Gerichtspathologen werden sowohl das COVID-19 als auch seine Komplikationen festgehalten, die den Tod des Patienten herbeigeführt haben. Die Statistik erfasst ihn aber als einen an COVID-19 Gestorbenen.“

    Dabei lasse sich das Virus manchmal nicht einmal posthum ausmachen, sagt sie weiter. „Das liegt an dem eingesetzten Testsystem, an den Fertigkeiten des medizinischen Personals sowie am Zeitpunkt der Erkrankung. Das Virus kann nämlich den Organismus bereits verlassen haben, die Komplikationen sind aber zurückgeblieben.“

    In den Unterlagen des Gesundheitsamtes von Moskau heißt es unumwunden: „Zu COVID-19 sind ferner die Fälle mit negativem Testergebnis, intravital wie posthum zu zählen, falls ungeachtet des negativen Testergebnisses der pathologische Befund und die klinischen Merkmale auf das Coronavirus als wahrscheinliche Todesursache hindeuten. Im Mai sind 433 solche Fälle verzeichnet worden. Folglich haben wir auch die strittigen und zweifelhaften Fälle dem COVID zugeordnet. Im Mai ist kein einziger Todesfall einer gewöhnlichen Pneumonie zugeschrieben worden“.

    Tests und Sterberate

    Gemessen an der Zahl der erfolgten Tests liegt Russland auf Platz zwei hinter den USA (mit knapp 26 Millionen Tests). Den dritten Platz hat mit gut sechs Millionen Tests Großbritannien inne. Allerdings gehören die USA und England zu den oberen Fünf gemessen an der Mortalität, während Russland weltweit an der 13. Stelle rangiert. Bezeichnend ist, dass in den USA Patienten und Mitarbeiter von Altersheimen ein Drittel und Afroamerikaner 60 Prozent der Toten ausmachen. In Italien ist es ausgerechnet in Krankenhäusern zu Massenansteckung gekommen, wegen der Vernachlässigung der Sicherheitsmaßnahmen. Im Ansteckungsherd reichten die Krankenbetten nicht aus. Das Gesundheitswesen eignete sich nicht für diese Auslastung.

    Laut der Chefin der russischen Föderalen Verbraucherschutzbehörde Anna Popowa konnte die Todeszahl in Russland dank dem rechtzeitigen Erkennen der Krankheit und dem rechtzeitigen Arztbesuch relativ niedrig gehalten werden. „Deswegen kommen auch vernachlässigte Fälle selten vor. Im Landesdurchschnitt beträgt die Corona-Mortalitätsrate 7,6 Mal weniger als weltweit, in Moskau liegt sie mit 6,8 Mal noch niedriger. Russische Bürger nehmen ärztliche Hilfe zeitig in Anspruch, sodass die Ärzte früh mit der Behandlung beginnen können. Nach Angaben der John-Hopkins-Universität enden in Frankreich, Italien und Großbritannien rund 14 bis 15 Prozent der nachgewiesenen COVID-19-Fälle mit dem Tod, in den USA sind es 5,6 und in Russland nur 1,3 Prozent. In Moskau sterben 0,5–0,6 Prozent der Infizierten. In New York sind es ein Prozent.

    Tatjana Michailowa, Expertin für Wirtschaftsstatistik, äußerte: „Es ist historisch bedingt, dass in Russland die pathologische Leichenuntersuchung, mit der die unmittelbare Todesursache festgestellt wird, öfter als in Europa vorgenommen wird. Steht beim Patienten das Herz still, so ist der Tod infolge Herzversagens eingetreten. Es fragt sich aber, was das Herzversagen herbeigeführt hat, ob eine Krankheit diesen Zustand bewirkt hat, ob sie etwa durch die COVID-Infizierung erschwert werden konnte. Dann wäre das Coronavirus die Ursache zweiten Grades. Beim COVID bekommt man eine exzessive Hämostase, Thromben. Vor diesem Hintergrund fällt die Genesung schwerer, selbst nach einem Verkehrsunfall“.

    Die niedrigen Corona-Todeszahlen in Russland seien auf die sachgemäße Arbeit der Forscher und Ärzte zurückzuführen, sagt der russische Gesundheitsminister Michail Muraschko. „Das Herangehen der akademischen Gemeinschaft und der ausübenden Ärzte liegt darin, sehr schnell die Erfahrungen zusammenzufassen, Schlüsselmomente auszugliedern, die in das System aufzunehmen sind, und auf Diagnostik und Frühbehandlung den Schwerpunkt zu legen. Einen weiteren sehr wichtigen Aspekt stellt die Vorbeugung schwerer Komplikationen dar. In Russland ist die Taktik für die Eindämmung des Coronavirus so konzipiert, dass man eine Überbelastung der medizinischen Einrichtungen und eine verspätete Einweisung von Patienten, die sonst nicht mehr zu retten gewesen wären, vermeidet. Dabei sind bei uns gut 17 Prozent der Intensivplätze immer noch nicht belegt.“

    Womit sonst erklären russische Experten die niedrigen Todeszahlen?

    Der Leiter des Instituts für medizinische Parasitologie Alexander Lukaschew ist der Meinung, die niedrige Kennziffer der tödlich verlaufenden Fälle hänge mit der großen Anzahl von Patienten mit leichtem Krankheitsverlauf, aber auch mit der rechtzeitigen Vorbereitung der Krankenhäuser auf die Pandemie zusammen. Von Bedeutung sei auch die rechtzeitige Diagnose bzw. die Früherkennung der Infektion bei Infizierten ohne Symptome. Diese machen in Russland 70 bis 80 Prozent aus. Darüber hinaus verweisen Experten auf eine starke Herdenimmunität der Russen gegen das Coronavirus, um ein Vielfaches stärker als bei den Einwohnern vieler Länder Europas und der USA, was seinerseits die Sterberate beeinflusst. Sonst hat das Gesundheitssystem, das sich am Massen- statt am elitären Patienten orientiert, dem Andrang der Pandemie standgehalten. Deshalb werden in Russland so viele gerettet.

    Der Chefallergologe und -Immunologe Russlands Rachim Haitow gab zu bedenken, dass vor ein paar Monaten in einigen Ländern Europas ein kolossaler Corona-Patientenstrom entstanden sei, mit dem die Ärzte einfach nicht fertig geworden seien.

    „Sie sahen sich gezwungen, Menschen im Kontext der Behandlung in zukunftsfähige und hoffnungslose einzuteilen. In Russland war das Herangehen von Anfang an anders: in Krankenhäusern wurden alle aufgenommen und behandelt. Sobald ein Corona-Infizierter ausgemacht worden war, nahm man ihn sofort unter Kontrolle. Anfänglich wurden alle in Krankenhäuser eingewiesen. Inzwischen geht man differenziert vor: Menschen mit schwach ausgeprägten oder fehlenden Symptomen werden zu Hause isoliert, wobei sie allerdings unter ärztlicher Kontrolle bleiben.“

    Bei schwerem Krankheitsverlauf werde man stationär behandelt, fügt der Arzt hinzu. „In Russland sind in kurzer Zeit viele neue Krankenhäuser gebaut worden. Viele Kliniken wurden extra für Corona-Patienten umgerüstet. Diese leicht einsehbaren Faktoren haben bei der Bekämpfung der Pandemie die Hauptrolle gespielt.“

    Die niedrigen Sterblichkeitsziffern in Russland dürften auch noch davon herrühren, so der Direktor für Medizin der Wohlfahrtsstiftung „Der erste Tag“ Kirill Maslijew, dass die Pandemie Russland anderthalb bis zwei Monaten später als in Europa erreicht habe. „Deshalb konnten wir unser Gesundheitssystem besser vorbereiten. Außerdem kommunizieren unsere Senioren nicht so intensiv, wie im Ausland. Auch hat man von Anfang an das Maskenregime und die soziale Distanzierung befolgt.“

    Schrittweise Lockerung der Maßnahmen

    Nach Schätzung des Moskauer Bürgermeisters Sergej Sobjanin werden in der Hauptstadt täglich drei- bis viermal weniger Corona-Fälle festgestellt, wobei doch die Stadt das Testen verzehnfacht hat. Was die Mortalität angeht, wird sie laut dem Bürgermeister im Juni noch niedriger als im Mai sein.

    Deshalb wurde in Moskau am 16. Juni die zweite Etappe der Aufhebung der Beschränkungen gestartet: Straßen-Cafés, Museen und Zoos öffnen wieder, Bibliotheken, Verleihfirmen, Werbe- und andere Agenturen nehmen ihre Arbeit wieder auf. Man kann wieder Sportveranstaltungen besuchen. Die russische Liga begann am 19. Juni wieder. Dabei dürfen die Tribunen zu zehn Prozent gefüllt werden. Ab dem 23. Juni werden Restaurants, Schwimmbäder, Fitnesscenter sowie die Kreuzfahrtsaison auf dem Fluss Moskwa eröffnet und der Zugang zu Kinderspiel- und Sportplätzen erlaubt. Im Juli werden auch die Kinos wieder öffnen.

    In Russland werden seit zwei Tagen etwa 7.500 neue Corona-Fälle täglich registriert. Die Lage bessert sich in der Hauptstadt wie in den Regionen. Dabei übertrifft die Zahl der Genesenen stabil die der Erkrankten. Am 23. Juni wurden 7.425 neue Fälle bei mehr als 12.000 Genesenen festgestellt. Dies ist ein positives Signal. Gestorben sind 153 Patienten. Die Corona-Ausbreitungsrate liegt im Landesdurchschnitt mit 0,92 unter 1. In Moskau, das den ersten Anprall der Infektion aufgefangen hat, ist sie mit 0,77 noch geringer. Die Gesamtzahl der Infizierten hat landesweit fast 600.000 erreicht. Gemessen an dieser Kennziffer behält Russland den 3. Platz in der Welt. Genesen sind 356.429 Personen (Stand 23.06.2020). Seit dem Ausbruch der Pandemie hat es 8.359 Tote gegeben. Diese Zahl flaut aber ab. Die Herdenimmunität stellt sich ein, nachdem 60 Prozent der Bevölkerung die Krankheit überstanden haben. Vorläufig hat Russland diesen Wendepunkt noch nicht erreicht. Dennoch lässt es die Pandemie hinter sich, laut Wladimir Putin sicher und unter minimalen Verlusten.

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