06:40 21 September 2020
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    Gesichtsmasken für Lehrer und ein eigenes Zimmer für jede Klasse: So werden die Schulen in Russland am 1. September ins neue Schuljahr starten. Darüber soll auf regionaler bzw. kommunaler Ebene je nach der epidemiologischen Lage in der Region entschieden werden. Höchstwahrscheinlich wird man die Lehrer zum Tragen von Schutzmasken verpflichten.

    Über Pädagogen, die sich nicht daran halten, können die Eltern sich bei der Schulleitung beschweren. Dabei werden die Schüler nur dann Masken tragen, wenn ihre Eltern darauf bestehen. Die Vorsitzende des Nationalen Elternkomitees Russlands, Irina Wolynez, will ihre Kinder nicht mit Masken versehen.

    „Selbst falls die Schule die Versorgung mit Masken übernimmt und ihr Tragen bzw. ihre Auswechslung kontrolliert, ist es für die Familie eine kolossale Belastung.“

    Außerdem erschwere die Schutzmaske das Atmen, so die Mutter von vier Schulkindern. „Trägt sie ein Lehrer, kann sein, dass man seine Worte einfach nicht mitkriegt. Überhaupt wirkt der Lehrer mit Maske eher albern, und dies dürfte sogar bei einigen Kindern, etwa den Oberstufenschülern, sein Ansehen gewissermaßen ruinieren.“

    Lehrer meinen wiederum, es sei körperlich sehr schwer, sechs oder sieben Stunden lang in der Maske zu unterrichten. Ferner ist etwa beim Lernen von Fremdsprachen wichtig, dass die Kinder auf die Artikulation des Pädagogen achten. Als absolut sinnlose Maßnahme bezeichnet das Tragen von Schutzmasken der Geografielehrer Leonid Perlow am Lyzeum „Zweite Schule“, Lehrer der höchsten Kategorie, da die meisten Kinder sowieso keine Masken aufhaben würden. „Der Lehrer selbst würde nicht einmal eine Unterrichtsstunde bewältigen, geschweige denn einen ganzen Arbeitstag. Sechs oder sieben Stunden lang eine Maske tragen, auch während der Pausen, ist objektiv unmöglich.“

    Der Lehrer macht auch auf andere Aspekte aufmerksam: „Setzt man verstärkt Antiseptika ein, ersticken die Leute in ihrem Dunst. In der Schule gibt es ja auch eine Menge Allergiker, unter den Kindern wie unter den Lehrern. Ich würde raten, die Lösung dieses Problems den Bildungseinrichtungen selbst zu überlassen. Jede einzelne Schule hat ihre Eigenart. Es gibt genug Sachverständige da, um die erforderlichen Schritte festzulegen. Einige Schulen könnten ganz auf digitalen Fernunterricht umschalten. Andere könnten einigen Klassen Fern- und anderen Direktunterricht erteilen. Es gibt kein Rezept für alle. Die Bedingungen sind ja zu verschieden.“

    Inzwischen hat der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin die nahe Zukunft der Moskauer Schulen wie folgt skizziert: verstärkte Desinfektion, Temperaturmessung bei Kindern und Lehrern am Gebäudeeingang, ständige Überwachung ihres Gesundheitszustandes, Bewegungseinschränkung innerhalb der Schule. Zu diesem Zweck will man gleitende Unterrichtspausen einführen, damit sich die Kinder nicht in den Korridoren drängen. Das heißt, Kinder werden tagsüber in demselben Zimmer bleiben, mit Ausnahme des etwaigen Sonderunterrichts im Chemie- oder Physiklabor, bei dem Geräte benutzt werden. Darüber hinaus will man für die Schüler jeder Parallelklasse besondere Zeiten zum Kommen und Gehen festsetzen, um Gedränge am Gebäudeeingang zu vermeiden.

    Die föderale Aufsichtsbehörde für Verbraucherschutz präzisiert: Die Schulen müssen beim Aufräumen Desinfektionsmittel anwenden, insbesondere Türklinken und andere öffentlich zugängliche Oberflächen damit reinigen, die Räume nach jeder Unterrichtsstunde lüften, Antiseptika für Handhygiene bereithalten und Luftsterilisieranlagen einsetzen. Das Küchenpersonal hat in Gesichtsmasken und Handschuhen zu arbeiten. In der Aula, Turnhalle und Bibliothek darf gleichzeitig nur eine Klasse unterrichtet werden. Ferner sollen die Schulen Zeitpläne für den Besuch der Kantine festlegen, um die Kontakte zwischen den Lernenden zu minimieren.

    Darüber hinaus schreibt die Verbraucherschutzbehörde vor, mehrere Klassen nicht mehr in Tagesgruppen zusammenzuführen. Diese Empfehlung erschwert allerdings das Leben der arbeitenden Eltern nach ihrer eigenen Meinung. Faktisch müssen sie entweder eine Kinderfrau einstellen oder weniger arbeiten und dementsprechend weniger verdienen. Bleibt das Kind zu Hause, müssen es zwangsläufig auch seine Eltern tun.

    Alle Vorschriften der Verbraucherschutzbehörde können nimmer erfüllt werden, meinen Eltern in Internetforen: „Was die Temperaturmessung angeht, ist es richtig, weil die kommenden kranken Kinder ausgesiebt und die gesunden nicht angesteckt werden. Dagegen wird es schwerfallen, Unterricht zu verschiedenen Zeiten durchzuführen: Man würde wie einst eine zweite und dritte Schicht in den Schulen einführen müssen. Wie wäre es möglich, Kinder während der Pausen nicht ausgehen zu lassen? Auch, wie sollen sie in der Kantine essen? Außerdem schreibt die Richtlinie vor, die Zahl der Schüler in den Klassen zu verringern. Auf welche Weise? Soll man die eine Hälfte der Kinder zum Online-Unterricht nach Hause schicken und die andere in der Schule behalten?“

    Kann ein Kind einen halben Tag lang in der Schule die Maske tragen?

    Ein Teil der Ärzte stellt die Wirksamkeit der Gesichtsmasken bei der Bekämpfung des Coronavirus infrage. Auch halten sich weitaus nicht alle an die Maskenpflicht. Es lohnt sich nicht, die Lehrer zum Einsatz der individuellen Schutzmittel zu zwingen, meint die Allgemeinmedizinerin und Generaldirektorin des Zentrums für Korrektur des Immunsystems Ljudmila Lapa. 

    „Die Maske ist kein universelles Mittel gegen eine Ansteckung, weil es hier um eine virale Infektion geht, die ohne weiteres durch die Maske dringen kann.“

    Am Wichtigsten sei es, behauptet sie, die soziale Distanz von anderthalb Metern einzuhalten, nicht näher als nötig heranzukommen. „Der Lehrer befindet sich gewöhnlich weit genug von den Schülern. Der besagte Abstand von anderthalb bis zwei Metern bleibt bei uns gerade noch eingehalten. Man soll nahen Kontakt vermeiden, damit es nicht zur aerogenen Ansteckung kommt, und kranke Kinder von der Schule fernhalten. Dies ist gegenwärtig der Hauptpunkt der Tagesordnung. Am Eingang muss unbedingt eine Krankenschwester sitzen. Schnupfende und erst recht hustende Kranke dürfen auf keinen Fall zum Unterricht zugelassen werden.“

    „Meines Erachtens hat jedermann eine Maske zu tragen“, erwidert der Chefexperte für Kindermedizin der russischen Gesundheitsaufsichtsbehörde Boris Blochin. „Die Maske gibt trotzdem Schutz und bildet eine Schranke. Kinder können Überträger sein, wobei sie selbst die Krankheit leicht und meist asymptomatisch überstehen. In Israel hat man z.B. versucht, die Schulen wie früher zu öffnen, ohne soziale Distanz und separate Zimmer für Klassen, und hat nachher zugegeben, dass es eine falsche Lösung war. Ist man angesteckt, möglicherweise symptomlos, hindert die Maske einen daran, Viren zu streuen.“

    Einerseits ist ein längerer Aufenthalt in demselben Klassenzimmer kaum vorstellbar, besonders bei aktiven Grund- und Mittelschülern, auch zählt jede Klasse im Durchschnitt 30 Kinder. Andererseits sei es besser als Online-Unterricht, meint die Direktorin des Moskauer Gymnasiums Nr. 1409 Irina Iljitschowa. Dies hat man Ende des vorhergehenden Schuljahres, im März allerorts erfahren, als Schüler wegen der Quarantäne zu Hause bleiben mussten.

    „Jeder Lehrer sagt Ihnen“, so die Schuldirektorin, „er würde lieber in der Schule arbeiten als fünf oder sechs Stunden lang die Kinder nicht live zu sehen. Ob man aber eine Maske trägt oder nicht, entscheidet jeder Lehrer selbst.“ Sie befürwortet die Maskenpflicht für Lehrer nicht. „Ein Lehrer ist ein gebildeter Mensch und versteht durchaus, dass er infiziert werden kann. Auch muss man sich merken, dass eine Maske nur für zwei Stunden reicht, dann muss man sie wechseln.“

    Unterdessen hat der Bürgermeister Sobjanin die Annahme, in Moskau würden die früheren Einschränkungen am 15. September wieder verhängt werden, als Gerücht zurückgewiesen, aber empfohlen, sich nach Möglichkeit gegen Grippe immunisieren zu lassen (im Hinblick darauf, dass in diesem Jahr neue Grippestämme nach Russland gelangen werden), und wenn der Impfstoff gegen Coronavirus erst da ist, auch dagegen. „Wir brauchen eine umfassendere Immunisierung gegen Grippe als in den vergangenen Jahren, vielleicht auch eine zeitlich schnellere. Dies betrifft vor allem die Schüler, weil in Moskau 1,4 Millionen Kinder leben, eine kolossale Ballung.“

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    Coronavirus, Schulen, Russland, Maskenpflicht