07:26 30 September 2020
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    Fall Nawalny: Streit um Vergiftung des Kreml-Kritikers (103)
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    Der bekannte Journalist und Fernsehmoderator Wladimir Posner glaubt nicht, dass die Ärzte im Fall Nawalny lügen. Was den Verdacht auf Vergiftung betrifft, so sei die aktuelle Situation für die Behörden politisch gefährlicher, als wenn der Oppositionelle seine Aktivitäten fortsetzen könnte.

    Die Ärzte des Omsker Notfallkrankenhauses Nr. 1, in dem Nawalny behandelt wurde, haben einen offenen Brief zu dem Fall mit Alexej Nawalny geschrieben. Sie hätten 44 Stunden lang um sein Leben gekämpft, hieß es darin. Nach Angaben der Ärzte erreichte die Notfallambulanz den Flughafen 16 Minuten nach Erhalt des Notrufs. Nachdem der Patient aus dem Flugzeug getragen worden war, wurde er 17 Minuten später ins Krankenhaus gebracht. Die Ärzte betonten in dem Brief, dass Nawalny dank der Bemühungen der Ärzte in Omsk am Leben sei. Indessen versuchen seine Anhänger „auf jede erdenkliche Weise, diejenigen zu verleumden, die ihm das Leben gerettet haben“.

    In dem Brief wird auch darauf hingewiesen, dass Menschen ohne medizinische Ausbildung, die den Patienten nicht gesehen haben, seinen Zustand beurteilen und eine Diagnose zu stellen versuchen, um in der Öffentlichkeit Verdacht zu erregen. Laut den Ärzten ist dies ein Versuch, eine „politische Diagnose“ zu stellen, die nichts mit Medizin zu tun hat. Den Vergleich der Ärzte mit den Helden von Molieres Komödie, die ihre Patienten mit Blutentnahme und Blutegeln behandelten, nannten die Spezialisten „eine grobe Beleidigung“. Die Autoren des Briefes merkten an, dass „ein richtiger Arzt außerhalb der Politik steht“, die Omsker Ärzte würden jedoch „in einen politischen Prozess hineingezogen“.

    Wladimir Posner glaubt nicht, dass die Ärzte lügen. Die aktuelle Situation mit Verdacht auf Vergiftung sei für die Behörden politisch gefährlicher, als wenn der Oppositionelle gesund wäre und seine Aktivitäten fortsetzen könnte.

    „Als ich erfuhr, dass Nawalny im Krankenhaus ist und man eine Vergiftung vermutet, war mein erster Gedanke: Wie wird sich diese Situation mit Blick auf die internationale Politik entwickeln? Es war durchaus offensichtlich, und dies ist ein fast bedingungsloser Reflex, dass die Anschuldigungen – man wollte diese Person angeblich loswerden – sofort gegen die Führung Russlands und konkret gegen Präsident Putin gerichtet würden. Darüber hinaus merken die Leute nicht, dass der bekannte Kremlkritiker bereits viele Jahre lang seine Tätigkeit ausübte. Er trat im Fernsehen auf, sprach bei Veranstaltungen vor jugendlichem Publikum, er führt einen Blog, wo er seine Enthüllungen veröffentlichte. Und ihm passierte nichts. Betrachtet man diese Situation mit Nawalny kühl und ohne Emotionen, so ist sie für die russische Führung viel riskanter und weniger günstiger als seine potenziellen Aktivitäten“, so Posner.

    Ihm zufolge sei es notwendig, alle Anstrengungen zu unternehmen, um herauszufinden, was wirklich passiert ist. Und wenn es eine Vergiftung geben sollte, müsse der Initiator gefunden werden. Gleichzeitig gibt es nach Ansicht des Journalisten keinen Grund, den Ärzten nicht zu vertrauen:

    „Ich glaube nicht, dass die Ärzte lügen – weder unsererseits noch andererseits. Wenn ein Arzt lügt, weil er vermutlich eine entsprechende Anweisung erhalten hat, dann hört er in diesem Moment auf, Arzt zu sein. Ich würde sagen, er verliert seinen Titel als Arzt. Ich glaube nicht, dass unsere Ärzte in Omsk lügen. Ich bin mir auch sicher, dass die deutschen Ärzte nicht lügen. Ich glaube, es handelt sich um unterschiedliche Ansätze. Und ich glaube nicht, dass Putin oder jemand aus seinem Umfeld die Initiatoren der Vergiftung von Nawalny sind, schon allein deshalb, weil es für sie äußerst nachteilig ist. Ja, Nawalny hat Feinde – er hat viele Menschen entlarvt. Ich könnte zugeben, dass sich jemand an ihm rächen wollte und einen Weg dafür gefunden hat. Aber dies muss bewiesen werden, damit absolut keine Zweifel bleibt“, schloss der Journalist.

    Alexej Nawalny hatte sich am 20. August während des Fluges von Tomsk nach Moskau schlecht gefühlt. Das Flugzeug machte daraufhin eine Notlandung in Omsk. Nawalny wurde sofort in die Intensivstation des Omsker Notfallkrankenhauses Nr. 1 gebracht. Dessen Chefarzt Alexander Murachowski stellte fest, dass „Vergiftung“ die Hauptdiagnose gewesen sei, als der Patient aufgenommen wurde, aber die Labortests hätten dies nicht bestätigt. Zwei Tage später wurde Nawalny in schwerem Zustand per Flugzeug in die Berliner Charité überführt. Kurz darauf hieß es dort, dass es Anzeichen für eine Vergiftung mit einer Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer geben soll.

    Laut dem Leiter der Abteilung für Anästhesiologie und Reanimation des Nationalen medizinisch-chirurgischen Pirogow-Zentrums (NMChZ), Boris Teplych, ist die Version der deutschen Ärzte bereits am Anfang von russischen Spezialisten geprüft und nicht bestätigt worden. Das russische Außenministerium hielt die Eile, mit der die USA und die Europäische Union (EU) die Version über Nawalnys Vergiftung aufgegriffen hatten, für verdächtig. Laut russischen Diplomaten plädiert Russland für eine gründliche Untersuchung des Vorfalls.

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