11:52 02 Dezember 2020
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    Auf einer Online-Konferenz in Moskau, bei der Politiker, führende Virologen, Experten für Medizin und Pharmaindustrie die Lehren aus der Corona-Pandemie erörterten, wurde festgestellt, dass sie leider nicht nachlasse und immer noch eine ernsthafte Gefahr darstelle. Man versuchte zu ergründen, wie sich die Pandemie auf Geschäft und Alltag auswirkt.

    Anna Popowa, Leiterin der föderalen Verbraucherschutzbehörde Rospotrebnadsor und Chef-Sanitätsärztin Russlands, meinte, dass vom Beginn der Pandemie an das Leben und die Sicherheit der Menschen stets im Mittelpunkt standen, zuweilen sogar zum Nachteil des Geschäftslebens, und beklagte sich über die Flut von Falschmeldungen. „Informationen, die aus dem einen oder anderen Grunde im Netz Aufsehen erregen, werden häufig als absolute Wahrheit aufgenommen, und es fällt nachher sehr schwer, sie zu widerlegen.“ Sie verwies auf die besondere Art von Nihilismus, in Verkehrsmitteln und an öffentlichen Orten ohne Maske zu erscheinen, wobei ihr Tragen doch vorgeschrieben ist.

    Zum gleichen Thema äußerte sich auch Aissen Nikolajew, Chef der Republik Sacha (Jakutien). Ein Problem ist ihm zufolge die ungenügende Erkenntnis der eigenen Verantwortung.

    „Wenn man keine soziale Selbstkontrolle und kein Verantwortungsgefühl entwickelt, indem man den Mund-Nasen-Schutz trägt, die soziale Distanz wahrt und sich die Hände desinfiziert – wenn man sich nicht daran hält, werden wir die Pandemie nicht stoppen können. Es geht dabei um eine Art Gesellschaftsvertrag angesichts der Herausforderung durch die Corona-Infektion. Leider muss man feststellen, dass der allumfassende Paternalismus bei einem Teil der Bevölkerung in Russland Trägheit hervorgerufen hat.“

    Wladislaw Schapscha, Gouverneur der Oblast Kaluga, wo viele ausländische Investoren, darunter Volkswagen, Continental und weitere rund 30 deutsche Unternehmen, erfolgreich tätig sind, berichtete dagegen, die richtige Fertigungsorganisation unter Einhaltung aller Gesundheitsvorschriften habe es seiner Region erlaubt, die Corona-Erkrankung in Betrieben auszuschließen. „Und zwar im Unterschied zu denjenigen öffentlichen Räumen, wo jeder auf sich selbst gestellt war und diese Vorschriften nicht beachtet wurden.“

    Während der Pandemiebekämpfung sind in Russland neue Medikamente und Impfstoffe entwickelt worden, so Popowa. „Einer ist bereits registriert worden, ein zweiter wird es gerade und ein dritter durchläuft die  klinische Prüfung. Alle drei stammen von verschiedenen Forschungsteams und basieren auf verschiedenen Plattformen. Dementsprechend eignen sie sich für unterschiedliche Produktionsverhältnisse. Daher wird man nach ihrer Registrierung beträchtliche Mengen dieser Impfstoffe in mehreren Werken zugleich produzieren können, um den Bedarf zu decken.“

    Reisebeschränkungen, Tests und Selbstdisziplin

    Eine wichtige Lehre sei laut der Chef-Sanitätsärztin, „energische Maßnahmen zu treffen, ohne Rücksicht auf die äußeren Umstände, indem man sich ausschließlich auf die Bürger des eigenen Landes konzentriert. Wir haben die russischen Grenzen sofort gesperrt und konnten dadurch zweieinhalb Monate lang den Import von Infektionskrankheiten verhindern. Dies hat geholfen, das Netzwerk der Gesundheitseinrichtungen maximal auszubauen, um die Krankenzahl, die sich nach unserer Schätzung unbedingt einstellen würde, mit medizinischer Betreuung voll abdecken zu können.“

    „Wir führten die Tests ohne Ruhetage durch, in erster Linie mithilfe von kommerziellen Labors“, schilderte Popowa. „Die Rate der Bevölkerungsabdeckung mit dem Testen schrumpfte nicht einmal im Sommer, als die Ansteckungszahlen sanken. Im Herbst ist das Virus aber saisonbedingt wieder in unsere nördlichen Breitengrade eingezogen. Aber unser Gesundheitswesen ist heute besser darauf vorbereitet als im Frühjahr, auch die Population der Genesenen nimmt ständig zu.“

    Der russische Gesundheitsminister Michail Muraschko bekräftigte, dass die rechtzeitige Schließung der Grenzen es dem ganzen Gesundheitssystem erlaubt habe, sich zu entfalten und auf allen Etappen der ärztlichen Behandlung Engpässe zu vermeiden. „Allerdings wurden wir mit einer ,Informationspandemie‘ konfrontiert, als unzuverlässige Meinungen und Meldungen unter der Bevölkerung zuweilen Panik auslösten. Die Netzressource ‚Stop Coronavirus‛, die wir erstellt haben, bietet allen zuverlässige Informationen.“

    Der Chef des Gesundheitsministeriums erklärte ferner, sein Amt analysiere wöchentlich die Sterblichkeitszahlen im Lande, und er mache sich Sorgen nicht so sehr wegen des eigentlichen Krankheitsverlaufs bei Corona-Infizierten, sondern vielmehr wegen der Komplikationen, die die Infektion bei Patienten mit leichtem Verlauf, symptomfreien Infektionsträgern und den bereits Genesenen nach sich ziehe.

    Der Veranstalter der Konferenz, Wladimir Mau, Rektor der Akademie der Volkswirtschaft bei der Regierung Russlands, verglich die Pandemie mit einem Krieg, einem unerklärten und unerwarteten. „Das ist auch keine schöne Redensart, keine Metapher, sondern die Wirklichkeit. Wir kämpfen tatsächlich gegen einen Gegner, den wir in mancher Hinsicht nicht kennen. Da ist der feindliche Generalstab, der etwas ausheckt, und auf der anderen Seite der Kampffront befinden sich die Militärs, also Ärzte, die gegen den Feind kämpfen. Da sind die Wissenschaftler, sie gleichen dem Aufklärungsdienst, der herausbekommen muss, was im gegnerischen Generalstab vorgeht und welche Operationen er plant. Der Vergleich mit dem Krieg erfordert eine Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen den wirtschaftlichen und menschlichen Verlusten, nach der Umstellung der Wirtschaft auf den Krieg. Insbesondere bei der Logistik und der Produktionsorganisation gilt es, den Betrieb auf den Krieg umzustellen und die Spielregeln zu ändern.“

    Wladimir Nasarow, Leiter des Forschungsinstituts für Finanzen, hat der Regierung vorgeschlagen, die Bekämpfung neuer Infektionskrankheiten in die strategischen nationalen und globalen Prioritäten aufzunehmen sowie ein ausgewogenes Verhältnis zwischen der Umsetzung der Menschenrechte auf Freizügigkeit bzw. Erwerbstätigkeit sowie Studium und dem Recht auf den Schutz der personenbezogenen Daten anzustreben.

    Russland übernimmt erfolgreiche Erfahrungen asiatischer Länder

    Man sprach während der Konferenz auch darüber, dass Russland erfolgreiche Erfahrungen asiatischer Länder bei der Eindämmung der Epidemie, etwa von Südkorea, Singapur, Taiwan, Japan, vor allem aber China übernimmt, das eine der weltweit radikalsten Anti-COVID-Strategien implementiert, als Erstes dem Angriff des Virus ausgesetzt wurde und es als einer der Ersten besiegt hat.

    Seit inzwischen sechs Monaten gelingt es den chinesischen Behörden, die Situation im Griff zu halten. Natürlich verzeichnet man dort nach wie vor täglich 10 bis 15 Fälle, diese sind aber importiert. Die Einschränkungen sind an den meisten Orten aufgehoben worden, obwohl immer noch die Forderung gilt, in Verkehrsmitteln und in geschlossenen öffentlichen Räumen wie etwa in Kinos Masken zu tragen. Draußen ist das nicht mehr Vorschrift, obwohl 60 Prozent der Chinesen bis jetzt Masken aufsetzen.

    Das Rezept ist einfach und hat mit striktester Disziplin zu tun, meint der Leiter des Instituts für den Fernen Osten, Alexej Maslow. „Auf der Straße sind berührungslose Temperaturmesser aufgestellt, von denen man nichts mitbekommt. Die Hauptsache ist aber, dass China es sehr schnell gelernt hat, neue Ausbrüche der Krankheit sofort einzudämmen, indem man den betroffenen Stadtbezirk absperrt und darin alle erforderlichen Maßnahmen ergreift. Pekings totalitäre Anti-Virus-Politik hat ihre Früchte gezeitigt. Nach Schätzung von Nikkei ist die chinesische Wirtschaft im dritten Quartal um 5,2 Prozent (auf das Jahr umgerechnet) gewachsen – halb so schnell wie im vorangehenden Zeitabschnitt.“

    Freiheit kommt in Form eines QR-Codes

    Die effektiv durchgeführten Maßnahmen zur sozialen Distanzierung werden dort durch ein wirksames System ergänzt, das alle Kontakte von Angesteckten aufspürt. Dies beinhaltet den Einsatz des elektronischen Verfolgungssystems auf nationaler Ebene. Daher kommt die Initiative der Moskauer Stadtbehörden, ab dem 19. Oktober die Besucher von Nachtklubs, Diskotheken, Bars und Gaststätten, in denen die soziale Distanzierung schwer zu kontrollieren ist, anhand des QR-Codes zu identifizieren.

    Die Einrichtungen sind verpflichtet, ihren QR-Code am Eingang anzubringen. Die Besucher haben ihn einzuscannen und eine SMS-Nachricht an eine Sondernummer zu senden. Wird einer von den Gästen positiv auf Corona getestet, bekommen die übrigen eine Push-Benachrichtigung mit der Empfehlung, einen SARS-CoV-2-Test zu machen. So können Menschen über ihren möglichen Kontakt mit Erkrankten informiert werden, sodass man mit der Diagnostik beginnen kann, bevor sich ein Lungenschaden von 20, 30 oder 40 Prozent einstellt. Videokameras in den Straßen werden die Befolgung der Selbstisolierung durch diejenigen, denen sie vorgeschrieben wurde, sichern.

    All das soll dazu beitragen, dass nicht ausnahmslos alle der Quarantäne unterzogen werden. So gesehen wird die Freiheit in der neuen Wirklichkeit in Form des QR-Codes zu uns kommen. Diese Regeln haben bei den Marktteilnehmern zwar anfänglich eine stark negative Reaktion ausgelöst, doch geben diese zu, dies sei besser als vollständige Schließungen wie im Frühjahr, obwohl sie mit einem Rückgang der Besucherzahlen von 10 bis 20 Prozent rechnen.

    Lockdown ist in Russland nicht in Sicht

    Die Behörden Moskaus gehen davon aus, bis zur Impfung der Bevölkerung im Dezember oder Januar von einem Lockdown absehen zu können. Unterdessen hat der Sprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow, erklärt, es sei von keinem neuen Lockdown infolge der Ausbreitung des Coronavirus im Lande die Rede. „Das russische Gesundheitswesen ist dem Druck gewachsen. Im Frühjahr wurde der Lockdown wegen plötzlichen Pandemieausbrüchen verhängt, weil es an persönlicher Schutzausrüstung mangelte, ihre Produktion war noch nicht ausgebaut worden. Die Beatmungsgeräte waren knapp. Also musste eine für die Bekämpfung dieser Pandemie geeignete Infrastruktur für das Gesundheitswesen erst geschaffen werden. Einige Ergebnisse der geleisteten Arbeit liegen bereits vor. Es wurde ein Bettenbestand bereitgestellt, der eine große Zahl von Infizierten aufnehmen kann und für eine effizientere und schnellere Heilung sorgt.“

    Präsident Wladimir Putin hat sich in diesen Tagen an die Gouverneure gewandt und ihnen bei der Verhängung harter Quarantäne-Einschränkungen aufgrund der zunehmenden Corona-Inzidenz Vorsicht geboten. „Man muss ausgewogen und mit Sorgfalt handeln, je nach gegebener Situation, um die negativen Auswirkungen der Pandemie auf die Wirtschaft zu minimieren.“

    Die Verhängung eines Lockdowns wird nicht einmal in den Regionen beabsichtigt, wo die Krankenhäuser fast voll sind, und zwar aus Furcht, die Wirtschaft zu töten, obwohl das formelle Entscheidungsrecht in ähnlichen Fällen den Gouverneuren zukommt. Analog zu Moskau beschränken sich die Regionen auf punktuelle Aktionen wie Sperrzeiten für Gastronomiebetriebe und Home-Office für 30 Prozent der Beschäftigten.

    „Nächtliches Tanzen, Umarmungen und Brüderschaft Trinken gehören zu den Herden, von denen aus sich das Virus verbreitet“, so der Vizegouverneur von Petersburg, Jewgeni Jelin.

    Gleichzeitig werden die Kontrollen in den öffentlichen Verkehrsmitteln von Moskau immer häufiger. Seit dem 1. September sind bereits 46.000 Moskauer wegen Nichttragen von Gesichtsmasken und Handschuhen mit 5000 Rubel (etwa 55 Euro) Strafe belegt worden. Für viele ist dies eine ziemlich große Summe. Die Verschärfungen haben schnell gewirkt. 96 Prozent der Fahrgäste in den Verkehrsmitteln der Hauptstadt halten sich derzeit an die Maskenpflicht.

    Seit Freitag sind in Russland allerdings besorgniserregende Rekordzahlen bekannt geworden: über 17.000 neue Corona-Fälle, davon ein Drittel in Moskau, bei 219 Todesfällen. Die Gesamtzahl der während der Pandemie Angesteckten kommt an die Marke von anderthalb Millionen heran. Seit dem Ausbruch der Pandemie hat es 26.269 Tote gegeben. Experten rechnen mit einer Stabilisierung der Lage im November, nach Ablauf von zwei Inkubationszeiten der Infektion. Es scheint, dass Russland ein Plateau auf einem ziemlich hohen Niveau erreicht hat und sich bereits darauf bewegen wird. Erfreulich ist, dass 1.146.096 Patienten genesen sind.

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