15:42 25 November 2020
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    Die Bilder von den Küsten Kamtschatkas, mit toten Wassertieren übersät, sind noch allgegenwärtig, schon kommen neue Katastrophenmeldungen aus Russland herein: Wieder ist ein Küstenstreifen mit toten Fischen überzogen, in einer Bucht bei Wladiwostok treibt ein riesiger Ölteppich und in der Taiga läuft Erdöl aus. Was ist da nur los?

    Eine für die Aufklärung von Umweltschäden zuständige Ermittlungsbehörde in Russlands Fernem Osten meldete einen Mineralölunfall in der Nachodka-Bucht. Ein schmieriger Fleck treibt von einer Schiffsreparaturwerft in Richtung offenes Meer. Die Stadtverwaltung erklärt, die Ölwehr sei benachrichtigt worden und habe mit dem Abschöpfen der Verunreinigung von der Wasseroberfläche begonnen. Auch alle Wärmekraftwerke in der Nähe seien abgesucht worden: ein Tankleck liege nirgends vor.

    2500 Kilometer weiter nordwestlich – in der Region Tomsk – sind binnen einer Woche zweimal größere Mengen Erdöl ausgelaufen. Erst waren zwei Lastschiffe auf dem Ob kollidiert. Ein Schiff lag am Ufer vertäut, wurde aber von starkem Wind mitgerissen und stieß mit einem Frachtkahn zusammen. Die zuständige Staatsanwaltschaft der Stadt Tomsk hat Ermittlungen eingeleitet. Nur wenige Tage später: Eine Erdölleitung leckt und verschmutzt die Taiga. Immerhin hat der Betreiber schnell reagiert: Der kontaminierte Boden sei inzwischen entsorgt, eine Gefahr für das Ökosystem bestehe nicht.

    Mit der Beseitigung der Folgen eines Ölunfalls auf der Kolwa sind die Behörden indes immer noch beschäftigt. Dieser Fluss quert zwei russische Regionen: die Republik Komi und den Autonomen Kreis der Nenzen. In der Stadt Ussinsk an der Kolwa ist der Katastrophenalarm ausgelöst worden, das regionale Umweltschutzministerium erklärt, der Ölfleck erreiche eine Fläche von 700 Quadratmetern, insgesamt seien 0,9 Tonnen Brennstoff ausgelaufen. Ursächlich dafür sei ein Leck an einer stillgelegten Pipeline.

    „Gleich am ersten Tag wurden Ölsperren ausgebracht, die Entsorgung von verschmutztem Boden hat begonnen. Dabei kommt ein spezielles Bindemittel zum Einsatz, das das Erdöl absorbiert. 180 Helfer sind vor Ort, sodass Schlimmeres verhindert werden konnte. Dass der Unfall am Fluss als Ökosystem keine Schäden hinterlässt, heißt dies aber noch lange nicht. Ein Teil des Erdöls wird unweigerlich durch die Sperre durchsickern und sich am Grund des Gewässers ablagern“, erklärt Umweltexperte Alexej Knischnikow vom WWF Russia.

    Lukoil, der zuständige Energiekonzern, hat zugesichert, die Unfallfolgen innerhalb einer zehntägigen Frist zu beseitigen – sofern das Wetter dies zulässt. „Die Eisbildung auf dem Fluss ist bereits sehr intensiv. Es bleiben nur wenige Tage, um das Öl vom Wasser abzuschöpfen“, erklärt der WWF-Experte.

    Das schwere Erbe der Sowjetzeit

    Nebst technischen Unfällen kommt es zu Katastrophen, die zumindest auf den ersten Blick nicht vom Menschen verursacht werden. Das Massensterben der Fische und Wassertiere auf Kamtschatka zum Beispiel wird auf die toxische Wirkung von Algen zurückgeführt. „Etwas Ähnliches kennen wir aus anderen Ländern auch“, erklärt Wissenschaftler Wiktor Danilow-Danilian vom Institut für maritime Forschung der Russischen Akademie der Wissenschaften. „Es kann durchaus zur explosionsartigen Ausbreitung von Wasseralgen kommen. Es entsteht eine riesige Biomasse, deren Zersetzung für das Ökosystem selbst dann nicht ungefährlich ist, wenn sie keine Gifte enthält. Umso größer ist die Gefahr, wenn toxische Stoffe enthalten sind, wie in den allgemein bekannten Blaualgen zum Beispiel.“

    Auch in der Region Kalmückien, wo Flussufer mit totem Fisch übersät waren, sind keine technischen Ursachen für das Unglück gefunden worden. „Das Sterben ist durch Sauerstoffmangel infolge einer kritischen Absenkung des Wasserpegels verursacht worden“, erklärte die regionale Staatsanwaltschaft.

    Ölleck im Fluss bei Norilsk, 4. Juni 2020
    © Sputnik / Pressedienst des Gouverneurs / Handout / Wadim Kofman
    Ölleck im Fluss bei Norilsk, 4. Juni 2020

    Wenn Katastrophen jedoch eindeutig auf die Technik zurückzuführen sind, dann ergeben sie sich in den allermeisten Fällen aus veralteter Infrastruktur und menschlichem Versagen. „Technische Systeme werden immer komplexer und deren Beherrschung erfordert ein angemessenes personelles Niveau. Genau daran hapert es aber“, sagt der Meeresforscher Danilow-Danilian.

    Der WWF-Experte Alexej Knischnikow betont zudem: „Die allermeisten Unfälle ereignen sich dort, wo seit der Sowjetzeit nichts mehr erneuert wurde. In Westsibirien, Komi, auf Sachalin sind immer noch Erdölleitungen in Betrieb, die zu Sowjetzeiten gebaut wurden. Nicht anders war es mit dem Heizöltank in Norilsk, der leckgeschlagen war und dadurch die größte Ölkatastrophe des Jahres verursachte. Für die Unternehmen ist es längst an der Zeit, eine Infrastruktur mit geringstmöglichen Umweltrisiken aufzubauen. Das Ölfeld auf der Insel Sachalin beispielsweise ist nach einem Unfall an einer Pipeline außer Betrieb genommen worden.“

    Der Mensch kommt aber auch dort als Verursacher in Frage, wo zunächst nur Naturereignisse als Katastrophenauslöser gesehen werden, sagt der Forscher Danilow-Danilian: „Die Biosphäre ist derart belastet, dass sie das Gleichgewicht nicht mehr halten kann, in dem sie über Millionen von Jahren existierte. Es hat eine Entharmonisierung des Klimas stattgefunden, die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre nimmt stetig zu, der Boden wird allenthalben vergiftet. Auch hat die Fähigkeit unseres Planeten, Sonnenlicht zu reflektieren, wegen Waldrodungen spürbar abgenommen. Das alles führt dazu, dass die Biosphäre als ganze und ihre Einzelkomponenten allzu anfällig werden für äußere Störeinflüsse.“

    Worauf die Experten außerdem hinweisen, sind die gravierenden Mängel im russischen System der Umweltkontrolle. „Eine Dauerüberwachung von Ökosystemen findet praktisch nicht statt bzw. nur in Naturschutzgebieten, die nur einen sehr geringen Anteil am russischen Territorium ausmachen. Luft-, Wasser- und Bodenproben zu entnehmen, ist noch kein umfassendes Kontrollsystem. Die Verfahren, die heute vielerorts in Russland angewandt werden, sind weit hinter dem zurück, was zeitgemäß wäre – sowohl bei der Häufigkeit der Proben als auch bei der Qualität ihrer Auswertung“, bemängelt der Wissenschaftler Danilow-Danilian.

    „Etliche erdölfördernde Länder wenden gestaffelte Kontrollsysteme bis hin zur Satellitenüberwachung an, um Umweltverschmutzungen rechtzeitig zu verhindern. In Russland läuft die Kontrolle fallweise. Als es in Norilsk zum Unfall kam, schaltete sich Roskosmos mit Satellitenüberwachung ein. Dabei wäre diese permanent statt nur im Einzelfall notwendig. Inzwischen kommt es häufig vor, dass die zuständigen Behörden erst aus sozialen Netzwerken von Unfällen erfahren“, sagt der Umweltschützer Alexej.

    Ein gewaltiges Problem ist außerdem die fehlende Erfassung möglicher Schadensverursacher: „In Russland haben die Behörden kein klares Bild davon, wer, wann und wie viele Schadstoffe an die Umwelt abgibt. Statistiken darüber führen russische Unternehmen eigenständig. Wie sie dies tun, prüft eigentlich niemand wirklich. Deshalb können die Unternehmensangaben von den tatsächlichen Werten nach unserer Schätzung um das Acht- bis Zehnfache abweichen. Es ist nicht so, als würden die Unternehmen mogeln. Ihren Schadstoffausstoß berechnen sie anhand der tatsächlichen Produktion, wenden dabei aber nur einen statistischen Mittelwert an. Einen, der nur zutrifft, wenn das Unternehmen nach neuesten Verfahren, mit neuester Technik und absolut sauberen Rohstoffen produziert“, erklärt Danilow-Danilian.

    Der Wissenschaftler verweist auf den Umweltschutz, wie er in den Neunzigerjahren in Russland organisiert war. „Es gab ein weitverzweigtes System für die Erfassung von anthropogenen Einflüssen auf die Umwelt. Doch das System wurde erfolgreich ruiniert“, sagt er. Eine föderale Umweltschutzbehörde hatte russlandweit Niederlassungen vor Ort. Deren Mitarbeiter waren nicht den Lokalverantwortlichen, sondern unmittelbar der Hauptstadt unterstellt. „Jedes Unternehmen in einer russischen Region musste jederzeit mit Kontrollen rechnen: Damit, dass Fachleute dieser Bundesbehörde kommen und den Betrieb komplett inspizieren. Im Jahr 2000 wurde diese Einrichtung allerdings aufgelöst“, sagt Alexej.

    Etwas beruhigend ist, dass es in Sachen Umweltschutz in Russland auch Positives gibt: „Umweltkatastrophen werden heute gebührend beachtet. Was früher verheimlicht werden konnte, gelangt heute sofort an die Öffentlichkeit“, so der WWF-Experte.

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    Tags:
    Kamtschatka, Naturkatastrophen, Russland