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    Kalter Krieg in zweiter Auflage

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    Eine vollständige Entspannung in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen wird es laut Oleg Jurjew, Mitglied des Sinowjew-Klubs,nicht geben – zwischen den Seiten ist ein ernsthafter Informationskrieg im Gange, der noch einige Zeit anhalten wird.

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    Diejenigen, die die Maidan-Proteste geplant und organisiert hatten, dachten wohl kaum, dass es zu einem blutigen Bürgerkrieg, Flüchtlingsströmen und dazu kommen wird, dass die Ukraine und Russland fast am Rande eines Militärkonflikts standen. Doch als sich die Ereignisse nach diesem Szenario entwickelten, hielt das weder die Kiewer Regierung noch ihre westlichen Regenten auf. Deswegen sind kaum weitere Beweise dafür nötig, dass das Geschehene die neue Russland-Strategie des Westens verdeutlicht –  eine Strategie der USA und ihrer Verbündeten, um Russland ihren Kurs für den Aufbau einer  unipolaren Welt aufzuzwingen.

    Gründe der neuen Konfrontation zwischen Russland und dem Westen

    Es handelt sich nicht nur um die globale Hegemonie der USA. Wir alle spüren und sehen, dass die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Weltordnung Stabilität, Voraussagbarkeit und die Sicherheit der Geschichte nicht mehr sichert. Das Gefühl des wachsenden Chaos verstärkte sich nach dem Zerfall der Sowjetunion und der globalen Krise 2008. Die von den USA angestrebte unipolare Welt und die Dominanz samt deren Verbündeten soll diesen Prozess stoppen und die Geschichte lenkbarer machen.

    Dass sich diese Möglichkeit nach dem Zerfall der Sowjetunion ergab, stellte der russische Intellektuelle Alexander Sinowjew erstmals fest. Er zeigte auch, dass diese Variante nicht alternativlos und unausweichlich ist. Lenkbarkeit der Geschichte bedeutet, dass ein alternatives globales Projekt möglich ist. Russland ist heute das einzige Land, die einzige Kraft, die ihre Mission begreift und über Ressourcen verfügt, die das Projekt zum Aufbau einer unipolaren Welt untergraben können. Deswegen waren die Ereignisse in der Ukraine nur eine Art Impuls bei der langsam anschwellenden Konfrontation zwischen Russland und dem Westen. Meines Erachtens war Putins Rede bei der Sicherheitskonferenz in München im Februar 2007 das erste öffentliche Anzeichen dafür.

    Jetzt entwickelt sich dieser Prozess sowohl in Form politischen Widerstandes als auch in Form des  Informationskrieges. Die Konfrontation wird früher oder später wohl an Schärfe verlieren und einen Punkt erreichen, an dem Vereinbarungen mit den USA und dem Westen in Bezug auf die Ukraine möglich sind. Doch ich bin der Meinung, dass es nie einen vollständigen Frieden in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen geben wird. Die Positionen Russlands und des Westens unterscheiden sich stark in Bezug auf die Gegenwart, die Gestaltung der Zukunft und die Wahl der wichtigsten Ziele und Werte.

    Zwischenergebnisse des Informationskrieges

    Ziehen wir eine Zwischenbilanz des seit sechs Monaten andauernden Informationskriegs um die Ukraine. Wir haben Erfolge bei der Unterstützung der Position und Politik des russischen Präsidenten Wladimir Putin und des russischen Staates durch die russische Gesellschaft erzielt. Das zeigen die Umfrageergebnisse. Selbst während des Ersten Tschetschenien-Krieges gab es keinen solchen Schulterschluss in der russischen Gesellschaft.

    International zieht Russland beim Informationskrieg aber den Kürzeren. Dabei geht es jedoch nicht darum, der Weltgemeinschaft und Weltöffentlichkeit Russlands Sicht auf das Geschehen aufzuzwängen. Die Situation in diesem Bereich sieht ziemlich gut aus. Es geht vielmehr darum, dass wir weit davon entfernt sind, einen strategischen Sieg im Informationskampf zu erringen. Unter diesem Sieg versteht man das Einfangen der Sympathien vieler Bürger der Ukraine und der westlichen Länder. Der wichtigste Grund ist, dass wir es nicht geschafft haben, im Ausland ein positives Image des heutigen Russlands zu vermitteln.

    In Sachen Soft Power hat Russland noch Nachholbedarf. Im Laufe von zwei Jahrzehnten haben wir keine großen Fortschritte bei der Entwicklung von Technologien, der Modernisierung der Wirtschaft und der Steigerung der Lebensstandards erreicht. Unser Stolz fußt weiterhin auf dem Sieg im Großen Vaterländischen Krieg, dem ersten Ausstieg in den Weltraum und auf den Nobelpreisen für Forscher, die in den meisten Fällen im Ausland leben und arbeiten.

    Eine quantitativ neue und gefährliche Erscheinung ist, dass der Informationskrieg auf das Schüren einer russischfeindlichen Stimmung basiert. Selbst in den finstersten Jahren des Kalten Krieges beruhte der Informationskrieg nicht auf Fremdenhass, dem Aufbau einer Feindfigur nach ethnischen und rassistischen Merkmalen. Doch mit dem Segen des Westens ist jetzt so etwas in der Ukraine zu erkennen. Mit neuen IT-Technologien, Methoden aus der Psychologie, Soziologie, Neurolinguistik sowie mit dem Spielen mit Ängsten, Vorurteilen, Instinkten und Emotionen werden ein ganzes Volk und eine Nation zu Monstern erklärt. Mit den traditionellen Propagandamitteln, die an die Vernunft appellieren, ist der Russenhass nicht zu bekämpfen, weil seine Wurzeln im Unterbewusstsein stecken. Wir sind auf solch eine Entwicklung nicht vorbereitet.

    Hat Russland eine Botschaft an die Welt?

    Wir haben auch keine Botschaft an die Welt. Noch nie war die Ideen- und moralische Armut des Landes so groß wie seit der Zeit von Peter dem Großen. Früher gab es Tolstoi, Dostojewski, Tjutschew, Danilewski – weltweit bekannte Denker. Danach kamen einige hervorragende religiöse Denker. Nach der Oktoberrevolution 1917 übernahm unser Land die Führungsrolle einer alternativen, kommunistischen Weltordnung, die weltweit auf große Resonanz stieß. Heute sind wir nicht in der Lage, eine Idee zu vermitteln – weder zu uns noch zum Rest der Welt.

    Russlands Präsident Wladimir Putin rief zu einer intensiveren Suche, zur Bildung einer nationalen Idee auf. Doch sie wird kaum in absehbarer Zukunft entstehen, weil solche Ideen nicht ausgedacht werden — sie kommen von allein zur Welt. Doch bei uns passiert derzeit nicht so etwas, was von der Mehrheit der russischen Gesellschaft als Durchbruch, als Übergang zu einer neuen Entwicklungsstufe wahrgenommen werden könnte.

    Doch wir haben das Wichtigste — das Gefühl (manchmal ein bewusstes, aber häufiger ein intuitives), worin der Sinn des Lebens besteht. Es ist das russische Streben nach einem organischen Leben eines Menschen, das sich nicht durch die materielle Lage und den täglichen Komfort definiert. Dieses Streben ist in den meisten westlichen Völkern verloren gegangen. Damit will ich sie nicht kränken bzw. demütigen. Sie haben einfach einen anderen Entwicklungsweg gewählt. Es handelt sich nicht um die Rückkehr zu den Ideen, zur Praxis des realen Sozialismus, den die Sowjetunion einst verkörperte. Die damalige Zeit und die damaligen Realitäten gehören der Vergangenheit an. Doch die Ideale, die Russland und seinem Volk immer nahe waren, gibt es immer noch.

    Einige bezeichnen das Streben nach diesen Werten als rückständig. Doch für die meisten russischen Bürger hat das Leben ohne das keinen Sinn. Solange die Situation so aussieht, bilden Russland und der Westen zwei globale Pole. Rudyard Kipling schrieb: „Osten ist Osten und Westen ist Westen und die beiden sollen sich niemals treffen.“ Er schrieb aber auch, dass es trotzdem unter bestimmten Voraussetzungen möglich ist.

    Was Russland und den Westen betrifft, kann das nur geschehen, wenn der Westen bereit zur Kommunikation ist, deren Ziel Dialog und Verständnis, eine gleichberechtigte und gegenseitig vorteilhafte Zusammenarbeit ist. Danach strebt der Westen aktuell nicht. Das bedeutet, dass der Informationskrieg zwischen Russland und dem Westen ernst zu nehmen ist  und noch lange anhalten wird. Allerdings wird er  an seiner jetzigen Schärfe verlieren. Unsere Beziehungen werden zwischen unterschiedlich starken Kalten Kriegen und Etappen des Tauziehens schwanken, die manchmal zur eingeschränkten Kooperation führen werden. Doch es wird sich trotzdem um einen Krieg handeln. Da darf man sich keinen Illusionen hingeben. Doch ein Krieg der Ideen ist immer noch besser als der Krieg der Armeen.

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    Sinowjew-Klub, Maidan, Wladimir Putin, USA, Russland, Ukraine