19:00 15 Dezember 2019
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    Oleg Jurjew, Mitglied des Sinowjew-Klubs der Internationalen Nachrichtenagentur Rossiya Segodnya

    Sinowjew und Fukuyama: Prognosen zur Geschichte

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    Mit der Welt ist alles in Ordnung, das Problem besteht in der Unfähigkeit der modernen Staaten und der Weltelite, die Ereignisse um sie herum zu begreifen, neue Instrumente zur Evaluierung der Entwicklungsprozesse der Gesellschaft und deren Steuerung zu entwickeln, schreibt das Mitglied des Sinowjew-Klubs Oleg Jurjew.

    Fukuyama und das logische Paradox der Unendlichkeit

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    Dass Francis Fukuyamas Prognose nicht in Erfüllung gegangen ist, steht außer Zweifel. Das hat er unlängst auch selbst in einem Artikel eingeräumt, der dem 25-jährigen Jubiläum der Publikation seines spektakulären Artikels „Das Ende der Geschichte” gewidmet war. Lassen Sie mich ein paar Zitate aus diesem Artikel anführen.

    Vor einem Vierteljahrhundert, so Fukuyama, habe er versucht, zu beweisen, dass die Geschichte einen ganz falschen Weg gegangen sei, der nichts mit dem zu tun habe, von dem linke Denker gesprochen hatten. „Der Prozess der wirtschaftlichen und politischen Modernisierung – wider den Erklärungen der Marxisten und der Sowjetunion – führte nicht zum Kommunismus, sondern zu diesen oder jenen Formen der liberalen Demokratie und Marktwirtschaft.“

    Wie korreliert diese Prognose mit der aktuellen Wirklichkeit? Auf diese Frage antwortet Fukuyama ganz vorsichtig, indem er sich jedes Wort gut überlegt. „2014 sieht die Situation ganz anders als 1989 aus. Russland hat sich als starkes und autoritäres Regime etabliert, das sich auf ‚Öl-Dollars‘ stützt, seine Nachbarn einschüchtert und versucht, die Territorien zurückzuerobern, die es nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 verloren hatte. China bleibt autoritär, hat aber inzwischen die zweitgrößte Wirtschaft in der Welt und territoriale Ansprüche im Südchinesischen und Ostchinesischen Meer.

    Das Problem der modernen Welt besteht nicht nur darin, dass autoritäre Großmächte einen Aufschwung erleben… Entwickelte Demokratien stoßen auch auf gewisse Schwierigkeiten. In den vergangenen zehn Jahren waren die USA und die Europäische Union mit harten Finanzkrisen konfrontiert, die zur Verlangsamung des Wirtschaftswachstums und zu einer großen Arbeitslosigkeit führten, vor allem unter jungen Menschen. Obwohl die US-Wirtschaft wieder wächst, werden die Ergebnisse dieses Wachstums ungleichmäßig verteilt werden, und das durch den Kampf zwischen verschiedenen Parteien gespaltene politische System Amerikas scheint kein attraktives Beispiel für andere Demokratien zu sein.“

    Dennoch gibt Fukuyama seine Hauptidee nicht auf:  „Bei der Beobachtung von umfassenden historischen Tendenzen ist es wichtig, kurzzeitige Faktoren nicht zu überschätzen. Ein wichtiges Merkmal eines stabilen politischen Systems ist seine Stabilität in langfristiger Perspektive. Die Ergebnisse jedes konkreten Jahrzehnts sind nicht so wichtig.“ 

    In diesem Zusammenhang fällt mir die Antwort von Theologen auf die Kritik an der Offenbarung des Johannes, an der Apokalypse ein. Wenn man Theologen sagt, dass es auf der Welt immer noch weder den Antichrist noch die Parusie noch das Ende der Welt noch das Jüngste Gericht noch das Paradies auf Erden gibt, antworten sie immer, in der Offenbarung stehe nichts über die Fristen geschrieben. Das bedeute, dass diese Zeit noch komme. Im Grunde dasselbe behauptet der verehrte Professor, indem er indirekt über die so genannte „historische Zeit“ spricht, die ewig dauern könnte. Natürlich kann man unter solchen Bedingungen nicht die Möglichkeit widerlegen, dass Fukuyamas Prognose irgendwann doch in Erfüllung geht. Man kann aber auch nicht behaupten, dass sich seine Prognose unbedingt verwirklicht. Das ist etwas, was man als logisches Paradox der Unendlichkeit bezeichnet: Sowohl die These als auch die Antithese können gleichermaßen bewiesen werden.

    Es gibt noch einen Grund, dem Professor zu widersprechen. Es geht darum, dass die Zukunft aus der Kollision der Vergangenheit und der Gegenwart entsteht. Sie kann nicht anders entstehen – als Etappe, als Glied der Entwicklung eines bereits dauernden Prozesses, in einer sich real entfaltenden Reihenfolge von Ereignissen, menschlichen Handlungen, in einem bereits entstandenen und vorbestimmten historischen Kontext. Und was spricht er über Fukuyamas Prognose, wenn man ihn mit der aktuellen globalen Realität vergleicht?

    Die Geordnetheit in der Geschichte verschwindet allmählich

    Und hier stoßen wir auf eine Schwierigkeit. Fukuyamas Prognose, wie jede Bestimmung generell, die den Status einer historischen Prognose beansprucht, geht von der Vermutung aus, dass die Geschichte ein Prozess ist, in dem sich gegenseitige Abhängigkeiten, die Verbundenheit verschiedener Ereignisse, Handlungen von Menschen, Völkern und Staaten verfolgen lassen. Und wenn man die Weltgeschichte des letzten Vierteljahrhunderts beobachtet, dann wird offensichtlich, dass man von Ordnung und Stabilität nur sehr bedingt sprechen kann. Denn für den Verlauf der Geschichte in dieser Zeitspanne ist ausgerechnet eine zunehmende Instabilität und Unbestimmtheit typisch, was viele Politiker gerne mit dem Wort „Turbulenzen“ beschreiben.

    Wegen Zeitmangels kann ich nicht viele Beispiele nennen, die diese Vermutung bestätigen.  Da aber niemand die Priorität der Wirtschaft bestreitet, verweise ich auf einen unlängst veröffentlichten Bericht der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD). In dem Dokument wurde hervorgehoben, dass das Wachstumstempo der Weltwirtschaft sechs Jahre nach dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise gering bleibt: 2,5 bis drei Prozent im Jahr 2014. Die Autoren des Berichts glauben, dass die Versuche, Geschäfte wieder mit traditionellen Methoden zu führen, die wichtigsten Krisenursachen nicht beseitigen konnten bzw. können. Der Finanzsektor ist der Realwirtschaft nach wie vor überlegen, der Anteil der Löhne bzw. Gehälter am BIP wird immer kleiner, die Ungleichheit bei der Verteilung des Reichtums und der Einnahmen innerhalb von Ländern und zwischen verschiedenen Ländern wird immer größer.

    Nicht zu übersehen sind auch die ständig zunehmenden Aktivitäten von radikalen Bewegungen und Organisationen, vor allem von islamischen. Der „Islamische Staat“ wurde zu einem Faktor, dessen Bedeutung über die Grenzen des Nahen Ostens hinausgeht, weil das ein gefährlicher Präzedenzfall für die ganze Welt ist. Man muss feststellen, dass es derzeit keine effizienten Gegenmaßnahmen gegen solche Kräfte (sprich gegen den internationalen Terrorismus) gibt.

    Angesichts dieser — anderer — Ereignisse und Prozesse scheint die Verbundenheit und Geordnetheit in der Geschichte zu verschwinden. Fraglich ist selbst die Möglichkeit, Prognosen abzugeben, und – was aus politischer Sicht noch beunruhigender ist – die Fähigkeit einzelner Staaten und der ganzen Weltgemeinschaft, ihr eigenes Leben zu planen und zu kontrollieren — und in erster Linie die Fähigkeit, die internationale Sicherheit zu gewährleisten.

    Zur neuen Wahrnehmung der Geschehnisse

    Die Frage besteht in der Natur des wachsenden Chaos. Ob sie ontologisch ist und aus gewissen tiefen und vom Willen der Menschen unabhängigen Veränderungen der menschlichen Gesellschaftsordnung resultiert? Oder ist die Welt selbst in Ordnung, und das Problem besteht in uns selbst, in der Unfähigkeit moderner Staaten, der Weltelite, die Geschehnisse um uns wahrzunehmen und neue Instrumente zur Erkenntnis der Gesellschaftsentwicklung und zur Verwaltung darüber zu entwickeln?

    Meines Erachtens ist die zweite Antwort richtig. Dabei verfügen wir über ein intellektuelles Kapital, das uns gestattet, mit einer erfolgreichen Lösung der oben formulierten Aufgabe zu rechnen. Es handelt sich um die soziologische Theorie, die der herausragende Denker Alexander Sinowjew formuliert hat. Befassen wir uns mit einigen Bestimmungen.

    Erstens: Eine der wichtigsten ist die Bestimmung, dass sich die westliche Welt in eine so genannte Übergesellschaft „westlicher Prägung” entwickelt. Im Allgemeinen hatte sich diese Gesellschaft laut Sinowjew bereits in den späten 1980er-Jahren etabliert.

    Die Krise von 2008 war deshalb ganz anders als viele frühere und so tief, weil das die erste Krise der Übergesellschaft war. Acht Jahre zuvor hatte Sinowjew in seinem Buch „Auf dem Weg zur Übergesellschaft“ auf eine besondere Eigenschaft dieser prinzipiell neuen Evolutionsstufe des Kapitalismus hervorgehoben: den „monetären Totalitarismus“. Die meisten Experten, die sich mit der Natur der globalen Krise auseinandersetzten, einigten sich darauf, dass gerade die Dominanz des Finanzsektors gegenüber der Realwirtschaft die Wirtschaftskrise ausgelöst und damit Sinowjews Konzeption bestätigt hat.

    Hat die westlich geprägte Übergesellschaft eine Entwicklungsperspektive? Laut Sinowjew könnte sie ziemlich lange bestehen, falls die westlichen Länder, die den Kern der Übergesellschaft bilden, die Führungspositionen in der Welt erobern können. Dennoch hat sie gewisse systematische Mängel, die die Übergesellschaft zum Verfall bringen werden.

    Noch kritischer schätzt der russische Wissenschaftler Michail Chasin die Perspektiven der Übergesellschaft ein. Er verweist darauf, dass das Wirtschaftswachstum in den letzten 30 Jahren wegen der ständig steigenden Kreditschulden zugenommen hat. Dementsprechend wurde die Rolle des Banken- bzw. Finanzsystems in der Wirtschaft immer größer. Jetzt aber scheint dieser Kreditmechanismus zur Ankurbelung der Wirtschaft erschöpft zu sein. Die Schuldenlast auf die Bevölkerung und die Geschäftskreise ist inzwischen dermaßen groß, dass der moderne Kapitalismus in absehbarer Zeit zusammenbrechen könnte, falls er keine neuen Wachstumsquellen findet. Diese zeichnen sich jedoch bislang nicht einmal ab.

    Zweitens: Nach dem Zerfall der Sowjetunion sind aus der Weltgeschichte die Konkurrenz bzw. der Wettbewerb verschwunden. Das brachte den Westen zur Umsetzung des Projekts der unipolaren Welt, die von der westlich geprägten Übergesellschaft verwaltet wird. Der Widerstand, den „Putins Russland“ und mehrere andere Staaten dieser Strategie leisteten, wurde für den Westen, soviel man aus der hysterischen Reaktion der USA und ihrer Verbündeten schließen kann, zu einer unangenehmen Überraschung.

    Ob das moderne Russland in der Lage ist, wenn nicht gar die Verkörperung des neuen Projekts für die Menschheit zu werden, dann zumindest eine Bewegung anzuführen, die für die Bedingungen für eine „multivariative“ Geschichte kämpfen würde? Wenn man die Geschichte unseres Landes, die Erfahrungen, Traditionen und Mentalität seiner Bevölkerung sowie den hohen Grad des Zusammenhalts der Gesellschaft wegen der Ereignisse um die Ukraine bedenkt, kann man feststellen, dass Russland über das entsprechende Potenzial verfügt.  Es ist aber derzeit vor allem im politischen und geistigen Bereich konzentriert.

    Das ist wichtig, aber ungenügend. Man sollte nicht nur reden, die Sanktionen wären ungefährlich und sogar günstig für uns, weil wir jetzt unsere Wirtschaft modernisieren können (was hat uns denn früher daran gehindert?!), sondern auch handeln. Die Wirtschaft durchlebt schwere Zeiten – wohl die schwersten seit der Wirtschaftskrise 1998. Das BIP-Wachstum wird 2014 laut offiziellen Angaben bestenfalls ein Prozent erreichen. Zum Vergleich: In China wird es bei mindestens sieben Prozent, in den USA bei zwei bis 2,5 Prozent und in der ganzen Welt bei ungefähr drei Prozent liegen.

    Äußerst langsam wächst der gesamte Reichtum des Landes (die Summe aller finanziellen und materiellen Aktiva). Am schnellsten wächst er in China und Japan. Beim aktuellen Entwicklungstempo wird der gesamte Reichtum Russlands bis 2017 den Reichtum der USA im Jahr 1903 erreichen.

    Was noch schlimmer ist, Russland bleibt das Land mit der weltweit größten Kluft bei der Einnahmenverteilung. In unserem Land gehören 71 Prozent der Aktiva nur einem Prozent der Bevölkerung. Zum Vergleich: In Europa und China liegt diese Zahl bei 32 und in der ganzen Welt bei 46 Prozent.

    Das bedeutet, dass die Wirtschaftsentwicklung nicht einfach  angekurbelt werden sollte, sondern angekurbelt auf Basis von modernsten Hochtechnologien und gleichzeitig mit einem konstanten Wachstum der Bevölkerungseinnahmen, mit der Überwindung der schrecklichen Ungleichheit bei der Einnahmenverteilung. Das ist nur dann möglich, wenn der Staat stark ist.

    Drittens: Ein wichtiger Aspekt der Theorie Sinowjews ist das Begreifen der Schlüsselrolle der Ideologie und der Information bei der Verwaltung der modernen Welt. Der Widerstand gegen den westlich geprägten Globalismus kann nach seiner Auffassung nur dann erfolgreich sein, wenn die Gegner des Globalismus ein attraktives alternatives Projekt entwickeln.

    Nach Auffassung Sinowjews wäre es falsch, die Möglichkeit der Rückkehr zum kommunistischen Projekt – in irgendeiner neuen Form – auszuschließen. Denn der reale Kommunismus, den die Sowjetunion verkörperte, ist nicht deshalb zusammengebrochen, weil er eine angeborene „Krankheit“ hatte und mit ihr nicht leben konnte, sondern weil seine Entwicklung künstlich unterbrochen wurde.

    Aber in absehbarer Zeit ist eine Wiederbelebung des Kommunismus unwahrscheinlich. Die Suche nach einer nationalen Identität und nationalen Idee Russlands  erfolgt, wie wir sehen, durch die Zuwendung zur nationalen Geschichte, zu den nationalen Traditionen und dem geistigen Erbe. Das bedeutet nicht unbedingt eine Abwendung von Europa, von dessen Erfahrungen, Werten und dessen Kultur.  Russland mit seiner Zivilisation ist in jeder Hinsicht ein nicht wegzudenkender Teil Europas. Es geht um die Suche nach einer nationalen Idee, die der historischen und modernen Realität Russlands und seiner Bevölkerung entsprechen würde.

    Es ist nun einmal so passiert, dass diese unsere geistige Arbeit, die sich auf einen behutsamen Umgang mit allem stützt, was die Menschheit geschaffen hat, zur Überwindung von extremen Äußerungen des radikalen Liberalismus beiträgt. Russland wird sein Konservatismus vorgeworfen, aber das ist eine Art des Konservatismus, die die Nachhaltigkeit des Fortschritts, die Aufrechterhaltung und Verbesserung  von allem ermöglicht, was im Laufe der Zeit seine Zuverlässigkeit bewiesen hat. In diesem Sinne ist Russlands Position für die ganze Menschheit wichtig.

    Viertens: Wie die Krise 2008 gezeigt hat, müssen einzelne Länder die ganze Verantwortung für die Überwindung der Krisenfolgen tragen. Damit wurde abermals bewiesen, dass der Staat als Verwaltungsinstrument nicht abgeschrieben werden darf.

    Ich habe große Zweifel daran, dass die Wahldemokratie — das System von Abschreckungen und Gegengewichten — die Schnelligkeit und Kompetenz bei der Beschlussfassung sowie deren effiziente Umsetzung garantieren kann, was unter immer schwierigeren Bedingungen sehr wichtig ist. Wir haben uns überzeugen können, dass selbst solche Länder, die üblicherweise respektvoll als „entwickelte Demokratien“ bezeichnet werden, Verwaltungsfehler begehen und unter Korruption leiden können. Auch soziale und ethnische Konflikte können dort ausbrechen. Selbst um die Menschenrechte  kann es dort Probleme geben.

    Deshalb ist ein neues Modell des nationalen Staates äußerst wichtig. Es geht dabei nicht nur um die Entwicklung und Umsetzung von neuen politischen und Verwaltungstechnologien.  In erster Linie geht es um die Entstehung eines neuen humanen Kapitals im Lande. Dieses humane Kapital ist nicht nur aus der Sicht des professionellen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklungsniveaus, sondern auch aus der Sicht der bürgerlichen, moralischen und geistigen Eigenschaften der jeweiligen Persönlichkeiten neu. Es war kein Zufall, dass Sinowjew seine Hoffnungen auf die Zukunft Russlands und der ganzen Welt mit der Entstehung eines neuen Menschen verband. Man muss daran denken, was die Entwicklung des neuen Menschen im globalen Maßstab voranbringen kann.

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