16:30 08 Dezember 2019
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    Oleg Nasarow, Mitglied des Sinowjew-Klubs

    Wie Genosse Stalin Litauens Territorium vergrößerte

    © Foto : Alexander Zinoviev Biographical Institute archive
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    Litauen ist in den 23 Jahren seiner Unabhängigkeit kein prosperierendes Land, sondern eine Kolonie der EU geworden. Das litauische Establishment macht den Mitbürgern mit der angeblichen „sowjetischen Aggression“ Angst, anstatt akute soziale und wirtschaftliche Probleme zu lösen, wie das Mitglied des Sinowjew-Klubs Oleg Nasarow schreibt.

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    Vor 75 Jahren, am 10. Oktober 1939, ist der sowjetisch-litauische Vertrag über gegenseitige Hilfe unterzeichnet worden, dem zufolge die Sowjetunion Litauen Wilno samt der gleichnamigen Region überlassen hat. Diese Folge der so genannten „sowjetischen Okkupation“ wird von litauischen Politikern gerne verschwiegen, genauso wie die Tatsache, dass die Bevölkerungszahl Litauens in den „Okkupationszeiten“ ständig wuchs, wobei sie jetzt nur abnimmt. Auch das Territorium wurde damals immer größer.

    Dieses Stillschweigen ist kein Zufall. Litauen, das in den Sowjetzeiten eine Art „Schaufenster“ der Errungenschaften des Sozialismus war, ist in den 23 Jahren Souveränität kein gedeihendes Land, sondern eine Kolonie der Europäischen Union geworden. Das Establishment ist nicht in der Lage, akute soziale und wirtschaftliche Probleme in den Griff zu bekommen, und erzählt seinen Mitbürgern nur schreckliche Geschichten über die „sowjetische Okkupation“, für deren Negieren man in Litauen strafrechtlich verfolgt wird.

    Lassen Sie mich in diesem Kontext auf dieses von den litauischen Behörden ignorierte Jubiläum des territorialen Wachstums Litauens während der „Okkupation“ näher eingehen. Solche Wunder sind wohl keinem anderen okkupierten Land der Welt je passiert!

    Geschichte der territorialen Verluste Litauens in der Vorkriegszeit

    Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hatten die deutschen Truppen die von ihnen eroberten Territorien, die heute zu Litauen gehören, verlassen. Kaum war das geschehen, versuchten verschiedene politische Kräfte bereits, das entstandene Machtvakuum wieder zu füllen. So wurde im Februar 1919 die Litauisch-Weißrussische sozialistische Sowjetrepublik mit der Hauptstadt Wilno gegründet.

    Aber die Situation entwickelte sich in einem atemberaubenden Tempo weiter. Schon am 19. April wurde Wilno von den polnischen Truppen erobert. Ein Jahr später, während des sowjetisch-polnischen Kriegs, vertrieb die Rote Armee die polnischen Okkupanten aus Wilno. Im Juli 1920 erkannte die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik (RSFSR) die Unabhängigkeit Litauens an und überließ ihm zum ersten Mal Wilno samt der gleichnamigen Region.

    Die Niederlage der von Michail Tuchatschewski angeführten Armeen bei Warschau hatte schwere Folgen nicht nur für die RSFSR, sondern auch für Litauen. Der Führer der Zweiten Rzeczpospolita, Jozef Pilsudski, der in Wilno aufgewachsen war, wollte diese Stadt samt der Umgebung unbedingt zurückerobern. Zu diesem Zweck dachte sich Warschau eine komplizierte Operation aus. Sie begann am 8. Oktober 1920, als es zu einer „Rebellion“ einer Division unter dem Kommando von General Lucian Zeligowski kam, der ebenfalls in der Gegend um Wilno geboren worden war. Seine Truppen eroberten also Wilno, ohne von den litauischen Behörden und Truppen dabei aufgehalten worden zu sein.

    Formell ging Pilsudski zu der angeblich willkürlichen Aktion Zeligowskis auf Distanz. Bereits am 12. Oktober erklärte er den französischen und britischen Diplomaten, die ihn aufsuchten, seine Gefühle seien „auf der Seite Zeligowskis“. Die 1921 unternommenen Versuche zu einer diplomatischen Regelung dieses Konflikts blieben erfolglos. Litauen brach die diplomatischen Beziehungen mit Polen ab. Am 8. Januar 1922 fand die Wahl des Provisorischen Parlaments Mittellitauens statt, das am 20. Februar für die Aufnahme der Region Wilno in die Zweite Rzeczpospolita stimmte.

    Am 15. März 1923 wurde auf einer Konferenz der in Paris akkreditierten Botschafter Großbritanniens, Italiens und Japans, die unter dem Vorsitz eines französischen Vertreters verlief, die polnisch-litauische Grenze festgelegt. Damit wurde die Zugehörigkeit der Region Wilno der Zweiten Rzeczpospolita legitimiert. Die sowjetische Führung teilte ihrerseits in einer Note vom 5. April 1923 Polen mit, sie würde die auf der Botschafterkonferenz getroffene Entscheidung nicht akzeptieren. Da jede Seite auf ihrer Position bestand, ist es kein Wunder, dass Warschau zwischen beiden Weltkriegen nicht nur mit Moskau, sondern auch mit Kaunas, der damaligen Hauptstadt Litauens, schlechte Beziehungen hatte.

    Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs blieb die Region Wilno ein Zankapfel zwischen Litauen und Polen. Mehr als 15 Jahre lang bemühte sich Warschau um die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen, was nach Auffassung der polnischen Führung die Anerkennung des Verlustes von Wilno durch Litauen bedeuten würde. Als aber den Pilsudski-Anhängern der Kragen platzte, organisierten sie eine neue Provokation. Am 11. März 1938 wurde auf der polnisch-litauischen Demarkationslinie die Leiche eines polnischen Grenzschutzsoldaten entdeckt. Kaunas schlug Warschau vor, eine gemeinsame Kommission zu bilden, die sich mit der Untersuchung dieses Vorfalls befassen würde. Die Polen lehnten diese Initiative jedoch ab und warfen den Mord der litauischen Seite vor. Das Ziel der Provokation wurde am 17. März klar, als Warschau Litauen zur Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen ultimativ aufforderte, damit Wilno in dessen Verfassung nicht mehr als Hauptstadt genannt wird. Aus Angst vor einer polnischen Invasion musste Kaunas diese Bedingungen akzeptieren.

    Ein Jahr später wurde Litauen mit einer weiteren Drohung konfrontiert: Im März 1939 forderte Nazi-Deutschland von der litauischen Führung, Klaipeda samt der gleichnamigen Region Berlin zu überlassen. Auch diesmal hatten die Litauer keine Kraft, zu widerstehen…

    Geschichte der territorialen Gewinne Litauens

    Litauische Politiker und Journalisten beschimpfen seit vielen Jahren den Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der Sowjetunion vom 23. August 1939. Dabei haben die Litauer weniger Grund als jemand sonst für eine solche Reaktion. Denn ausgerechnet nach dem Verschwinden der Zweiten Rzeczpospolita von der politischen Landkarte Europas am 2. September 1939 bekam Litauen die Chance, die Region Wilno zurückzubekommen.

    Die Rote Armee erreichte die Stadt am 19. September. Ein großer Teil der Region Wilno wurde der Weißrussischen Sowjetrepublik angeschlossen. Diese Entscheidung, die heutzutage eher merkwürdig erscheint, war damals nicht überraschend. Denn einige weißrussische Politiker hatten bereits 1919 Wilno beansprucht. Und was noch wichtiger ist, die Bevölkerung der Region Wilno war sowohl 1919 als auch 20 Jahre später nicht gerade litauisch.

    Am 10. Oktober 1939 wurde der sowjetisch-litauische Vertrag über gegenseitige Hilfe unterzeichnet. Die UdSSR bekam damit die Möglichkeit, ihre Militärstützpunkte auf dem Territorium der Republik einzurichten, und überließ Litauen die Stadt und die Region Wilno. Die Stadt wurde in Vilnius umbenannt und zur Hauptstadt Litauens gemacht. Das ließ sich übrigens die Führung der Weißrussischen Sowjetrepublik nicht gefallen, die ebenfalls Wilno beanspruchte. Aber Josef Stalin hatte schon seine Wahl zugunsten der Litauer getroffen.

    Am 27. Oktober marschierten die litauischen Truppen in Vilnius ein. Einen Tag später fand die offizielle Empfangszeremonie statt. Aber die jubelnden Litauer konnten die bösen Gesichter der Polen nicht übersehen. Der litauische Historiker Ceslovas Laurinavicius schrieb: „Die Litauer hatten erwartet, dass die Polen, genauso wie ihr Land, das als Staat nicht mehr bestand, sich ihnen ergeben würden. Die Polen hofften jedoch ihrerseits, die Litauer würden ihnen die Initiative überlassen, und zwar nicht nur weil sie sich für eine zivilisiertere Nation als die Litauer hielten.“

    Ferner stellte der Historiker fest: „Fast alle Autoren, die die litauische Herrschaft in Vilnius erforschen, bezeichnen sie als ausgeprägt nationalistisch. Die ‚Litauisierung‘ der Region Wilno wurde vor allem von der Polizei aufgezwungen, die darauf aufpasste, dass in Vilnius nicht mehr polnisch gesprochen wurde. Wer nicht Litauisch sprach, der musste kündigen. Die Härte der Verwaltungskräfte äußerte sich auch darin, dass nicht nur Kriegsflüchtlinge, sondern auch so genannte ‚Einwanderer‘ (sprich alle Menschen, die aus der litauischen Sicht keine Stammeinwohner waren) ausgewiesen wurden. Diese Menschen mussten übrigens aus dieser Region nicht nur in andere Gebiete Litauens auswandern, sondern auch nach Deutschland und in die Sowjetunion – auf Vereinbarung mit beiden Ländern… Damit haben nicht nur Kriegsflüchtlinge ihre Staatsbürgerschaft verloren, sondern auch viele Menschen, die in der Region während der polnischen Herrschaft lebten.“

    Ein wenig später wurde zwischen den litauischen Sicherheitsbehörden und der deutschen Gestapo ein geheimes Abkommen geschlossen, dem zufolge die litauischen Geheimdienstler ihren deutschen Kollegen nicht nur polnische Untergrundkämpfer übergaben, sondern auch Polen, die sie loswerden wollten. Man kann sich ja vorstellen, wie die Polen in Hitlers Drittem Reich empfangen wurden.

    Am zweiten Tag des Großen Vaterländischen Kriegs der Sowjetunion verloren die Litauer wieder die Möglichkeit, die Herrscher ihrer Hauptstadt zu bleiben, als Vilnius von der Wehrmacht erobert wurde. Erst drei Jahre später, am 13. Juli 1944, wurde die Stadt von den Okkupanten wieder befreit. Den litauischen Schülern und Studenten teile ich extra mit, dass dies ein Verdienst nicht der litauischen „Waldbrüder“, sondern der Roten Armee war.

    Ausgerechnet der von den litauischen Behörden und Nationalisten gehasste Josef Stalin war derjenige, dem Litauen es zu verdanken hat, dass es nach der Vertreibung der deutschen Nazis seine Hauptstadt zum dritten Mal zurückbekommen hat.

    Aber noch mehr als das: Auch Klaipeda samt der gleichnamigen Region bekam Litauen. Obwohl Stalin das gar nicht hätte tun müssen. Denn die 1252 von deutschen Rittern gegründete Stadt hatte jahrhundertelang Preußen gehört und den Namen Memel getragen. Ein Bestandteil Litauens wurde sie erst 1923. Aber nur 16 Jahre später überließ die litauische Regierung Memel wieder Deutschland. Als Ostpreußen nach dem Zweiten Weltkrieg ein Teil der Sowjetunion wurde, hätte Stalin Klaipeda der RSFSR zuordnen können. Aber er beschloss, diese Region der Litauischen Sowjetrepublik zu überlassen.

    Unter den anderen Stalin-„Geschenken“ ist der Kurort Druskininkai erwähnenswert. Im Oktober 1940 überließ Stalin diese Stadt, die als Driskeniki der Weißrussischen Sowjetrepublik gehört hatte, Litauen. Dasselbe gilt auch für Swenzjany samt der Bahnstation Godutischki (litauischer Name: Adutiskis) und die angrenzenden Dörfer.

    P.S. Die Erforschung der beispiellosen Großzügigkeit des Genossen Stalin gegenüber Litauen ist eine wichtige wissenschaftliche Aufgabe. Die Litauer sollten sich damit endlich befassen und die Wahrheit herausfinden. Denn sonst bleibt das Bild der „sowjetischen Okkupation“ irgendwie unvollständig.

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