06:46 15 November 2019
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    Oleg Nasarow, promovierter Historiker, Mitglied des Sinowjew-Klubs der Internationalen Nachrichtenagentur Rossiya Segodnya

    Die Einstellung auf den Kalten Krieg und den Russland-Hass werden für immer bleiben

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    Die erfolgreiche Fünfte Internationale Konferenz „Sinowjew-Lesungen“ fand in der Internationalen Nachrichtenagentur Rossiya Segodnya an den Tagen statt, an denen Marquis Astolphe de Custine vor 175 Jahren das Russische Reich verließ. Auf den ersten Blick haben diese beiden Ereignisse nichts miteinander zu tun.

    Aber nur auf den ersten Blick, findet das Mitglied des Sinowjew-Klubs Oleg Nasarow.

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    Eine der Diskussionen im Rahmen der Konferenz war dem Thema „Der Tod einer Utopie: Kommunismus und allgemeine verwaltbare Demokratie“ gewidmet. Als Moderator fungierte dabei Alexej Pilko; Wladimir Lepjochin trat mit einem sehr interessanten Vortrag auf; Dmitri Michejew verwies seinerseits darauf, wie sehr sich der tiefe Sinn der angelsächsischen Ideologie von der schönen Hülle unterscheidet, in der sie der Welt präsentiert wird. Auf der Hülle sind attraktive Werte wie Demokratie, der Vorrang des Gesetzes, das Streben nach Glück usw. vermerkt. Die innere Ideologie, die allerdings nicht an die große Glocke gehängt wird, ist aber nahezu mit der  Darwinschen Theorie vergleichbar. Die Angelsachsen beanspruchen den Platz an der Spitze der Menschenhierarchie und teilen die Menschheit auf, indem sie sich an ihren eigenen Interessen, Fantasien und Vorzügen richten. Die Folgen dieser Vorgehensweise sind rassenbezogene, religiöse und sonstige Hierarchien. Die Russen und Orthodoxen generell gehören bei diesem „Wettbewerb“ nicht zu den „Preisträgern“.

    Russischer Charakter und russische Kultur in den Augen eines Russland-Hassers

    Rassistische, darunter antirussische, Ansichten sind im Westen seit vielen Jahren verbreitet und werden nicht nur von Ideologen der angelsächsischen Welt geteilt. Einer der bekanntesten Ideologen des Russland-Hasses war der französische Marquis de Custine. Im Sommer und Herbst 1839 besuchte er das Russische Reich. Seine Reise dauerte vier Monate, und danach schrieb er sein Buch „Russische Schatten“ (Originaltitel: „La Russie en 1839“), nach dessen Veröffentlichung 1843 er im Westen und unter den westlich orientierten russischen Intellektuellen als größter Russland-Experte angesehen wurde.

    In Sachen Russland- und Russen-Beschimpfung hatte der Marquis einige Vorgänger. Er war mit dem Buch „Notizen über Moskauer Angelegenheiten“ (Originaltitel: „Rerum Moscoviticarum Commentarii“) des Barons Siegmund von Herberstein vertraut, das noch 1549 veröffentlicht worden war. Aber ausgerechnet „Russische Schatten“ wurde zu dem Buch, das die strategische Richtung der westlichen Propaganda – den Russland-Hass – für zwei Jahrhunderte vorbestimmt hat.

    Kennzeichnend ist, dass die westlichen „Freunde“ und „Partner“ Russlands auf dieses Buch in den wichtigsten Momenten der Weltgeschichte zurückgriffen. So wurde es kurz vor dem Krim-Krieg neu veröffentlicht. In mehreren europäischen Ländern und in den USA wurde es auch bald nach dem Zweiten Weltkrieg bzw. am Anfang des Kalten Kriegs veröffentlicht. Auffallend sind auch die riesigen Auflagen dieses Buches während der von Gorbatschow begonnenen „Perestroika“.

    Den Grund für diese Popularität der Reisenotizen de Custines nannte der bekannte Russland- und Russen-„Freund“ Zbigniew Brzezinski, als er schrieb: „Kein einziger Sowjetologe hat zu den Erkenntnissen de Custines über den russischen Charakter und die byzantinische Natur des russischen politischen Systems etwas hinzufügen können.“

    Der französische Aristokrat, dessen Meinung der US-amerikanische Politologe polnischer Herkunft gerne zustimmt, behauptete, dass „die russische Regierungsform in sich alle Nachteile der Demokratie und der Despotie vereinigt, ohne einen einzigen Vorteil von dem einen oder dem anderen Regime zu haben.“ Und im Charakter der Russen entdeckte er „mehr Feinheit als Diskretion, mehr Gutherzigkeit als Gutartigkeit, mehr Herablassung als Zärtlichkeit, mehr Weitsichtigkeit als Erfindungskraft, mehr Scharfsinn als Fantasie, mehr Achtsamkeit als Intelligenz, aber vor allem Berechnung. Sie arbeiten nicht um Erfolg zu haben, sondern nur um gelobt zu werden. Sie kennen keine Schaffensflamme, keinen Enthusiasmus, der alles Große kreiert… Die Gebirgshöhen des Genies sind für sie unzugänglich.“

    Damit hielt de Custine weder den großen russischen Dichter Alexander Puschkin, der noch vor dessen Russland-Reise seine Meisterwerke geschrieben hatte und von dem Franzosen Georges d‘Anthes getötet worden war, noch den bereits bekannten russischen Dichter Michail Lermontow, noch Nikolai Gogol, dessen Bücher „Abende auf dem Weiler bei Dikanka“ und „Revisor“ weitbekannt waren, für Geniegrößen.

    „Der Russland-Hass und die Angst vor Russland, die den Leitgedanken des Buches des Franzosen ausmachen, ist nicht nur durch die negativen Eigenschaften des von ihm beschriebenen Landes bedingt, sondern vielmehr durch die Eigenschaften, die ihn faszinierten“, stellte der Publizist und Literaturkritiker Wadim Koschinow fest.

    Von der Angst vor denen, denen die „Gipfel des Genies“ angeblich unzugänglich waren, schrieb auch Alexander Sinowjew. „Im Westen fürchtete man immer ethnische Russen. Dabei ging es weder um eine militärische noch um eine wirtschaftliche Konkurrenz. Das war einfach Angst, weil die Russen angeblich gegen den Westen waren und sind. Hinzu kam ihr riesiges kreatives Potenzial. Am meisten hatte man Angst, dass die russische Kultur in den Westen kommen würde…

    Das merke ich an mir selbst. Wenn ich kein Russe wäre, dann wären für mich die Türen aller Universitäten offen. Alle Verlage würden mir vorschlagen, meine Werke zu veröffentlichen. Am Anfang hatte ich Glück und wurde zufällig sogar berühmt. Erstens hielt man mich zunächst für keinen Russen und zweitens für einen Dissidenten. Aber dann stellte sich heraus, dass ich Russe und kein Dissident war. Und dann hatte man plötzlich Angst vor mir! Gut, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits ein gewisses Ansehen  unter westlichen Wissenschaftlern und Literaten hatte. Aber seit dieser Zeit werde ich immer mehr in den Hintergrund verdrängt. Das müssen alle wissen, wer in den Westen gehen will. Hier haben sie keine Chance, sich durchzusetzen, falls sie Russen und zudem unabhängig bleiben wollen.“

    Wie die „Barbaren“ die „Crème de la Crème“ der Menschheit gerettet haben

    Als de Custine die Russen als „Barbaren“ bezeichnete, ergänzte er gutmütig: „Ich verurteile die Russen nicht dafür, dass sie so sind, aber ich verurteile sie dafür, dass sie so zu sein scheinen wollen, wie wir sind. Sie sind immer noch absolut ungesittet. Sie hätten allerdings immer noch die Hoffnung, gesittet zu werden, wenn sie nicht immer wieder versuchen würden, anderen Nationen blind nachzuahmen, gleichzeitig aber auch diejenigen auszulachen, denen sie nachahmen. Es entsteht der Eindruck, dass diese Menschen für den Urzustand verloren, aber gleichzeitig für die Zivilisation ungeeignet sind.“

    Man muss zugeben, dass es in Russland noch seit den Zeiten des Pseudodimitri I. viele Intellektuelle und Politiker gab, die den Westen bewunderten. Manchmal gerieten solche Personen auch an die Machtspitze. Wozu das aber geführt hat, davon zeugen die traurigen Ergebnisse der 1990er-Jahre.

    1994 bedauerte Sinowjew in einem Interview für Wladimir Bolschakow, dass „unsere Landsleute selbst daran schuld sind, dass sie verhöhnt werden, weil sie darauf ohne Würde reagieren, weil sie sich vor dem Westen erniedrigen. Über ein Land bzw. ein Volk urteilt man nach dessen Vertretern. Und unser Land bzw. unser Volk vertreten oft solche Auswüchse, dass man vom Westen ein anderes Verhalten zum Kommunismus, vor allem aber zu Russland und den Russen, nicht einmal erwarten sollte.“

    Aber Sinowjew sprach von einzelnen „Auswüchsen“, und de Custine behauptete, dass praktisch alle Russen „ungeeignet für die Zivilisation“ wären.

    Auffallend ist, dass auch der französische Botschafter im Zaren-Russland, Maurice Paléologue, 75 Jahre später ähnliche Ansichten äußerte. Er hat in Russland mehrere Jahre lang gelebt, war mit Vertretern der russischen Elite bekannt und wusste von Russland viel mehr als de Custine. Er war derjenige, der Zar Nikolaus II. anflehte, Frankreich in den ersten Wochen des Ersten Weltkrieges zu helfen, die für sein Land sehr tragisch waren. Jetzt, wenn Russland und Frankreich das 100-jährige Jubiläum des Kriegsausbruchs gemeinsam begehen, darf ich den französischen Marschall Ferdinand Foch zitieren: „Dass Frankreich 1914 nicht von der Erdfläche verschwunden ist, hat es vor allem Russland zu verdanken.“

    Paléologue fand jedoch keine guten Worte für unsere Vorfahren. Noch mehr als das: Bald nachdem sie Frankreich vor der Zerstörung gerettet hatten, erklärte der Botschafter: „Nach ihrer kulturellen Entwicklung befinden sich die Franzosen und Russen auf verschiedenen Niveaus. Russland ist eines der am meisten zurückgebliebenen Länder auf der Welt. Vergleichen Sie unsere Armee mit dieser unaufgeklärten und besinnungslosen Masse: Alle unsere Soldaten sind ausgebildet; in den ersten Reihen kämpfen junge Menschen, die ihr Können in der Kunst und Wissenschaft gezeigt haben – das sind talentierte und kluge Menschen, die Crème de la Crème der Menschheit…“

    Und wieder über die russische „Barbarei“ und den französischen „Schwarzen Kodex“

    „Am meisten empört mich, dass in Russland die raffinierteste Feinheit und die widerliche Barbarei koexistieren. Wenn das Leben der ‚Crème de la Crème‘ nicht so üppig wäre, dann wäre das Leben der einfachen Menschen nicht so kläglich. Die Reichen und die Armen sind hier keine Mitbürger“, schrieb de Custine.

    Teilweise hatte er sicherlich Recht. Aber der französische Intellektuelle hat in diesem Fall einen Splitter im fremden Auge gesehen, ohne den Balken im eigenen Auge zu sehen. Denn er beschimpfte die russische Ordnung, als seine Landsleute Sklavenhandel betrieben: In Frankreich galt damals der „Schwarze Kodex zur Verwaltung über französische Inseln in Amerika“, dem zufolge Sklaven als „bewegliches Eigentum“ galten. Wenn ein Sklave es wagte, seinen Besitzer oder eine andere freie Person zu schlagen, oder „Pferde, Maultiere, Bullen oder Kühe“ zu stehlen, dann durfte er dafür sofort hingerichtet werden. Der Kodex untersagte jegliche Versammlungen von Sklaven, „die verschiedenen Herren gehörten, (…) unter dem Vorwand einer Hochzeit oder unter einem anderen Vorwand, egal ob bei einem der Herren oder in einem anderen Ort geschweige denn auf großen Straßen oder in entlegenen Orten“. Dafür durften die Sklaven verprügelt oder gebranntmarkt und unter Umständen sogar hingerichtet werden. Für einen Fluchtversuch wurden Sklaven gebranntmarkt und ihre Ohren angeschnitten. Für den zweiten Fluchtversuch wurden ihnen die Sehnen angeschnitten. Für den dritten Versuch sahen die „zivilisierten“ französischen Gesetze die Hinrichtung vor.

    Xenija Mjalo verwies in ihrem Artikel „Die Reise zu den Barbaren oder Die ewige Reise des Marquis de Custine“ darauf, dass Frankreich „die außerordentliche Ehre gehörte, ein Dokument unter dem Namen ‚Schwarzer Kodex‘ verfasst zu haben, das die 200-jährige gesamteuropäische Praxis bekräftigte. Der ‚Schwarze Kodex‘ war eine Sammlung aus 60 Artikeln, die von Ludwig IV. im März 1685 veröffentlicht und erst 1848 endgültig abgeschafft wurde. (1794 wurde er zeitweilig außer Kraft, 1802 aber wieder in Kraft gesetzt.) Mit anderen Worten war das eine juristisch ausgefertigte Aussonderung der ganzen schwarzen Rasse aus dem rechtlichen Rahmen, und zwar ausgerechnet in der Zeit, als sich die Philosophie der Menschenrechte und —freiheiten etablierte…

    Mit anderen Worten wurde das europäische (sprich westliche) Bewusstsein während der ganzen Epoche, in der Russland laut de Custine und Brzezinski in der Barbarei versank, von der Idee der nichteinheitlichen und nichtgleichberechtigten Menschheit geprägt. Dabei sollte die juristische Ungleichheit die anthropologische und sogar metaphysische Ungleichheit nur legitimieren.“

    Auffallend ist, dass die zahlreichen europäischen Aufklärer, die ständig über die Rechte und Freiheiten schrieben, dieses „Bündel“ von Ungleichheiten „übersehen“ haben. Aber auch im frühen 21. Jahrhundert sehen viele westliche Intellektuelle keine Merkmale eines Völkermords in der Ostukraine. Sie befassen sich mit der Frage, ob es möglich sein könnte, dass mehrere Dutzende Einwohner Odessas am 2.  Mai sich selbst verbrannt haben und dass Dutzende junge Frauen im Donezbecken sich selbst vergewaltigt, getötet und beerdigt haben.

    Diese „Blindheit“ der westlichen Intellektuellen lässt sich aber nicht nur auf den Druck seitens Washingtons zurückführen, sondern auch auf die langjährigen Traditionen des europäischen Russland-Hasses.

    De Custines Offenbarungen samt vielen historischen Tatsachen bestätigen die Schlüsse, die die Teilnehmer der „Sinowjew-Lesungen“ über die westliche „Doppelboden“-Ideologie gezogen haben. Und eine Verbesserung dieser Situation lässt sich kaum erwarten.

    Auch der Russland-Hass wird weiter bestehen. Sehr aktuell bleiben die Worte des großen russischen Denkers Alexander Sinowjew: „Der Westen hatte immer etwas gegen Russland einzuwenden: Denn es ist für seine globale Herrschaft gefährlich. Die Einstellung auf den Kalten Krieg wird für immer und ewig bestehen. Dem Westen bereiten seine eigenen Kommunisten genug Kopfschmerzen. In erster Linie gilt es, das ‚Russischsein‘ zu vernichten, und diese Einstellung wird konsequent ins Leben umgesetzt. Erstens dürfen die Russen nicht zur internationalen Kultur zugelassen werden. Die Errungenschaften der russischen Kultur müssen kleingeredet werden. Alles Russische wird ausradiert. Zweitens muss das russische humane Material an sich vernichtet werden. Das Volk wird nicht zufällig verführt. Es wurde ein ganzes Programm zu seiner Verführung entwickelt. Mit uns will man das tun, was die Amerikaner mit den Indianern in Nordamerika getan haben.“

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