01:12 21 November 2019
SNA Radio
    Timofej Sergejzew

    Auf Kurs mit dem Rubel

    © Sputnik / Wladimir Trefilow
    Sinowjew-Klub
    Zum Kurzlink
    Von ,
    1757
    Abonnieren

    Der Rubel-Kurs ist ein Steuerungsinstrument und kein Merkmal des Erfolges der Wirtschaftsstrategie, so Timofej Sergejzew, Mitglied des Sinowjew-Klubs von Rossiya Segodnya.

    Sinowjew-Klub
    Sinowjew-Klub

    Wir haben bereits über den spezifischen Charakter des modernen Geldes geschrieben. Wir brauchen eine eigene nominelle Währung und ihre Zukunft – falls es sie gibt, wird es nichts Gemeinsames mit dem heutigen „Kurs gegenüber dem Dollar“ geben, der jetzt wie das Fieber eines Kranken sorgfältig verfolgt wird. An „Wirtschaftsfieber“ stirbt man nicht, obwohl Wirtschaftsexperten sagen, dass die Sowjetunion daran starb. Die Gesellschaften sterben am fehlenden Streben nach Leben, was ausschließlich in politischen Erscheinungen ausgedrückt wird, auch wenn die Wirtschaft dabei eine große Rolle spielt. Die Wirtschaft während des Großen Vaterländischen Krieges förderte keinen erweiterten Konsum. Dennoch war der Zerfall des Landes damals kein Thema. Heute werden jedoch in den Zeitungen Ängste verbreitet – was geschieht mit dem Rubelkurs? Was wird mit dem Verbrauch der Importwaren? Was wird mit der Wirtschaftsmigration in die Welt der ausländischen Waren?

    In der nächsten Zeit werden die liberalen Wirtschaftsgenies, die keinen direkten politischen Einfluss haben, immer lauter von einer bevorstehenden Katastrophe schreien, wobei der russische Verbraucher zu einem bürgerlichen Rebellen bewegt wird – „Wir haben doch gewarnt!“. Doch es waren absolut andere Menschen, die vor einem Zerfall der globalen Wirtschaft einer ungleichen, jedoch „nachhaltigen“ (UN-Terminologie) Länderentwicklung, einer globalen Export- und Importabhängigkeit der Exporteure und Importeure (vor den dritten Ländern vor allem Regulatoren) und uneingeschränkten und ungesicherten US-Krediten in der ganzen Welt gewarnt haben.

    Doch die Wirtschaftsgenies haben uns erfolgreich diese Sprache zur Beschreibung der Wirtschaftserscheinungen aufgedrängt, das man sie jetzt kaum verstehen kann – ähnlich wie man die sowjetische Intervention in Afghanistan mit Begriffen wie „Vollziehung der internationalen Pflicht“ nicht verstehen konnte, wie Merab Mamardaschwili stichelte.

    Wir haben tatsächlich große Probleme in der Wirtschaft. Sie sind teilweise unausweichlich, historisch damit verbunden, woher wir stammen. Sie gehen teilweise aus unseren Fehlern hervor, was auch verhindert und geändert werden konnte – die von unseren Gegnern bei der globalen Verteilung der wirtschaftlichen Güter von außen aufgedrängt wurden. Diese drei Typen der Probleme entstanden nicht gestern. Doch die Wirtschaft ist vor allem ein Test für den gesunden Verstand. Ohne zu ihm zurückzukehren, werden wir einfach betrogen. Man soll nicht vergessen, dass die grundlegende Wirtschaft – der Handel ist. Glauben wir den „fairen“ Händlern? Wenn ja, dann sollte man besser das Geschäft sofort schließen, sonst würden wir alles verlieren.

    Das ganze Wirtschaftskonzept, das von uns von den US-amerikanischen Genies und ihren  Platzhaltern entlehnt wurde, bestand in den letzten 25 Jahren darin, dass man sich in Reiche und Arme teilen soll. So sieht die wirtschaftlich „effektive“ soziale Organisationsform aus, weil sie US-amerikanisch ist. Die Armen werden gezwungen, zu arbeiten, und dürfen nicht am Arbeitsplatz faulenzen, wie es in der Sowjetunion der Fall war. Das wird das erwünschte Zwingen zur Arbeit sein. Weil das Volk schon müde von allem „Nicht-wirtschaftlichen“, „Administrativen“ und „Politischen“ (als man wegen Arbeitsscheu vor Gericht gestellt wurde) ist, wird es die neue Aufgabe mit Freude wahrnehmen – wie das neue iPhone 6 nach iPhone 5. Die Reichen werden unvermeidlich die klügsten und die erfolgreichsten und neuen Wirtschaftsbranchen schaffen, die die Sowjetunion nicht geschafft hatte.

    Man kann die Reichen in kurzer Zeit nur durch die Verteilung des staatlichen Vermögens schaffen. Das wurde auch getan. Es ist logisch, dass bei einer solchen Bereicherungsform etwas Neues nicht mehr geschafft werden soll, das ist sogar schädlich für die Ziele der Bereicherung. Zudem stört bei einer solchen Bereicherung bereits vieles Vorhandene, doch man hat keinen Wunsch, es zu verbessern und umzugestalten. Es ist einfacher, es zu beseitigen. So geschah es auch. Im Ergebnis verließ Russland viele äußere Märkte und machte viele innere Märkte frei. Das erfreute die „fairen Händler“. Die berüchtigte Kapitalisierung bestand doch darin, das staatliche Vermögen durch eine Wirtschaftskrise zu entwerten, worauf die „Wirtschaftsreformen“ gerichtet waren, und das Kapital dann an den Westen zu verkaufen — und dorthin mit Geld abzuhauen. Das passte den westlichen Herrschern, weil sie damit auch politische Hebel zum Druckausüben auf Russland bekamen. Die zweite Reihe dieses Szenarios war 2008/2012 in Form der Privatisierung der Finanzströme des Staatshaushalts. Möge der Staat für die medizinische Behandlung nicht an die Krankenhäuser, sondern an unsere Versicherungsunternehmen zahlen, und wir bekommen den Übergewinn — was übrig bleibt, können dann die Ärzte nehmen.

    Doch in diesem System des wirtschaftlichen Zwanges wurde es zum Problem der Armen, dass sie absurderweise nicht mehr benötigt wurden. Auf einem Territorium, wo die Wirtschaft vernichtet wird, braucht man die Bevölkerung nicht. Sie soll verkleinert werden. Diejenigen, die der Staat früher großzog, sollen ins Ausland abwandern. Der Rest wird selbst aussterben. Doch die übrig gebliebenen neuen Armen sind weiterhin Wähler – das ist eine unausweichliche schwache Stelle des „Demokratie“-Systems. Man muss ihnen jedoch etwas geben. Deswegen gingen die Wirtschaftsbosse endlich darauf ein, dass ein Teil der Rohstoffeinnahmen gegen den Import getauscht wird, um die Bevölkerung zumindest teilweise zu beruhigen. Das soll der Staat machen, weil sie selbst das kaum machen kann. Es entstand ein taktischer politischer Konsens zwischen der Wirtschaft und den Behörden. Er wurde institutionell als dominierender Programmpunkt von „Geeintes Russland“ formuliert. Chodorkowski wurde von der Geschäftswelt Russlands verurteilt, weil er nicht in dieses Konzept passte. Er wollte alles bekommen. Gazprom wurde jedoch nicht privatisiert. Russland zerfiel nicht und die Ölbranche wurde entprivatisiert.

    Diese Situation ist nur eine Übergangszeit. Das gab es alles bereits in der späten Sowjetunion. Wir alle – sowohl das Volk als auch die Behörden bekamen damals Angst, etwas Neues zu machen. Weil das Arbeit, Nebenkosten, Risiken, Probleme mit sich bringt – sowohl politische als auch wirtschaftliche. Die realen politischen Ideologien von Kommunismus und Kapitalismus kämpften ja gegeneinander bis zum Ende, weil sie beide denselben Mythos über den Überfluss nutzten, die dem Menschen die wissenschaftliche Macht über die Natur („Technologien“) geben soll. Man brauchte ja so sehr diesen Überfluss, den erweiterten Konsum – nicht im Tausch gegen Arbeit und Probleme, sondern als Ergebnis verschiedener Wirtschaftswunder. Obwohl es in der Sowjetunion im Sinne der Wirtschaftsordnung gerade den Kapitalismus gab  — den staatlichen und möglichst monopolisierten — in Konkurrenz zwischen den großen Korporationen, der maximal effektiv im Wirtschaftskampf gegen die USA war – trotz der deutlich geringeren Ressourcen.

    Das Problem der Sowjetunion, das bis heute nicht beseitigt ist, bestand in der Steuerung – der Bevölkerung wurde ein gerechtes wirtschaftliches System versprochen, es wird auch heute versprochen. Das ist aber nicht richtig – kein einziges Wirtschaftssystem kann gerecht sein, weil es seinem Wesen nach nach der Anhäufung von Reichtum strebt, unabhängig davon, in welchen Händen es sich befindet. Die Gerechtigkeit ist eine Arbeit ausschließlich für den Staat, das zeigte bereits Platon. Die Begriffe Steuerung der Wirtschaft und Gerechtigkeit müssen getrennt werden. Doch in der Sowjetunion war die Belohnung für die Arbeit mit der sozialen Versorgung verbunden. Beide Aspekte wurden an der Arbeitsstelle bereitgestellt. Im Ergebnis konnte man weder Garantien noch die Arbeit steuern. Sozialismus bedeutet jedoch nicht Gleichheit, sondern Solidarität, die nur bei einer gerechten politischen Ordnung, also Verteilung, möglich ist. Eine ausgleichende Verteilung war nicht gerecht.

    Die Verluste, die vom Volk innerhalb von 25 Jahren getragen wurden (und die noch bevorstehenden Verluste), sind erst dann gerechtfertigt, wenn wir damit beginnen, die einzige jedoch reale Errungenschaft des neuen Russlands zu nutzen – die Trennung der Arbeitsbelohnung von den sozialen Garantien. Doch auch heute werden soziale Garantien von den Behörden unter dem Deckmantel der Ideologie gewährleistet, weil die Wirtschaftsideologie bei uns zu liberal ist, also sind solche Garantien verboten. Wieso soll man sich dann darüber wundern, dass man nach Europa strebt. Dort wurde Sozialismus nie verboten. Deswegen werden soziale Garantien von den Behörden in Russland entweder in Geldform (Muttergeld, ermäßigte Immobilienkredite) bzw. eines erweiterten Verbrauchs angeboten. Der Verbraucher erwartet das auch von den sozialen Garantien. Doch der Verbrauch ist nicht die Sicherung der Reproduktion des Lebens, er ist nicht harmonisch, wie die Konsumwünsche, die vom Wirtschaftswachstum getrieben werden. Die sozialen Garantien im nichtmonetisierten Teil sollen nicht den Verbrauch erweitern, sondern die Reproduktion eines gesunden, arbeitsfähigen und gebildeten Menschen harmonisieren. Daran mangelt es unserer Wirtschaft. Wir beginnen bereits sogar Piloten im Ausland zu suchen. Doch der Verbraucher kauft besser einen dritten Fernseher oder ein neues iPhone statt einen neuen gefragten Beruf zu erlernen (und kein gefälschtes Diplom eines Rechtsanwalts bzw. Wirtschaftlers bzw. Juristen zu kaufen).

    Die Wirtschaft wird einen normalen Verlauf bekommen, wenn ihr einziges Ziel nicht mehr der Übergewinn sein wird. Das betrifft alle Ebenen der Geschäftsaktivitäten – kleine, mittelgroße und Großunternehmen. Erst dann kann die Frage nach der Produktions- und Wirtschaftseffizienz gestellt werden. Dann wird es keinen Sinn mehr haben, die Wirtschaft zu berauben – weder für Beamte noch für Kriminelle. Solch eine Wirtschaft braucht einen wahren staatlichen Schutz – sowohl rechtlich als auch wirtschaftlich. Die Wirtschaft muss funktionieren und nicht verdienen. Das wird benötigt und nicht der mythische Antikorruptionskampf, weil man gegen sich selbst kaum kämpfen kann.

    Man muss sich ebenfalls von einem anderen wirtschaftlichen Mythos befreien, damit der Rubel-Kurs nicht zum Erschrecken, sondern zur Ernüchterung führt. Uns wird das Konzept aufgezwungen, dass wir unseren Platz im System der globalen Arbeitsteilung finden sollen. Von uns will man, dass wir dieses Konzept akzeptieren. Der Platz für uns wird wohl gefunden. Unsere Rohstoff-Einschränkung ist die Verwirklichung dieses Konzepts. Wir sollen keine Waffen, Flugzeuge und andere komplizierte Dinge mehr herstellen. Selbst der naive Versuch Russlands, einst den finanziell angeschlagenen Autokonzern Opel zu kaufen, scheiterte. Uns wurde nichts außer Waren von der Resterampe verkauft. Auch ohne Sanktionen. Man sollte sich daran erinnern, dass sich Pjotr Kropotkin gegen eine globale Arbeitsteilung aussprach. Wenn wir nicht wollen, über uns eine andere Macht als die eigene zu haben, sollte man auf den wirtschaftlichen Gedanken des Anachronismus hören. Das passt auch zur internationalen Wirtschaft. Niemand in der modernen Welt exportiert Waren ohne Übergewinn und die Abhängigkeit vom Importeur zu bekommen. Das ist unvermeidlich bei dem jetzigen Aufbau des globalen Geldverkehrs, der auf Überemission beruht. Der Export ist also das Recht des Starken und die Möglichkeit, seine Waren unter den eigenen Bedingungen aufzudrängen, aggressives Marketing und Werbung, eine politische Förderung des Imports in die abhängigen Staaten. Wir sollen uns daran erinnern, dass eine reale Wirtschaft der Reproduktion des Lebens und der Tätigkeit die Produktion eigener Produkte vorsieht, wenn wir alle selbst herstellen, was wir brauchen.

    Wir sollen unter anderem selbst Technologien entwickeln. Oder sie effektiv entlehnen. Man muss sich dabei nicht schämen. China schämt sich doch nicht. Bei dem Mythos über rückständige Länder handelt es sich in der Tat darum, dass die Verhinderung der Verbreitung von Know-how und Technologien die wichtigste politische Aufgabe der Länder ist, die über diese verfügen. Diese Länder wollen nicht Know-how und Technologien, sondern die Naturressourcen teilen, ohne die keine Informationsgesellschaft auskommen kann, weil es unmöglich ist, nach Facebook umzuziehen. Ohne eine globale „Vergesellschaftlichung“ der Wissenschaft ist keine globale Menschheit im wirtschaftlichen Sinne möglich. Das bedeutet, dass jeder für sich alleine ist.

    Der Verzicht auf die Import- und Waren-Immigration der Verbraucher ist eine schmerzhafte Sache. Man muss die Gewohnheiten ändern. Doch es ist besser, auf sie als auf das eigene Leben zu verzichten. Die gesamte uns aufgedrängte wirtschaftliche Mythologie, die in uns nicht lenkbare Angst und Schrecken, Hysterie und Panik auslösen soll, deutet den wirtschaftlichen Aspekt als einen natürlichen Prozess. Alles verläuft dort von selbst. Man soll dabei nicht stören. Man soll nur die Freiheit geben. Das stimmt nicht. Die natürlichen Prozesse in der wirtschaftlichen Dimension sind eine Reaktion auf einen künstlichen Bestandteil, auf die Handlungen der Subjekte. Sowohl der zahlreichen individuellen als auch der kollektiven Subjekte wie Korporationen und Staaten. Letztere existieren nicht für den Reichtum der Völker. Ohne Staaten würde es keinen Reichtum und keine Völker geben. Für Adam Smith war das offensichtlich, er ging davon aus. Seine ideologischen Nacherzähler verzerren grob seine Vorstellungen in den Diskussionen über einen „unsichtbaren Arm des Marktes“, wobei man davon überzeugt ist, dass jetzt kaum jemand Smith lesen wird und wenn doch, dann würde er jedenfalls nichts verstehen. Das Wichtigste ist, dass es sich jedoch um einen Arm handelt, auch wenn er unsichtbar ist. Der Markt ist ein Instrument zur staatlichen Steuerung der Wirtschaft – darüber schrieb der Experte.

    Der Rubel-Kurs und die Wirtschaft sind zugleich eine natürliche und eine künstliche Erscheinung. In dem Ausmaß, in dem er sich selbst steuert, ist es eine Schutzreaktion unseres nationalen wirtschaftlichen Organismus auf den Überfluss der kommenden Warenmasse. Was den künstlichen Teil betrifft, wir sollen ihn senken, weil es sich um das allgemeine Verbot auf die Einfuhr alles Fremden, als Zusatz zum Verbot für die Einfuhr konkreter Lebensmittel handelt. Beide Vektoren stimmen überein. Das bedeutet, dass alles richtig ist. Es handelt sich um die alte Frage nach der Handelsfreiheit, gegen die sich Europa äußerte und die immer von England aufgezwungen wurde. Man hat wohl üppig wegen der Naturschätze gelebt, gefaulenzt – jetzt muss man arbeiten. Der Verbrauch muss geändert werden. Und das menschliche Potential wiederaufgebaut werden. Der Rubel-Kurs ist ein Steuerungs-Mechanismus und kein Merkmal des Erfolges bzw. Misserfolges der Wirtschaftsstrategie. Er ist eine Momentaufnahme und für den Wiederaufbau der wirtschaftlichen Souveränität sind mehrere Jahre vonnöten. Hysterie und Panik werden dabei nicht helfen. Sie werden hingegen stören. Wir haben jedoch keinen anderen Weg. Wer anders denkt, sollte einfach zurückschauen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Wer ist schuld?
    Putin: Russische Hersteller sollten Rubel-Schwäche nutzen
    Rubel-Hoch: Russland wird wieder attraktiv für Anleger
    Experten irren sich beim Rubel
    "Beste Währung der Welt": Rubel erholt sich überraschend
    Tags:
    Rubel, Uno, USA, Russland, UdSSR, Afghanistan