Widgets Magazine
10:51 13 November 2019
SNA Radio
    Alexej Pankin

    Warum auf den Kalten Krieg kein warmer Frieden folgte

    © Sputnik / Vladimir Trefilov
    Sinowjew-Klub
    Zum Kurzlink
    Von ,
    15710
    Abonnieren

    Das Mitglied des Sinowjew-Klubs Alexej Pankin erzählt über den 25. Jahrestag des sowjetisch-amerikanischen Gipfeltreffens in Malta, das einen Schlussstrich unter den Kalten Krieg ziehen sollte.

    Sinowjew-Klub
    Sinowjew-Klub

    Vor 25 Jahren, am 3. Dezember 1989, ging in Malta das sowjetisch-amerikanische Treffen auf hoher Ebene zu Ende. Es schien, dass ein Schlussstrich unter dem Kalten Krieg gezogen wurde. Dieses historische Datum ist eine gute Gelegenheit, um sich an die damalige Zeit zu erinnern, als man wegen des Endes der Konfrontation zwischen Ost und West jubelte. Man soll auch versuchen, zusammen mit denjenigen, die an diesem Gipfel teilnahmen oder ihn vorbereiteten und ihn aufmerksam verfolgten, zu klären, ob die Welt eine Chance hatte oder die Konfrontation mit den damaligen „Partnern“ bereits damals vorherbestimmt wurde.
    Damals und heute

    Beginnen wir mit einigen Zitaten, die den bisherigen Weg kennzeichnen.

    Michail Gorbatschow, Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion: „Die Welt lässt eine Epoche hinter sich und geht in eine andere. Wir stehen am Beginn eines langen Weges. Das ist der Weg in die Epoche einer gefestigten Welt. Die Gefahren gewaltsamer Handlungen, Misstrauen, der psychologische und der ideologische Kampf – das soll jetzt alles verschwinden“.
    George Bush, US-Präsident: „Wir können die Idee einer gefestigten Welt ins Leben rufen und eine zuverlässige Zusammenarbeit in unseren Beziehungen zwischen Ost und West erreichen. Gerade hier, in Malta, haben ich und der Vorsitzende Gorbatschow die Grundlage für diese Zukunft gebildet“.

    Das wurde bei der ersten in der Geschichte gemeinsamen Pressekonferenz nach den Verhandlungen gesagt. Zuvor hatten die Staatschefs ihre Schlüsse getrennt gezogen.

    So lauten die Worte der Anführer beider Länder heute:

    US-Präsident Barack Obama in der UNO (24. September 2014): „Der Ebola-Virus droht mit einer schnellen Ausweitung über die Grenzen. Die russische Aggression in Europa erinnert an die Zeiten, als große Länder die kleineren bei der Jagd auf territoriale Gewinne zertraten. Das brutale Vorgehen der Terroristen in Syrien und im Irak bewegt uns dazu, in die Dunkelheit zu blicken“.

    Russlands Präsident Wladimir Putin bei der Sitzung des Waldai-Klubs (24. Oktober 2014): „Wir sehen jetzt erneut Versuche, die Welt zu spalten, neue Trennungslinien zu ziehen, die gegeneinander gerichtete Koalitionen zu schaffen, erneut die Gestalt eines Feindes zu bilden, wie es während des Kalten Krieges war“.

    Wie kamen wir zu dieser Entwicklung?

    1989. Atmosphäre

    Erinnern wir uns an die Ereignisse 1989. Der Truppenabzug aus Afghanistan. Die erste Sitzung der Volksabgeordneten. Unruhen in Georgien, in Baltikum. Streiks der Bergarbeiter. Der Sturz der sozialistischen Regierungen in fast allen Ländern des Warschauer Vertrags. Der Fall der Berliner Mauer im November…

    „Viele hatten damals das Gefühl der Verwirrung, als ob der Boden unter den Füßen nachgibt. Ich denke, auch Gorbatschow hatte dieses Gefühl, der nach einem Haltepunkt, der Unterstützung für seine Wandlungen durch die USA suchte“, sagt Andrej Koltunow, das damalige Mitglied einer Arbeitsgruppe, die Materialien zum Gipfel vorbereitete, und der heutige Generaldirektor des Russischen Rats für internationale Angelegenheiten. „In den USA herrschte ebenfalls Verwirrung. Die Wandlungen geschahen sehr schnell, so dass sie kaum eingeschätzt werden konnten“.

    Warum Malta?

    Pawel Palaschtschenko, Übersetzer von Michail Gorbatschow:

    Nach der Machtübernahme im Januar 1989 beschloss George Bush, die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen strategisch einzuschätzen, er nahm eine Pause. Doch die Ereignisse, insbesondere in Osteuropa, entwickelten sich so schnell, dass alle auf Handlungen warteten. Der Vorschlag, ein außerordentliches Treffen auf der Topebene beim neutralen Malta abzuhalten – abwechselnd auf einem amerikanischen und sowjetischen Militärschiff — wurde während des Besuchs von Schewarnadse in den USA im September gemacht. Die Einwilligung Gorbatschows wurde schnell bekommen. Als Delegationen am 1. Dezember auf Malta kamen, begann ein starker Sturm. Ich erinnere mich daran, dass der Chefkommandeur der sowjetischen Kriegsflotte, Admiral Tschernawin, sagte, dass es für zivile Personen unmöglich ist, an Bord zu steigen. Es wurde beschlossen, das Treffen auf dem Schiff „Maxim Gorki“ abzuhalten, das nahe der Anlegestelle La Valetta stand, wo die sowjetische Delegation unterbracht war. Es war dort ein bisschen zu eng.

    Robert Legvold, im Jahr 1989 — Direktor des Harriman-Instituts, eines einflussreichsten liberalen Think Tanks; war in Malta als Experte des US-Senders ABC.

    „Das Interesse gegenüber dem Treffen in Malta war in den USA riesengroß – die führenden TV-Sender berichteten darüber fast Tag und Nacht. Doch das gestaltete sich schwierig. Der Wind riess Menschen zu Boden und zerriss die Kabel. Alle bemerkten, wie Präsident Bush beinahe ins Meer geweht wurde, als er an Bord seines Schiffes nach den Verhandlungen stieg“.

    Wovon wurde gesprochen und was wurde vereinbart

    Bush brachte nach Malta eine Tagesordnung aus 20 Punkten mit – von der Entwaffnung bis zu humanitären Fragen. Dazu gehörten die Vorschläge zum Marschall-Plan für Russland, also zum Plan der Wirtschaftshilfe bei Reformen in der Sowjetunion, auf dem der damalige US-Botschafter in Moskau, Jack Matlock bestand. Laut Legvold wollte die Administration zuerst sehen, inwieweit erfolgreich Gorbatschow die Reformen mit eigenen Kräften meistern wird.

    Nach dem Treffen gab es weder eine gemeinsame Erklärung noch unterzeichnete Vereinbarungen (sie waren nicht geplant). Der sowjetische Anführer versicherte der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten der osteuropäischen Länder. Die Erörterung der Zukunft Deutschlands wurde verschoben. Am wichtigsten war Palaschtschenko zufolge, dass Gorbatschow sagte — die Sowjetunion halte die USA nicht für einen Feind. Bush antwortete dasselbe. Diese Erklärung wurde per Handschlag besiegelt, zunächst im Verhandlungsraum, danach vor den TV-Kameras.

    Bush habe zudem versprochen, dass er nicht die Probleme der Sowjetunion nutzen wird, um Propagandavorteile zu erreichen, sagte Palaschtschenko. Er hielt sein Wort bis zum Zerfall der Sowjetunion und Gorbatschows Entmachtung.

    Von den russischen Teilnehmern hat Anatoli Tschernjajew, Assistent des Generalsekretärs für internationale Fragen, die ausführlichsten Erinnerungen. Darin sind einige Details zu finden, die aus heutiger Sicht interessant sind.

    „Es blieben noch regionale Probleme (neben zentralamerikanischen, die die USA nicht für regional hielten, weil sich damit auch andere Mächte befassen können)“. Also Freundschaft ist gut, doch man darf sich nicht in unseren Einflussbereich einmischen! Wie kann man hier sich an die Ukraine nicht erinnern.

    Betrug? Verrat?

    Der Gipfel ging zu Ende. Das Jahr 1989 ging ebenfalls zu Ende. Danach entwickelten sich die Ereignisse sehr schnell – der Zerfall der sozialistischen Gemeinschaft und der Organisation des Warschauer Vertrags. Nicht die Wiedervereinigung Deutschlands, sondern die Übernahme der DDR durch die BRD. Der Zerfall der Sowjetunion. Die Erweiterung der Nato bis auf die Grenzen des einst sowjetischen Baltikums. Da steht bereits der Feind vor der Tür – die USA kämpfen gegen Russland mit Hilfe der Ukraine.

    Aus der Sicht der heutigen Zeit sehen viele darin das Janusgesicht der USA und den Verrat der sowjetischen Führung. Wie wird die Situation von den Insidern eingeschätzt?

    Ich fragte Anatoli Tschernjajew: „Hatten Sie nicht das Gefühl, dass Bush mit Ihnen ein doppeltes Spiel spielte – verbal unterstützte er die Zusammenarbeit und praktisch war er für den Sieg im Kalten Krieg und den Zerfall der Sowjetunion?“

    „Ich hatte weder damals noch heute dieses Gefühl. Ich denke, sie wollten eine friedliche demokratische Sowjetunion haben, mit der man globale Dinge erledigen könnte“.

    Auch Palaschtschenko sagt in dieser Richtung: „Die USA und der Westen hatten überhaupt Angst vor einem schnellen Zerfall der Sowjetunion. Erstens waren sie vom Schicksal der Atomwaffen beunruhigt. Zudem dachten sie, dass die Bewegung zur Demokratie einfacher im Rahmen eines einheitlichen Staates als in einzelnen Ländern gestaltet werden kann. Erinnern Sie sich daran, dass George Bush im Sommer 1991 sogar in die Ukraine reiste, um dort gegen Separatismus zu agitieren. In den USA – auch in Kiew – wurde ihm das bis heute nicht verzeihen“.

    — Doch es war gerade er, der im März 1992 die Rede hielt, in der er den Sieg der USA über der Sowjetunion im Kalten Krieg erklärte…
    — Es handelt sich bereits um die nachträgliche Politikasterei. Es lief eine Wahlkampagne, sein Rivale Bill Clinton kokettierte mit der osteuropäischen Diaspora und deutete auf die Möglichkeit hin, diese Länder in die Nato aufzunehmen. Ich erinnere ebenfalls daran, dass die These über die Niederlage der Sowjetunion im Kalten Krieg lange vor Bush von den Personen aus dem Umfeld Jelzins zu hören war.

    Dmitri Michejew, damals politischer Emigrant, Antikommunist, wissenschaftlicher Mitarbeiter des einflussreichen neokonservativen Hudson-Instituts zur „Verschwörungs- und Verratstheorie“:

    „Ich denke nicht, dass sich Bush mit  Betrug befasste. Wozu braucht man das, wenn der Gegner selbst zurücktritt? Was mein damaliges Umfeld betrifft, sah man in den Zugeständnissen Gorbatschows entweder den Erfolg des US-Drucks oder einen schlauen Farbenwechsel – Umgruppierung der Kräfte zu einer neuen Offensive. Die Menschen dieses Typs sind nicht imstande daran zu glauben, dass das ‚Reich des Übels‘ selbst aufgeben kann. Man soll es jedenfalls totschlagen. In dem Umfeld derjenigen, die bis heute die Außen- und Innenpolitik der USA ausmachen, haben 60 bis 70 Prozent diese Mentalität. Früher oder später hätten sie jedenfalls gewonnen“.

    No-Return-Point

    Fast alle unseren Gesprächspartner sind der Ansicht, dass die Abkühlung der Beziehungen nach dem Zerfall der Sowjetunion unausweichlich war.

    „Es war gerade der gewählte Anführer Russlands, Boris Jelzin, der auf ein Komplott mit den Anführern der Ukraine und Weißrusslands ging, mit dem Ziel, die Sowjetunion in unabhängige Staaten zu spalten“, schrieb vor kurzem der ehemalige US-Botschafter in der Sowjetunion Jack Mattlock, der im Postsowjetraum der kontinuierliche Gegner der Nato-Erweiterung war. „Die Nachfolger von George Bush hielten sich für frei von den Verpflichtungen gegenüber dem Anführer des verschwundenen Landes“.

    „Die ernsthaften Gespräche über die Erweiterung der Nato in den Osten begannen erst, als Jelzin 1993 in Warschau sagte, dass der Beitritt Polens zur Nato den russischen Interessen nicht widersprechen wird“, sagt Palaschtschenko.

    „Der Westen versteht nur Gewalt!“

    Olga Sinowjewa verfolgte die damaligen Ereignisse zusammen mit ihrem Mann, dem hervorragenden sowjetischen und russischen Denker, Alexander Sinowjew, aus Deutschland.

    „Wir verfolgten mit Erschrecken die ganzen Ereignisse. Ich erinnere mich daran, wie Alexander sagte – Selbst das Wetter ist dagegen. Er fügte hinzu – Wozu sollte man ins Meer gehen, wenn man diese peinliche Dinge auch auf dem Boden machen konnte“.
    Womit hat Gorbatschow sie gehalten? Mit leidenschaftlichen Versprechen und Bitten? Sie sollten uns nicht betrügen, sondern unterstützen, Wie werden dann alles tun, was wir ihnen versprochen haben.

    Doch niemand kam auf den Gedanken, dass alles ernst ist. Die Wiedervereinigung Deutschlands sah in den Augen derjenigen, die an die politische Geschichte der Welt glauben, als ein langes Spiel aus mehreren Zügen. Sie hätten kaum ahnen können, dass dies alles ihnen zu den Füßen geworfen wird. Sie erinnern sich doch an die Worte von Helmut Kohl. Hätte Gorbatschow um 100 Milliarden für die Wiedervereinigung Deutschlands gebeten, wären sie ihm gegeben worden. Auch 200 Milliarden. Ganz Europa und die ganze Welt hätte gemeinsame Anstrengungen unternommen, um der Sowjetunion dieses Geld zu geben.

    Doch Gorbatschow sagte einfach – nehmen Sie das alles und wir werden ein neues Leben, eine neue demokratische, liberale Welt aufbauen. Wir brauchen diese liberalen Werte, wir können ohne sie nicht leben.
    Doch Europa versteht nicht liberale, milde Gespräche. Auch die USA nicht. Es kann zwar schrecklich klingen, doch man kann mit ihnen Beziehungen nur aus der Position der Stärke aufbauen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Sinowjew-Klub, NATO, Petro Poroschenko, Barack Obama, Wladimir Putin, USA, Russland