18:56 22 August 2017
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    Wladimir Lepjochin

    Überlebt Russland den Krieg der Zivilisationen?

    © Sputnik/ Wladimir Trefilow
    Sinowjew-Klub
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    Wladimir Lepjochin, Sinowjew-Klub
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    Nach Auffassung des Mitglieds des Sinowjew-Klubs Wladimir Lepjochin wird Russland den gegen es entfesselten Krieg nicht gewinnen, solange es sich selbst nicht als Zivilisationsland betrachtet.

    Heutzutage gibt es in Russland wohl kaum einen Experten für Geopolitik, der nichts von dem bekannten Werk des US-amerikanischen Politologen Samuel Huntington „Kampf der Kulturen“ gehört hätte. Kaum jemand hat es aber selbst gelesen – selbst diejenigen, die sich für Intellektuelle halten. Deshalb kann kaum jemand die in Russland vorgehenden Prozesse nachvollziehen – von der Abwertung des Rubels bis zu den langfristigen Entwicklungsperspektiven des Landes.

    So glauben viele Vertreter der „kreativen Klasse“ aus irgendwelchen Gründen, Russland würde einen Krieg gegen die Ukraine führen und wäre bereit, jederzeit irgendwo sonst Kriegshandlungen zu führen. Dabei zeugt selbst die primitivste Zivilisationsanalyse von folgendem:

    1. Russland ist nicht nur ein Staat, sondern ein Zivilisationsland (siehe „Die nationale Idee ist gefunden“), und deshalb können seine Handlungen nicht mit der Logik eines einzelnen europäischen Staates bewertet werden;
    2. Im 21. Jahrhundert wurde die Russische Welt von mehreren wachsenden Zivilisationen (der nordamerikanischen, westeuropäischen, chinesischen, islamischen und der japanischen) umzingelt, die Russland – egal ob latent oder ganz offen – immer mehr einschränken und ihm sein „Zivilisationsmaterial“ Stück für Stück wegnehmen wollen;
    3. Angesichts der Länge seiner Staatsgrenzen hat Russland es immer schwerer, dem Druck mancher seiner Nachbarn zu widerstehen, die an seinen Ressourcen interessiert sind und die radikale Islamisten und „Euro-Nazis“ gegen Russland vorschicken. Unter diesen Bedingungen kann unser Land objektiv keine hegemonischen Pläne hegen. Seine wichtigste Aufgabe besteht in der Selbsterhaltung;
    4. Um in der feindlichen Umgebung zu überleben, muss Russland nicht nur ein System zur Verteidigung seines Territoriums entwickeln, sondern auch ein System zur Aufrechterhaltung seiner soziokulturellen Identität – gerade in diesem Kontext sollte man auch sein Eurasien-Projekt und das Krim-Gambit, wie auch seine Versuche zum Schutz der Russen in Noworossjia (Donbass) betrachten;
    5. Russland führt definitiv keinen Krieg gegen die Ukraine: Die kleinlichen Sorgen der Kiewer Ethnokratie sind mit dem Kontext und Umfang des Russischen Projekts überhaupt nicht zu vergleichen. Außerdem haben die Russen nicht die Gewohnheit, auf Hunde zu achten, die bellen, aber nicht beißen: Russland widersteht traditionell den aggressiven Plänen der Anwärter auf die globale Hegemonie.

    Damit ist offensichtlich, dass die aktuellen Probleme der Konfrontation in Noworossija durch Tändeleien mit den neuen Machthabern in Kiew nicht gelöst werden können: Die letzteren sind einfach kein Subjekt von Zivilisationsprozessen, genauso wie Westeuropa, das sich in ein „amerikanisiertes Territorium“ verwandelt. Die immer größeren Probleme in der eurasischen Zivilisations-„Peripherie“ (Ukraine, Moldawien, Georgien, baltische Länder usw.) lassen sich nur dann lösen, wenn im postsowjetischen Raum ein klares und deutliches Russisches Projekt entsteht und wenn Russland bzw. Eurasien anschließend in der globalen Arena wirklich konkurrenzfähig werden.

    Unseres Erachtens sollte man den Sinn und die Besonderheiten des gegen Russland entfesselten Krieges möglichst aufmerksam betrachten. Und um diese Besonderheiten möglichst gut zu verstehen, kann man auch die Thesen Samuel Huntingtons oder auch an den Roman „Der Krieg der  Welten“ von H. G. Wells, oder an den gleichnamigen Streifen von Steven Spielberg betrachten. Denn der Surrealismus dieser Meisterwerke wird – im Unterschied zu den wissenschaftlichen Prognosen der Ereignisse des Jahres 2014 in Europa – zur offensichtlichen und inzwischen immer banaleren Realität. Jedenfalls muss man verstehen, dass der moderne Zivilisationskrieg zwei wichtigste Dimensionen hat. Die erste besteht in dem Gemeinsamen, was den jetzigen Krieg mit den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts vereint. Die zweite Dimension besteht in den Unterschieden zwischen dem jetzigen Krieg und den beiden Weltkriegen.

    Die gemeinsamen Merkmale der erwähnten Ereignisse bestehen hauptsächlich darin, dass nach den beiden Weltkriegen Deutschland der Verlierer war; auch im jetzigen Zivilisationskrieg scheinen ausgerechnet die Romanen und Germanen dumm dazustehen, die ihren größten Feind nicht im Westen, sondern im Osten sehen.

    Es gibt aber wesentlich mehr Unterschiede zwischen den beiden vergangenen Weltkriegen und dem jetzigen Zivilisationskrieg. Fangen wir einmal damit an, dass der mit der Verhängung der antirussischen Wirtschaftssanktionen angesagte Krieg beispielsweise mit den Ereignissen der letzten Jahre in Jugoslawien, im Irak, in Libyen oder Syrien nichts zu tun hat.

    Die gewaltsame Eroberung der Obersten Rada in Kiew, die Provokationen um die abgeschossene Boeing, die Wirtschaftssanktionen, der Absturz der Ölpreise, die Angriffe gegen den russischen Rubel, die Finanzierung der russischen Oppositionskräfte und viele andere, gelinde ausgedrückt, unfreundliche Aktionen des Westens gegenüber Russland – das sind alles keine vereinzelten Episoden und keine einzelnen Operationen nach diesen oder jenen Handlungen Russlands bzw. Wladimir Putins gegen etwas definitiv Positives und Heiliges. Das sind Glieder ein und derselben Kette – eines neuen gegen Russland entfesselten Krieges, der übrigens ernsthaft und auf lange Zeit entfesselt wurde.

    Dieser neue Krieg gegen Russland ist kein Krieg zwischen Staaten, sondern ein Krieg zwischen Zivilisationen. Dabei handelt es sich nicht um die Eroberung von diesen oder jenen Territorien aus juristischer Sicht, sondern um ihre Eroberung (und spätere Säuberung) de facto. Bei dem Zivilisationskrieg geht es nicht um die Sicherung der Dominanz des Aggressors auf lokalen (nationalen) Märkten, sondern um die Eroberung von transregionalen Märkten und dem globalen Markt.

    Das Ziel des neuen westlichen Kreuzzugs nach Osten hatte der russische Philosoph Alexander Sinowjew schon vor 15 Jahren erläutert, nach dessen Ansicht „die Herren der globalen Übergesellschaft Hitlers Ideen weiter voranbringen, aber auf der noch stärkeren Basis der modernen Wissenschaft in einer als Demokratie getarnten Form“. Wir könnten noch hinzufügen: „auf der noch stärkeren Basis der modernen Informations- und anderen Technologien“.

    Ein weiterer Unterschied des aktuellen Krieges zu den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts lässt sich auf den Charakter der Konfrontationen zwischen den Zivilisationen zurückführen: Da kann niemand einfach beiseite stehen bleiben. Der Aggressor handelt in seiner Absicht zur Vernichtung der gegnerischen Abwehr nach dem Prinzip: „Wer nicht mit uns ist, der ist gegen uns“. Dementsprechend werden nicht nationale Regierungen zu den wichtigsten Subjekten des Zivilisationskrieges, sondern ÜBERnationale Organisationen wie die Nato, die EU, die PACE, der Internationale Kriegsgerichtshof usw., die im Interesse der globalen Hegemonie des Westens handeln.

    Der aktuelle Zivilisationskrieg unterschiedet sich von den früheren Kriegen, die fälschlich „Weltkriege“ genannt wurden (in Wahrheit waren das binneneuropäische Kriege, auch wenn die USA und mehrere asiatische Länder daran teilnahmen), auch dadurch, dass dabei alle möglichen Mittel eingesetzt werden, um auf den Gegner einzuwirken. Es ist ja klar: Wenn Russland keine Atomwaffen hätte, dann würde der Krieg gegen unser Land aus einigen Atomschlägen bestehen. Aber Russland hat nun einmal Kernwaffen, und der Aggressor muss auf sein gesamtes Arsenal zurückgreifen – vom Schüren von Militärkonflikten in den an Russland angrenzenden Regionen bis zu Wirtschaftssanktionen…

    Aber der größte Unterschied des aktuellen Zivilisationskrieges zu den früheren Kriegen besteht darin, dass die so genannten Weltkriege aus den Interessenkonflikten dieser oder jener Staaten resultierten. Der Krieg der Zivilisationen betrifft jedoch tiefe, globale Prozesse, die auf den ersten Blick kaum zu sehen sind. De facto ist das ein Krieg verschiedener Kulturen, verschiedener Lebensarten und grundsätzlich unterschiedlicher Werte.

    Es gibt den Standpunkt, dass der Große Vaterländische Krieg der Sowjetunion aus der Konfrontation zwischen dem Kommunismus und Faschismus – sprich zwischen zwei entgegengesetzten Wertesystemen – resultierte. Das stimmt teilweise: Denn die Ideale des sowjetischen Systems waren ganz anders als die Werte der kapitalistischen Welt. Aber während des Zweiten Weltkriegs kämpften auch die kapitalistischen USA und Großbritannien auf der Seite der „kommunistischen“ Sowjetunion gegen das faschistische Deutschland. Und das bedeutet, dass die pragmatischen Interessen der am Krieg beteiligten Seiten wichtiger als ihre ideologischen Unterschiede waren.

    Im Zivilisationskrieg ist der Konfrontationskontext viel umfassender. Für die aggressive Zivilisation ist es wichtig, den Gegner sich nicht nur politisch unterzuordnen, sondern ihn auch aus wirtschaftlicher und kultureller Sicht zu vernichten. In diesem Sinne wurde der Zweite Weltkrieg für die Sowjetunion zum Vaterlandskrieg und für die USA und Großbritannien – in Bezug auf Deutschland, Italien und Japan – zu einem nicht ganz üblichen Krieg um den globalen Einfluss und die Bodenschätze. Für die Euronazisten, die den Krieg gegen die Sowjetunion entfesselt hatten, wurde das ein Zivilisationskrieg.  Im Grunde waren alle mehr oder weniger großen Kriege des Westens gegen Russland Zivilisationskriege – ob der Krieg der Polen im frühen 17. Jahrhundert, der Krieg Napoleons 200 Jahre später, der Krieg der Angelsachsen und des Vatikans oder eben der Krieg des faschistischen Deutschlands.

    Nicht zu übersehen ist übrigens, dass der Raum, der der Russischen Welt gehörte bzw. gehört, wegen der westlichen Kriege gegen Russland in den letzten 100 Jahren immer kleiner  wurde, während die Russische Welt selbst immer schwächer wurde. Dieser Trend hält immer noch an. Um die These zu bestätigen, dass das moderne Russland leider seine Zivilisation allmählich verliert, können wir dem Beispiel der russischen Zivilisationsforscher Boris Kusyk und Juri Jakowez folgen und einige Zahlen anführen.

     

    Zivilisationsgründe (1913 – Russisches Reich, 1970 – UdSSR, 2011 und 2020 – Russland)

    1913

    1970

    2011

    2020

    2050 (Prognose)

    Anteil an der Weltbevölkerung, %

    8,7 bis 9.3

    4,4

    2,2

    1,8

    0,8

    Anteil am globalen BIP, %

    8,5 bis 10

    11 bis 14

    2,1

    1,8

    0,9

    Anteil an der globalen Industrieproduktion, %, insbesondere:

    —  an der High-Tech-Produktion

    —  am zivilen Flugzeugbau, %

    5,3

     

    — 

    — 

    17 bis 19

     

    7 bis 8

    30 bis 32

    4,2

     

    0,2 bis 0,3

    0,7 bis 0,8

    3,8

     

    0,1

    0,5

    1,9

     

    0,01

    0,1

    Anteil an der globalen Landwirtschaftsproduktion, %

    11,1

    3,4 bis 6,9

    2,0

    1,7

    1,1

    Territorium, Mio. km2

    26

    22

    17

    ??

    ??

     

    Tabelle der wichtigsten formellen und quantitativen Kennziffer

    Aus dieser Tabelle wird klar, dass das jetzige Russland nach den wichtigsten formellen und quantitativen Kennziffern (Territorium, Bevölkerungszahl, Anteil am globalen BIP) weder mit dem Russischen Reich noch mit der Sowjetunion mithalten könnte. Noch schlimmer ist aber die Situation um die qualitativen Kennziffern: Wir müssen feststellen, dass die russische nationale Kultur allmählich erodiert und von Elementen fremder Zivilisationen immer stärker unterdrückt wird, die in die russische Staatlichkeit „eingebaut“ wurden. Vor allem sind das die Elemente der westlichen (euro-amerikanischen) und der islamischen (sinnitischen) Zivilisation. Auch die chinesische (konfuzianische) und die buddhische (tibetische) Zivilisation fasst in Russland Fuß.

    Und noch etwas: Bis zuletzt gab es in allen Kriegen – egal auf welchem Kontinent – Sieger und Verlierer. Die Verlierer verloren ihre Souveränität, zahlten eine Kontribution an die Sieger und verloren ihre Bedeutung in der internationalen Arena. Dennoch wurde dabei kein einziges von den besiegten Völkern als  identische anthropologische Einheit vernichtet.

    Der gegen Russland entfesselte Zivilisationskrieg hat sein größtes Ziel, das russische Volk als solches von der Erdfläche auszuradieren – nicht mehr und nicht weniger.

    Zu diesem Zweck muss man natürlich nicht 100 Millionen Menschen erschießen. Bei dem Zivilisationskrieg handelt es sich um eine soziokulturelle Konfrontation und eine „Umkodierung“ des Archetyps der bezwungenen Zivilisation sowie um die Vernichtung der wichtigsten Merkmale ihrer Kultur.

    Gegebenenfalls geht es um den orthodoxen Glauben, die russische Geschichte, die kyrillische Schrift, die nationalen Kunststile und schließlich um die „große und mächtige russische Sprache“.

    Damit kommt ein Sieg der Russischen Welt in dem gegen sie entfesselten Krieg nicht infrage, solange sich Russland nicht als Zivilisationsland verhält, solange seine Eliten nicht der Zivilisationsideologie folgen, die sich auf die immanenten Werte der russischen Zivilisation stützen.

    So sprach der russische Zarathustra – Alexander Sinowjew.

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    Tags:
    EU, NATO, PACE, Rada, Samuel Huntington, Alexander Sinowjew, USA, Russland, Ukraine, Moldawien, Donbass, UdSSR, Georgien
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