17:20 27 Oktober 2020
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    2018 finden in Südkorea die Olympischen Winterspiele statt. Übrigens: Südkorea war schon einmal Gastgeber der Spiele. In der Hauptstadt Seoul wurden 1988 die Sommerspiele ausgerichtet. Dabei ging es den Behörden in Südkorea um Prestige.

    Um sich nicht zu blamieren, waren sie zu vielem bereit – sogar zur Säuberung der Straßen der Hauptstadt von Obdachlosen, und das mit härtesten Mitteln, berichtet Associated Press.

    Die eingesammelten Mittellosen wurden in Arbeitslager gebracht, die in Sachen Härte fast auf eine Stufe mit Konzentrationslagern gestellt werden können. Bis vor kurzem war dieses Thema eine Art Tabu, jedoch gelang es Associated Press, mit dem ehemaligen Staatsanwalt der Stadt Ulsan, Kim Yong Won, dem Initiator des Strafverfahrens gegen den Besitzer des größten dieser Lager, sowie mit ehemaligen Häftlingen und verschiedenen Amtspersonen zu sprechen. Auf Basis dieser Berichte und exklusiver Dokumente veröffentlichte die Agentur einen Artikel, der das Ausmaß dieser Operation vermittelt.

    Im Jahr 1975 gab der südkoreanische Präsident Bak Jeonghui (der Vater der gegenwärtigen Präsidentin Bak Geunhye) die Anweisung, die Straßen von Seoul von Obdachlosen zu säubern. Es entstanden 36 Lager, in denen sich 1986 mehr als 16.000 Koreaner befanden.

    Trinker, Straßenverkäufer, Behinderte, verlorene oder verwahrloste Kinder wurden von Polizisten ohne jegliche Erklärung in Sondereinrichtungen gebracht. Die größte und härteste davon war das Brothers Home in der Stadt Busan, wo 4.000 Häftlinge eingesperrt waren. Mittels der Sklavenarbeit der Insassen von Brothers Home wurden verschiedene Waren hergestellt, die nach Europa, Japan und andere Länder exportiert wurden. Etwa 90 Prozent der dort Inhaftierten entsprachen nicht der offiziellen Definition eines Obdachlosen und gerieten rein zufällig dorthin. Der Umfang der staatlichen Subventionen von Brothers Home hing von der Anzahl der Häftlinge ab (je mehr Leute, desto mehr Geld); Polizisten durften mit Beförderung rechnen, wenn sie es schafften, mehrere Obdachlose einzufangen.

    Brothers Home
    © AP Photo / Ahn Young-joon
    Brothers Home

    Der Tag für die Häftlinge von Brothers Home begann früh. Um 5:30 Uhr mussten sie verbindlichen Gottesdiensten der Presbyterianischen Kirche beiwohnen, wonach es zum Frühstück und weiter zur Arbeit – in Fabriken oder auf Baustellen – ging. Laut offizieller Papiere wurden den Häftlingen Löhne ausgezahlt. Jedoch erklärten 20 ehemalige Häftlinge, mit denen die Journalisten von AP sprachen, kein Geld gesehen zu haben (drei von ihnen bekamen zwar Geld, doch zu wenig und mit Verspätung). Das Brothers Home entwickelte sich von einer Heimstätte zu einer großen Produktionsmaschine, zu der über 20 Betriebe gehörten, die Kleidung und Schuhe herstellten und in denen Holz- und Metallarbeiten ausgeführt wurden. War die Ware von mangelhafter Qualität und wurde sie vom Kunden reklamiert, konnten mitschuldige Arbeiter verprügelt werden. Bis 1986 erbrachten elf Fabriken von Brothers Home Profit.

    Der Besitzer des Brothers Home, Park Yean Ken, erhielt zwei Medaillen für Erfolge im Bereich Sozialleistungen und wurde sogar Prototyp des Helden eines TV-Films, der 1985 in Südkorea erschien.

    Das Brothers Home wurde streng bewacht. Bevor Besucher kamen, wurde im Haus von den kräftigsten Häftlingen aufgeräumt; andere Mittellose wurden einfach weggesperrt. Und tatsächlich gab es da etwas zu verheimlichen: Die Häftlinge wurden unter unmenschlichen Bedingungen gehalten, täglich verprügelt; manche starben später an den Folgen. Die Kinder wurden ständig vergewaltigt. Die Leute waren krank, aber zum Krankenhaus brachte man sie erst kurz vor dem Tod, damit sie nicht fliehen konnten. Die Kranken innerhalb des Lagers wurden von anderen Häftlingen gepflegt, die keine medizinische Ausbildung besaßen.

    Die Todesfälle bei Häftlingen des Brothers Home wurden von einem Arzt registriert, der als Todesursache häufig Herzinsuffizienz oder allgemeine Schwäche angab. Nicht selten starben vier bis fünf Menschen am Tag. Laut offiziellen Angaben kamen im Brothers Home von 1975 bis 1986 513 Menschen ums Leben, die reale Zahl ist jedoch höher. Die Leichen wurden begraben, wo und wie es gerade passte. Im Jahr1988 fanden Bauarbeiter an der früheren Stelle des mittlerweile geschlossenen Lagers hundert menschliche Leichen. Ehemalige Häftlinge erinnern sich daran, wie Mitarbeiter des Lagers Leichen zum nahegelegenen Wald schleppten.

    Einstige Häftlinge gerieten nach ihrer Entlassung in der Regel entweder auf die Straße oder in Heimstätten und Irrenhäuser. Sie wurden Säufer, litten unter Depressionen und Armut, Zorn und Scham. Keiner von ihnen erhielt Schadensersatz, geschweige denn das Geständnis der Behörden, die Leute hätten unter Verbrechen gelitten, oder öffentliche Entschuldigungen.

    Kinder in Brothers Home, Busan
    © AP Photo / Committee Against Institutionalizing Disabled Persons
    Kinder in Brothers Home, Busan

    Irgendwann erfuhr Staatsanwalt Kim von Brothers Home und dessen Mitarbeitern mit Knüppeln und Hunden, die die Häftlinge bewachten. Als Kim zum Lager kam, sagten ihm die von ihm hier entdeckten Wächter, hier werde eine Ranch für Park gebaut. Kim fasste Argwohn. Als er 1987 mit einer plötzlichen Polizeidurchsuchung das Lager betrat, verstand er, dass es sich um ein echtes Konzentrationslager handelt. Kim initiierte Ermittlungen und forderte im Gericht 15 Jahre Gefängnis für Park. Dieser wurde 1989 jedoch nur zu 2,5 Jahren wegen Unterschlagungen und sonstiger Verletzungen verurteilt; die Gräueltaten, die in seinem Werk begangen worden waren, wurden gar nicht erwähnt. Park selbst bekannte sich nicht schuldig und sagte nur, er habe „höhere Befehle“ ausgeführt. Bei der Durchsuchung fand man in seinem Arbeitszimmer fünf Millionen US-Dollar sowie Depositenzertifikate und japanische Währung.

    Bei der Ermittlung stieß Kim stets auf Widerstand seitens höherer Amtspersonen, die einen Skandal vor den Olympischen Winterspielen befürchteten. Manche von ihnen sind auch heute noch in der Politik und für die Regierungspartei aktiv.

    Trotz des Wunsches von Kim und ehemaliger Häftlinge weigert sich die jetzige Regierung von Südkorea, den Fall Brothers Home neu aufzurollen. Sie weist lediglich darauf hin, dass die Opfer ihre Gesuche beim provisorischen Ausschuss für Faktenfeststellung, der in den 2000er Jahren funktionierte, einreichen sollten. Kein Mitarbeiter des Lagers wurde für die von ihnen verübten Gewalttaten bestraft, außer zwei Wächtern, die zu 18 und acht Monate Gefängnis verurteilt wurden.

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    Tags:
    Brothers Home, Park Yean Ken, Busan, Südkorea