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22:26 12 November 2019
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    EM-2016. Deutschland-Frankreich

    „Nicht der Schiri oder Schweini - ich bin schuld!“

    © Sputnik / Grigori Sysoew
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    Wer ist schuld am EM-Aus der Nationalmannschaft? Der Schiri, der Schweini, der Jogi oder die ganze Nationalmannschaft? Auf der Suche nach dem Sündenbock kommt Müller schnell zu dem Schluss: Er war es selbst.

    Es ist wie die Ruhe nach dem Sturm. Der frühe Freitagabend kündigt ein ganz normales Wochenende an. Müller sitzt auf seinem Balkon. Er horcht. Nichts, es ist still wie lange nicht mehr. Als wäre eine unsichtbare Energie, die alles unter Spannung gesetzt hatte, mit einem Mal verschwunden.

    Die Amsel lässt sich nicht blicken. Irgendwo zwitschern zwar Vögel, aber weit weg und irgendwie sanfter und gedämpfter als sonst. Der Himmel ist bedeckt, aber nach Regen sieht es nicht aus. Ein sehr leichter Wind kräuselt den zusammengeklappten Sonnenschirm. Gestern noch hat die Luft geknistert, Kinder haben in der Nachbarschaft Böller gezündet. Es hat gewumst und gekracht. Überall in der Nachbarschaft hatte er aufgeregte Stimmen gehört. Auch auf dem Weg von der Arbeit nach Hause hatte Müller die Hektik gespürt. Die eigene und die der anderen. Männer hatten sich schneller als sonst auf ihren Rädern durch Baustellen gezwängt. Autofahrer hatten ungeduldiger als an anderen Tagen gedrängelt und gehupt. Im Supermarkt hatten die Fleischverkäufer schwarz-rot-goldene Kappen getragen. Und sogar der Mann in der Bäckerei, der ihm das Franzbrötchen verkauft hatte, trug ein Deutschland-Trikot. „Hummels“ stand drauf.

    ´Hummels´, denkt Müller, ´der hat gestern gefehlt´. Franzbrötchen. Er seufzt. Der gestrige Abend… Mit Unbehagen denkt er zurück. Das Spiel war gut, spannend, aber am Ende mies. Die deutsche Mannschaft war besser, aber Frankreich cleverer. Fertig. Klar, der Elfmeter. Der Schiedsrichter. Kann man drüber diskutieren. Schweinsteiger. Ja, der war schlecht gestern. Er hat, warum auch immer, auf Kroos´ Position gespielt. Müller, also Thomas Müller, hat schon wieder kein Tor geschossen. Alles Dinge, die ihm den Abend mit vermiest haben. Aber den Löwenanteil daran, dass der Abend so verlaufen ist wie er verlaufen ist, den trägt Müller selbst.

    Wieder ein Seufzer. Warum hatte er auf seine Frau gehört? Die kennt ihn doch. ´Du, der Stefan ist echt ein ganz netter Typ´ hatte sie gesagt. „Der Stefan“ ist ein Nachbar vom Haus gegenüber. Müller und er grüßen sich, wenn sie sich auf der Straße sehen. Oder zumindest haben sie sich gegrüßt… „Der Stefan“ ist nicht nur Nachbar, sondern auch Elternratsvorsitzender in der Kita, in die Müller — aber vor allem seine Frau — ihren Sohn schicken wollen. Das Essen dort ist Bio und die Kinder sind den ganzen Tag an der frischen Luft. „Da ist „der Stefan“ wichtig, der kann ein Wort für uns einlegen“, hatte seine Frau gesagt: „EIN Spiel kannst du doch mit dem zusammenschauen. EIN Spiel, Mann.“ „Muss es denn ausgerechnet das Halbfinale sein?“ hatte Müller gefragt. „Ich bin echt angespannt. Und ich kenn „den Stefan“ doch gar nicht.“ „Mensch Müller, für Deinen Sohn kannst Du das doch wohl einmal machen.“ Schließlich hatte Müller nachgegeben, obwohl er es hätte besser wissen müssen…

    „Der Stefan“: Nachbar, Elternratsvorsitzender und wichtig ist er. Und Sozialpädagoge. Das erfuhr Müller aber erst während des Spiels. Und zwar ganz genau in der 16. Minute, in dem Moment, in dem Emre Can die größte Chance der Deutschen hatte. Doch von vorn: „Der Stefan“ kam also vorbei zum Fußball gucken. „Mensch, Du, toll, dass das geklappt hat. Du, ich wollte erst noch meine Tochter, die Fillis mitbringen, die guckt total gerne Fußball“, hatte er gesagt, als er durch die Tür stapfte. „Leider hatte sie keine Lust, schade, echt. Hier, hab was zu knabbern mitgebracht.“ Er reichte Müller eine Tüte Studentenfutter. „Klassiker, mag ich seit meiner Kindheit voll gerne.“

    Müller hat seit seiner Kindheit eine Nussallergie. Gut, das konnte „der Stefan“ nicht wissen. Aber dass man beim Fußball die Klappe hält, das hatte er wissen können. Tat er aber nicht. Im Laufe der ersten Halbzeit stellte er im Zwei-Minuten-Takt Fragen wie: Was zahlt ihr an Miete? Ist das nicht hellhörig? Wieviel Quadratmeter habt ihr? Oder: Die Lampe haben Freunde von uns in Hannover auch, witzig. Ikea, oder? Wie sind die Nachbarn so? Alles Fragen, die Müller generell beantworten würde – aber NICHT WÄHREND eines EM-Halbfinals! Die erste Halbzeit ging noch gerade gut. Beim Elfmeter für Frankreich, verursacht durch das Handspiel von Schweinsteiger, hatte „der Stefan“ Dinge gefragt wie: War das einer? War Hand, oder? Hält Neuer den? Ist der Franzose gut? Oh Mann, das ist doof jetzt. Packen die das noch? Ist psychologisch ja schon doof, so zur Halbzeit, oder?

    Müller hatte geschwiegen, aber seine Bierflasche fast zerquetscht. In der Pause hatte er sich auf das Klo verkrümelt. Danach ging es wieder. Anfangs… Müller hatte sich Anpfiff der zweiten Halbzeit sein viertes Bier geholt, während sich „der Stefan“ immer noch am ersten festhielt. „Mensch, Du hast es heute aber vor, wie?“ sagte er mit Blick auf das Bier. ´Ja, und, was geht Dich das an, Du…´, hatte Müller gedacht, aber nichts gesagt. Im Laufe der zweiten Halbzeit wurde Müllers Nervosität immer größer. Die Deutschen hatten das Spiel zwar im Griff, aber kamen nicht vor das französische Tor. Und die Uhr tickte weiter. Müller füllte die Schüssel mit Chips auf, ging noch einmal aufs Klo, setzte sich wieder und rutschte auf dem Sofa hin und her. Anstatt sich auf das Spiel zu konzentrieren, fing sein Mitgucker an ihn zu beobachten: „Du flippst hier ganz schön rum. Bist Du aufgeregt? Mensch, mach Dich mal locker, ist doch nur ein Spiel.“ Und er fragte Dinge wie: „Was machst du morgen? Wart Ihr mit Eurem Sohn schon mal im Zirkus?“ Dann fiel das 2:0. Und „der Stefan“ sagte: „Oh Mensch, das war ´s jetzt, oder? Ne, ne, das schaffen die nicht mehr.“ Müller stand auf und ging Richtung Küche. Dann kam die Frage: „Trinkst Du jetzt etwa noch ein Bier?“

    Das ist der letzte Satz vom Stefan, an den sich Müller erinnern kann, jetzt wo er allein auf dem Balkon sitzt. Er betrachtet seine Hände. Hinter sich hört er ein Geräusch. Er dreht sich um. Seine Frau steht in der Balkontür. Sie sieht mit ernstem Blick an. „Wir kriegen den Kitaplatz nicht“, sagt sie leise. „Ist gestern Abend etwas gewesen mit dem Stefan?“ Müller schüttelt den Kopf: „Weißt Du, eigentlich ist unsere Kita doch ganz in Ordnung. Ich hab das Gefühl, in der neuen gibt es sehr viele Idioten.“ Seine Frau zuckt mit den Schultern und verschwindet in der Tür. Müller lehnt sich in seinem Sitz zurück. Dann murmelt er: ´Nie wieder, nie wieder schaust Du Fußball mit Leuten, die Du nicht kennst! Schwöre´! Er hebt die Hand und sagt leise: "Ich schwöre!" Er blickt sich um. ´Jetzt könnte ich ein Bier gebrauchen´, denkt er. Er blickt zum Nachbarbalkon. `Wo steckt eigentlich Anders?‘

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