14:00 25 Juni 2019
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    Russische Sportlerinnen bei einem Wettkampf in der Leichtathletik

    Deutscher Sportjurist: IOC handelt aus politischem Kalkül

    © Sputnik / Anton Denisov
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    Die russischen Olympioniken dürfen nun doch zu den Spielen nach Rio de Janeiro fahren. Die endgültige Entscheidung über ihre Teilnahme wird nun von den einzelnen Sportverbänden getroffen. Sputnik hat den Rechtsanwalt und Honorarprofessor für Sportrecht Prof. Dr. Rainer Cherkeh nach der rechtlichen Seite gefragt.

    Herr Cherkeh, die einzelnen internationalen Sommersportverbände sollen nun selbst entscheiden, ob sie russische Sportler zulassen. Die Olympischen Spiele beginnen bald. Wie ist denn jetzt das Prozedere bei den Verbänden, das so auf die Schnelle zu entscheiden? 

    Das ist rechtsstaatlich abgesichert überhaupt nicht mehr hinzubekommen. Da hat das IOC das Thema wirklich an die Weltverbände abgedrückt und sagt, jetzt müsst ihr entscheiden und das wenige Tage vor den Olympischen Spielen. All das, aber auch diese Rechtsfrage, die es ja eigentlich nur zu klären gab, wer nämlich überhaupt zuständig ist, das hätte man im Vorfeld schon klipp und klar signalisieren und auch kommunizieren können und müssen. Jetzt, unmittelbar vor den Spielen, den Weltfachverbänden dies aufzudrücken, halte ich für gewagt und für die Weltfachverbände faktisch und rechtlich nicht mehr umsetzbar.

    Also wird es wahrscheinlich darauf hinaus laufen, dass nur die Leichtathleten aus Russland gesperrt bleiben und alle anderen starten dürfen?

    Das kann natürlich passieren. Derzeit ist es so, dass die russischen Athleten startberechtigt sind, mit Ausnahme der Leichtathleten. Wir haben ja jetzt seit letzter Woche eine Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofs (CAS), bei der das IOC jedenfalls als Prozesspartei nicht beteiligt war. Der CAS hatte daher nicht zu entscheiden, ob das IOC verpflichtet ist, vom Russischen Olympischen Komitee (ROK) nominierte Leichtathleten in Rio starten zu lassen, gegebenenfalls unter neutraler Flagge. Der CAS hatte vielmehr ausschließlich zu bewerten, ob die IAAF-Entscheidung, den Russischen Leichtathletikverband zu suspendieren und somit als Konsequenz russische Leichtathleten an den Spielen in Rio nicht teilnehmen zu lassen, von den IAAF-Statuten gedeckt ist.  Im Grunde genommen wurde durch die Presseinformation des CAS vom 21.07.2016 sogar der Weg geebnet, den die russischen Leichtathleten jetzt theoretisch noch gehen könnten, nämlich jeweils eine Startberechtigung beim IOC einzufordern.

    Der deutsche Leichtathletik-Präsident Clemens Prokop hält die IOC-Entscheidung, ehemalige russische Doping-Sünder generell nicht bei den Rio-Spielen starten zu lassen, für rechtswidrig. Wie sehen Sie das?

    Das ist richtig. Diese IOC-Entscheidung ist nicht haltbar und vielleicht auch ein bisschen Säbelrasseln des IOC, um nach außen einen „harten Hund“ und „Null-Toleranz“ vorzugeben. Denn das, was das IOC da macht, verstößt gegen die Rechtsprechung des CAS und auch gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz. Die sogenannte Osaka-Regel ist schon vor fünf Jahren vom CAS aufgehoben wurden. Diese besagte, dass Sportler, die mehr als sechs Monate gesperrt werden, bei den der Sperre folgenden Olympischen Spielen nicht mehr antreten dürfen. Dass das IOC nun dennoch so etwas kommuniziert, mag aus politischem Kalkül erfolgt sein, aber rechtlich ist es nicht umsetzbar.

    Die Whistleblowerin Julia Stepanowa darf allerdings nicht in Rio starten. Also zahlt sich Whistleblowen offensichtlich nicht aus.

    Das ist das besonders Tragische an den Entscheidungen, die am Sonntag seitens des IOC kommuniziert wurden. Warum ein Whistleblower, der Derartiges aufgedeckt und auch seitens des Leichtathletik-Weltverbandes eine Starterlaubnis erhalten hat, dann am wichtigsten Sportereignis seiner Karriere, auch nicht unter neutraler Flagge, teilnehmen darf, ist für alle, insbesondere für eine effektive Anti-Doping-Bekämpfung, ein Schlag ins Gesicht. Welcher Athlet soll sich jetzt noch mit den Gefahren, die mit dem Whistleblowen verbunden sind, vertrauensvoll an eine Anti-Doping-Organisation wenden und sein internes Wissen preisgeben? Nur so geht es aber und nur so kommt man an die Hintermänner. Die Signalwirkung dieser IOC-Entscheidung  ist daher, noch vorsichtig gesagt, fatal.

    Allerdings müssen die russischen Sportler, die in Rio starten wollen,  gegenüber ihren jeweiligen Weltverbänden nun selbst den Nachweis erbringen, nicht in das angebliche russische Staatsdopingsystem involviert gewesen zu sein. Das stelle ich mir auch schwierig vor in der Kürze der Zeit. Sollte hier nicht auch die Unschuldsvermutung gelten?  

    Eindeutig. Solange es insbesondere keine positive A- und B- Probe oder sonstige belastbaren Beweise für Dopingverstöße gibt, kann keinem Athleten die Teilnahme an den Spielen seitens der Weltfachverbände verwehrt werden. Die einzelnen Weltfachverbände müssten nun schon sehr mutige und schnelle Entscheidungen treffen, um aufgrund von Verdachtsmomenten einzelne russische Athleten wenige Tage vor den Spielen aus dem Verkehr zu ziehen. Wie soll dies nun noch rechtlich einigermaßen abgesichert gelingen? Wie gesagt: Das IOC hätte deutlich früher Position beziehen können. Stattdessen schiebt es nun die Verantwortung und auch alle Risiken, die mit solchen Entscheidungen verbunden wären, zur Unzeit auf die Sportfachverbände. Deren Unverständnis und Empörung hierüber ist verständlich.

    Im McLaren-Report heißt es, die Urinprobenbehälter wurden angeblich geöffnet und wieder verschlossen. Das ist jedoch laut Aussage des Schweizer Herstellers unmöglich.

    Ich bin Rechtswissenschaftler, kein Naturwissenschaftler. Doch aus juristischer Sicht beunruhigt es mich, dass so eine Manipulationsmöglichkeit offenbar bestanden hat. Wie das passiert sein kann, das entzieht sich jedoch meiner Vorstellungskraft.

    Interview: Armin Siebert

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    Tags:
    Olympische Spiele, Leichtathletik, Internationales Olympisches Komitee (IOC), Rio de Janeiro, Brasilien, Russland