06:43 25 März 2017
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    „Das hilft nicht weiter“ - Deutscher Jurist: „Ausschluss der Paralympics falsch“

    © AFP 2017/ Vasily Maximov
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    Paralympics in Rio (44)
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    Als „falsch“ hat Thomas Brand, Rechtsanwalt der Moskauer Kanzlei Brand und Partner, die Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofs CAS bewertet, der die russischen Paralympics von den Spielen in Rio ausgeschlossen hat.

    Zugleich räumte er ein, dass der Gerichtshof formal juristisch wohl richtig entschieden hatte.

    Sein Rechtsempfinden sage ihm aber, dass es nicht sein könne, Sportler, denen kein Doping nachgewiesen wurde, ausgeschlossen werden, unterstrich er im Interview mit Sputnik-Korrespondent Nikolaj Jolkin. „Im internationalen Sportrecht haben wir ein fundamentales Problem, dass die existierenden Regeln die Grundrechte der einzelnen Sportler vernachlässigen. Denn die Sportler, die jetzt nicht an den Paralympics teilnehmen dürfen, sind vermutlich unschuldig.“ Dies sei „ein großes Drama“, betonte er.

    #ZumTrotz: So unterstützt Russland seine gesperrten Paralympioniken – VIDEO

    Russland könne das CAS-Urteil vor dem Schweizer Bundesgericht anfechten. Ob man aber mehr Erfolg haben werde, als im Fall Pechstein, zweifelt der deutsche Jurist. Sie hatte auch Einspruch gegen eine finale CAS-Entscheidung erhoben. Das Bundesverfassungsgericht hat damals leider entschieden, dass die Gerichtsbarkeit des Sportgerichtshofes bindend ist.

    Man müsse die Regeln überdenken und überarbeiten, ist sich Brand sicher, damit Doping effektiv bekämpft werde, und Sportler, dem Doping nachgewiesen werde, ausgeschlossen werden. Eine kollektive Verantwortung sei jedoch nicht richtig. Die CAS-Entscheidung sei aus seiner Sicht auch nicht verhältnismäßig, „weil die Sportler pauschal gesperrt werden, denen Schuld nicht nachgewiesen wurde“.

    „Es muss die Unschuldsvermutung gelten, dass Sportler, die sauber sind, teilnehmen können“, unterstrich er. „Der Grundrechtsschutz im internationalen Sportrecht müsste hier einen höheren Stellenwert bekommen, sodass solche Fälle wie jetzt nicht mehr vorkommen.“

    Auch der effektive Rechtsschutz müsse gelten, fügte der Rechtsanwalt hinzu. Man könne auch an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte appellieren, aber jede Entscheidung werde jetzt zu spät kommen, ist Brand überzeugt. „Jedes rechtliche System sollte darauf angelegt sein, dass es einen effektiven Rechtsschutz gibt. Das System, das die Grundrechte der Sportler missachtet und nicht garantiert, dass es einen effektiven Rechtsschutz gibt, ist fehl am Platz. Das hat mit Rechtsstaatlichkeit nichts zu tun. Dass die Unschuldigen bestraft werden, kann nicht im jemanden Interesse sein.“

    Ob die GAS-Entscheidung politisch motiviert ist, konnte Brand nicht sagen. „Dafür müsste man in die Köpfe der Richter schauen können. Es gibt Staaten, in denen die Todesstrafe rechtmäßig ist.“ Dies sei mit seinem Rechtsempfinden auch nicht vereinbar. Der Ausschluss russischer Athleten, ob politisch motiviert oder nicht, sei dennoch eine falsche Entscheidung. „Sie hilft nicht weiter“, resümiert der deutsche Jurist.

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    Paralympics 2016, Nikolaj Jolkin, Russland
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    Alle Kommentare

    • Aristoteles
      ich denke bei dem krassen Fehlurteil bei Pechstein, sie war ja juristisch auf dem richtigen Weg,
      hat das Bundesverfassungsgericht einen Wink aus USA erhalten, anders kann ich mir diese "Entscheidung" nicht erklären, die man nur als beschämendes Kneifen bezeichnen kann.
      Typisch deutscher Formalismus, an der Sache vorbei.
      Jedenfalls kann man bei diesen "Sportgerichten" nicht von Recht und Gesetz sprechen
      und deshalb sollte man das auch eher Schiedskommision oder so ähnlich nennen, aber nicht "Gericht", das ist völlig lächerlich.
      Wenn so eine Kommission einen schweren Fehler macht, der den Betroffenen finanziell und moralisch schweren Schaden zufügt, muss es schon eine Möglichkeit geben, sich dagegen zu wehren.
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