05:43 21 November 2019
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    Wada-Leaks-Skandal - Experte: „Sind etwa die Olympiasieger alle krank?“

    © AFP 2019 / Thomas Coex
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    Doping-Skandal (158)
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    Doppelte Standards bei der Wada? Starke Opiate bei amerikanischen Athleten ja, Meldonium bei russischen Sportlern - nein? Die Wada sollte dringend ihre Regularien überdenken, findet Andre Hahn, Mitglied des Sportausschusses im Bundestag. Sputnik-Korrespondentin Ilona Pfeffer im Gespräch mit dem Linken-Abgeordneten.

    Herr Hahn, durch einen Leak der Hackergruppe „Fancy Bears“ sind interne Dokumente der WADA an die Öffentlichkeit gelangt, die belegen sollen, dass US-amerikanische Athleten, darunter die Tennisspielerinnen Venus und Serena Williams, offenbar mit Wissen der Wada jahrelang verbotene Substanzen genommen haben. Nun soll es sich ja z.B. um Schmerzmittel handeln, die anderen Athleten, darunter den russischen, untersagt wurden. Was sagen Sie dazu?

    Wenn die veröffentlichten Informationen zutreffen sollten, muss über diese Dinge gesprochen werden, selbst wenn die genannten Sportler nach den geltenden Wada-Regularien wohl kein Dopingvergehen begangen haben. Aber dass ausgerechnet mehrere Olympiasieger und Tour de France-Gewinner alle krank sind und Mittel nehmen müssen, die auf der Dopingliste stehen, ist doch zumindest merkwürdig.

    Bei den Medikamenten soll es sich um starke Opiate handeln, die z.B. Krebspatienten verschrieben werden. Wie kann es sein, dass Leistungssportler solche Rezepte bekommen? Wie müssen sie das im Zweifel begründen?

    Wie gesagt, das ist zumindest merkwürdig und es besteht Erklärungsbedarf. Die Praxis der Erteilung von Sondergenehmigungen für diese Medikamente, die erwiesenermaßen auch leistungsfördernd sind, ist ja seit Langem umstritten und aus meiner Sicht so auch nicht länger tragbar. Hier verschaffen sich einzelne Sportlerinnen und Sportler ganz klare Vorteile, vor allem, wenn es sich um dauerhafte Genehmigungen handelt – das ist auch eine Wettbewerbsverzerrung. Das muss überprüft werden, ich glaube nicht, dass man mit dieser Praxis fortfahren kann. 

    Die Wada muss ja jede Verschreibung genehmigen, also gibt es keine Möglichkeit, wie das hinter ihrem Rücken passiert sein kann. Kann man also hier von einer bewussten Bevorteilung bestimmter Athleten sprechen?

    Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass man eine Einzelfallprüfung macht. Ich war ganz klar gegen den Ausschluss der russischen Sportler bei Olympia und habe mich auch gegen die Entscheidung bei den Paralympics gewehrt, weil ich es für ungerecht halte, wenn da alle in einen Topf geworfen werden und man eine Art Sippenhaft einführt. Insofern müssen Kriterien und kritische Anmerkungen nicht nur bei Russland gelten, sondern bei allen anderen auch. Es wäre schlimm, wenn die Wada und auch nationale Antidopingagenturen immer weiter in Misskredit gerieten. Wir als Linke haben in unserem Antrag zum Antidopinggesetz gefordert, dass es mindestens zwei unabhängige Gutachter geben muss, die die medizinische Notwendigkeit von verordneten Medikamenten, die auf der Dopingliste stehen, bestätigen müssen. Unser Antrag ist von der CDU-SPD-Koalition im Parlament leider abgelehnt worden.

    Kann die Wada noch als Institution ernstgenommen werden oder braucht der internationale Sport ein neues Kontrollorgan?

    Die Wada versucht seit Jahren, im Kampf gegen Doping voranzukommen. Das ist unterschiedlich gut gelungen, auch im Vergleich der Kontinente. Wo in Deutschland sehr viele Proben genommen werden und es ein engmaschiges Netz gibt, gibt es in anderen Staaten nur ganz wenige Proben. Das ist eine Ungleichbehandlung, die auch die deutschen Sportler immer wieder kritisiert haben. Insofern muss die Wada ihre Regularien prüfen und verändern, eine neue Organisation löst noch keine Probleme.

    Sollte man Sportlern, wie den Williams-Schwestern, im Nachhinein ihre Titel aberkennen und sie für künftige Wettbewerbe sperren?

    Jetzt sind die Regularien der Wada wohl so, dass sie dagegen nicht verstoßen haben und es ist schwierig, im Nachhinein die Regularien umzuwerfen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Sportgerichtshof die Regeln ändert und nachträglich Titel aberkennt. Man sollte sich eher nach vorne orientieren, damit solche Verstöße zukünftig geahndet werden können.

    Russische Sportler schildern, ihnen würden Präparate verboten werden, die amerikanischen Athleten erlaubt sind. Andererseits werden russische Sportler wegen vergleichsweise harmlosen Mitteln wie Meldonium gesperrt, wohingegen anderen Sportlern sehr viel stärker wirkende Präparate erlaubt werden. Was sagen Sie dazu?

    Ich kann das Gefühl der russischen Sportler nachvollziehen. Es muss gleiches Recht für alle geben. Wenn es so gewesen ist, dann kann es nicht sein, dass die Wada russischen Athleten ein Präparat verwehrt und anderen gestattet. Im Falle des Präparates, das letztes Jahr noch erlaubt war und jetzt gesperrt ist, wissen wir ja inzwischen, dass es noch längere Zeit im Blut nachweisbar ist. Athleten, die es 2015 genommen haben, sind 2016 noch damit auffällig geworden. Auch dafür muss man Übergangsfristen schaffen, damit Athleten nicht ungerechtfertigt gesperrt werden.

    BILD hatte bei den Olympischen Spielen die Russische Mannschaft boykottiert, indem ihre Ergebnisse nicht im Medaillenspiegel aufgeführt wurden. Wir haben angefragt, ob nun auch bei künftigen Wettkämpfen die Ergebnisse von Williams & Co. verschwiegen werden. BILD wollte das nicht kommentieren. Kann man hier von doppelten Standards in der Berichterstattung sprechen?

    Was die BILD da mit den Medaillenspiegeln gemacht, halte ich für Unfug. Das ist auch ungerecht gegenüber den Sportlern, die auf saubere Art und Weise Medaillen gewonnen haben, also auch gegenüber Sportlern aus Russland. In Rio sind auch Sportler aus anderen Nationen aufgeflogen. Insofern hat die BILD da ein eigenwilliges Spiel betrieben. Den Williams-Schwestern ist aber ja kein Vergehen nachgewiesen worden. Man kann aber nicht einfach ein Land aus dem Medaillenspiegel streichen.

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    Tags:
    WADA, Andre Hahn, Deutschland, Russland