14:07 07 Dezember 2019
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    Sportwettkämpfe in der Leichtathletik

    Tübinger Studie deckt auf: Athleten geben anonym Doping zu

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    Etwa 30 Prozent der Teilnehmer an der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2011 im südkoreanischen Daegu haben anonym angegeben, Dopingmittel genommen zu haben. Das ist das Ergebnis einer Studie der Universität Tübingen und der Harvard Medical School im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA). Studienleiter Rolf Ulrich ist überrascht.

    Im Interview mit Sputnik-Korrespondent Nikolaj Jolkin räumte Ulrich ein, nicht genau sagen zu können, warum sich der Leichtathletik-Weltverband IAAF (International Association of Athletics Federations) jahrelang gewehrt hatte, die Ergebnisse zu veröffentlichen. „Es könnte sein, dass die WADA den Ergebnissen misstrauisch gegenüberstand und daher etwas zögerlich war, was ich sogar gut verstehen kann“, so der Tübinger Psychologe.

    „Unsere Studie legt den Schluss nahe, dass biologische Tests von Blut- und Urinproben, die die WADA durchführt, bei weitem nicht alle Dopingfälle aufdecken können. Dass die Dunkelziffer höher sein muss als die zwei Prozent, die durch diese Tests aufgedeckt werden, haben sicherlich schon andere vor unserer Studie angenommen.“

    Den Unterschied zu seiner anonymen Umfrage erklärt Ulrich dadurch, dass „Athleten vielleicht so geschickt dopen, dass man es oft nicht nachweisen kann, oder die medizinischen Tests weniger effektiv sind, als man glaubt, oder gar beides zutrifft.“

    „Spekulationen und Bauchgefühl helfen nicht weiter“

    Er plädierte für weitere Studien, um diese möglichen Erklärungen oder Hypothesen kritisch zu prüfen.

    „Spekulationen und Bauchgefühl helfen nicht weiter, um solche Fragen zu klären.“ Der Psychologie-Professor möchte die Ergebnisse und das Verfahren, um die Dunkelziffer von Doping zu schätzen, der wissenschaftlichen Gemeinschaft nicht vorenthalten. „Als Wissenschaftler fühlen wir uns eben verpflichtet, solche Ergebnisse zu veröffentlichen. Übrigens hätten wir dies auch getan, wenn die Dunkelziffer weit kleiner gewesen wäre.“

    Die Frage nach der Motivation der Athleten zum Doping sei nicht ohne gezielte Studien befriedigend zu beantworten. Der Wissenschaftler meinte: „Ich kann mir natürlich vorstellen, dass jeder Spitzenathlet die beste Leistung aus seinem Körper hervorbringen möchte. Inwiefern allerdings eine extrinsische Motivation, so sagen wir als Psychologen, eine Rolle dabei spielt, die zum Beispiel durch finanzielle Anreize für Rekorde hervorgerufen wird, kann ich nicht sagen.“ Extrinsisch meint: von außen angeregt.

    Ursachenforschung für einen fairen und gesunden Leistungssport

    Es seien gezielte Ursachenforschungen notwendig, ist sich der Tübinger Psychologe sicher, die aber, betonte er, „vollkommen frei von eventuellen Interessenkonflikten sein müssen. Das würde ich mir für einen fairen und möglichst gesunden Leistungssport für alle Athleten auf der Welt sehr wünschen.“

    Ulrich würde das gern selbst fortsetzen: „Dazu bräuchte ich allerdings finanzielle Unterstützung sowie den Zugang zu solchen Sportgroßveranstaltungen. Inwiefern man das unabhängig von der WADA machen kann, weiß ich nicht, aber das wäre mein großer Wunsch. Vielleicht findet man noch bessere Methoden, was man jetzt momentan nicht weiß. Das ist in der Wissenschaft immer so, egal, ob Sie Psychologe, Physiker, Chemiker oder Mathematiker sind. Man kann alles verbessern. Das sollte man auch.“

    Das komplette Interview mit Prof. Rolf Ulrich zum Nachhören:

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    Tags:
    Probleme, Studie, Sport, Leichtathletik, Doping, WADA, Deutschland