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    Siegerehrung bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 (Archivbild)

    „Demütigung einer ganzen Nation“ – MdB Hahn zu IOC-Strafmaßnahmen gegen Russland

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    Wer dopt, muss bestraft werden. Eine Kollektivstrafe gegen ein ganzes Land ist jedoch nicht akzeptabel, sagt MdB André Hahn (Linke). Saubere russische Sportler sollten unter der eigenen Flagge selbstverständlich bei Olympia antreten können. Von einem Boykott der Spiele durch Russland hält der Politiker allerdings nichts.

    Von den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang wird Russland zwar nicht ausgeschlossen, für seine Doping-Sünden bestrafen will das Internationale Olympische Komitee (IOC) Russland aber offenbar schon. Die Frage ist bloß, womit? Diskutiert werden Strafmaßnahmen wie die, dass die russischen Athleten bei den Wettbewerben unter einem neutralen Wappen statt der russischen Flagge antreten sollen.

    Eine andere Variante wäre eine Geldstrafe von 1 Milliarde Dollar, die Russland für seine Doping-Vergehen bezahlen müsste. Außerdem will die New York Times aus einer IOC-Quelle von der Überlegung erfahren haben, die russischen Sportler zur Strafe nicht an der offiziellen Eröffnungsfeier der Spiele in Süd-Korea teilnehmen zu lassen und ihre Nationalhymne bei Ehrungen nicht abzuspielen.

    Letztere Varianten möglicher Strafmaßnahmen haben in Russland für viel Empörung gesorgt. MdB André Hahn, der für die Linken im Sportausschuss des Bundestages sitzt, kann das verstehen.

    „Dopingsünder, wenn es denn erwiesen ist, gehören gesperrt. Athleten genauso wie Funktionäre haben dann bei Olympia nichts zu suchen. Aber das, was da jetzt stattfinden soll, wenn man sagt: "Ihr dürft nicht an der Eröffnungszeremonie teilnehmen" oder: "Eure Fahne darf nicht gezeigt werden" und man antritt unter einer neutralen Flagge und die Hymne darf nicht gespielt werden — das ist für mich überhaupt nicht akzeptabel, das kann auch ein Land wie Russland nicht akzeptieren. Das ist keine Bestrafung für Dopingsünder, das ist eine Demütigung einer ganzen Nation.“

    Russische Athleten, die saubere Sportler sind, müssten auch — natürlich unter ihrer Fahne — bei Olympischen Spielen antreten und wenn sie Medaillen gewinnen würden, dann müsste man zur Siegerehrung auch die entsprechende Hymne spielen — alles andere wäre völlig absurd, so Hahn.

    „Ich frage mich manchmal, wie man auf solche Dinge kommen kann. Das hat mit der Olympischen Idee aus meiner Sicht nichts mehr zu tun. Und deshalb sollte das IOC nochmal sehr genau nachdenken und auf solche Dinge — aus meiner Sicht jedenfalls — verzichten.“

    Das IOC hat die von der New York Times am Montag verbreiteten Überlegungen zu Strafmaßnahmen nicht bestätigt.

    „Das sind verfrühte Spekulationen, die gemacht werden, bevor zwei IOC-Kommissionen ihre Arbeit beendet haben und die entsprechenden Prozedere, auf die jede Person oder Organisation das Recht haben, erledigt worden sind“, sagte ein Vertreter des Komitees gegenüber der Agentur „R-Sport“.

    Eine Entscheidung über die Strafmaßnahmen gegen Russland wird das IOC am 5. Dezember fällen. Was schon jetzt feststeht: Dem russischen Skilanglauf-Olympiasieger Alexander Legkow und seinem Teamkollegen Jewgeni Below werden ihre Medaillen von den Olympischen Spielen in Sotschi aberkannt und die Sportler lebenslang für Olympia gesperrt. Der Anwalt der beiden Skisportler Christof Wieschemann nannte die Entscheidung „skandalös“ und legte Berufung beim Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne ein.

    „Ich halte es für völlig legitim, dass man diesen Weg auch ausschöpft. Wie lange das dauert, ist natürlich eine andere Sache.  Aber jeder Athlet, der sich ungerecht behandelt fühlt, hat natürlich das Recht auch, sich dagegen zu wehren. Was am Ende tatsächlich rauskommt und was in den beiden Fällen gewesen ist, das vermag ich nicht zu beurteilen“, so André Hahn.

    Wie am 9. November bekannt wurde, hat das IOC ebenfalls lebenslängliche Olympia-Sperren gegen die russischen Skisportler Maxim Wilegschanin, Alexej Petuchow, Julia Iwanowa und Jewgeni Schapowalow verhängt und ihre Ergebnisse von den Spielen 2014 gestrichen.

    Den von Russland erwogenen Boykott der Spiele in Süd-Korea hält der Abgeordnete allerdings für keine gute Idee.

    „Ich finde, man sollte versuchen, sich nicht gegenseitig hochzuschaukeln und auch eine gewisse Besonnenheit zu wahren. Ich verstehe die Verärgerung zum Teil, aber sage auch: Das hilft niemandem und schadet am Ende auch den anderen Sportlerinnen und Sportlern. Ich halte von Boykotten gar nichts. Wir haben Olympia-Boykotte schon gehabt und die haben am Ende wirklich dem Sport geschadet und haben politisch auch nichts gebracht. Ich finde auch Boykott-Androhungen nicht richtig. Ich möchte, dass saubere, getestete russische Sportlerinnen und Sportler teilnehmen können an den Olympischen Spielen. Und dort wird ja auch wieder getestet werden für die, die dort Vorbehalte oder Verdachtsmomente haben.“

    Hahn räumt ein, dass Sport niemals völlig unpolitisch ist, wünscht sich jedoch, dass die Entscheidung über Russlands Teilnahme an der Winterolympiade nicht davon abhängig gemacht wird.

    „Wer da welche weiteren Interessen verfolgt im politischen Bereich — da will ich nicht spekulieren. Aber ich habe ja gesagt: Ganz ohne Politik geht es dort nicht zu. Da gibt es schon auch handfeste politische Interessen. Aber aus meiner Sicht haben die bei der Entscheidung, wer bei Olympischen Spielen antreten darf, nichts zu suchen. Sondern da muss es danach gehen: Gibt es die Athleten, die geprüft worden sind? Und die dürfen dann auch, aus meiner Sicht, an den Start gehen.“

    Ilona Pfeffer

    Das komplette Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    Verbot, Teilnahme, Sanktionen, Olympische Winterspiele 2018 in Pyeongchang, Die LINKE-Partei, Bundestag, IOC, André Hahn, Russland