08:11 07 Dezember 2019
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    Russische Skiläufer zeigen ihre goldenen Olympiamedaillen nach dem Sieg bei Winterspielen in Sotschi 2014 (Archivbild)

    „Ohne Beweise gibt niemand Medaillen zurück“: Russische Athleten klagen gegen IOC

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    Als Irrsinn bezeichnet die Präsidentin des russischen Skilanglaufverbandes und Olympiasiegerin Jelena Välbe die IOC-Entscheidung, russische Athleten lebenslang von Olympischen Spielen auszuschließen.

    Für sie sei es totaler Blödsinn, „wenn bei einem Sportler kein verbotenes Präparat entdeckt wurde, dass er seine Medaille zurückgeben soll. Unsere Skiläufer werden dies nicht tun. Wir werden den Prozess führen, bis wir ihn gewonnen haben. Wird er zehn Jahre dauern, dann werden wir eben zehn Jahre lang Gerichtsverhandlungen führen.“

    Auch der zweifache Bob-Olympiasieger in Sotschi und amtierende Präsident des nationalen Schlittenverbandes Alexander Subkow, der schon seit 30 Jahren im Sport tätig ist und Weltmeistertitel und Olympiatitel von 2006 und 2010 vorzuweisen hat, verliert seine Goldmedaillen. „Mir wird vorgeworfen, was ich nicht getan habe. Meine Proben waren immer negativ. Doch behaupten der in die USA geflüchtete Ex-Direktor des Moskauer Anti-Doping-Labors Grigori Rodtschenkow und der kanadische Jurist Richard McLaren, dass es an meinen Probenflaschen irgendwelche Kratzer gäbe.“

    „Legt uns rechtsgültige Beweise vor!“,fordert der erfolgreichste russische Bobpilot. „Sonst sind das nur Worte. Solange die Beweisgrundlage fehlt, werde ich meine Medaillen nicht zurückgeben, und niemand sonst wird es tun. Sie sind mit Fleiß und Schweiß im fairen Wettkampf erworben.“

    Die Disziplinarkommission des Internationalen Olympischen Komitees hat bereits gegen 22 russische Sportler lebenslange Olympiasperren verhängt. Allerdings haben einige von ihnen bei dem jüngsten Bob-Weltcup in Kanada Gold gewonnen. Sie wurden mehrmals am Tag Dopingkontrollen unterzogen, darunter auch seitens westlicher Labors. Die Sportler sind also sauber. Oder wird in einem Jahr auch gegen sie ein Dopingvorwurf erhoben?

    Der Rechtsanwalt der russischen Sportler Philippe Bärtsch bat die IOC-Kommission, die Stichhaltigkeit der erhobenen Vorwürfe zu prüfen, was ihm verweigert wurde. Der Informant der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, Rodtschenkow, wurde selbst während der Anhörung nicht vernommen.

    Aus Sicht des Schweizer Anwalts Bärtsch sei dies ein weiterer Beweis für die Halt- und Grundlosigkeit der Beschuldigungen. „In meiner Praxis hat es so etwas noch nie gegeben“, sagte er auf einer Pressekonferenz der Nachrichtenagentur „Rossija Segodnja“. Die Entscheidung der IOC-Kommission wolle er anfechten und bereits in den kommenden Tagen Berufung einlegen.

    Seine Berufskollegin aus Zürich Anna Kozmenko war über die Durchführung der Verhandlungen schockiert. „Nicht einmal die Prozessrechte der Sportler wurden beachtet. Sie hatten keine Zeit, die Anhörungsakten einzusehen und ihre Juristen zu konsultieren. Sie konnten auch ihre Fragen an Rodtschenkow und McLaren nicht stellen, da diese in der Verhandlung nicht anwesend waren.“

    Die Anwältin fuhr fort: „Neben den sogenannten Kratzern auf Probengläschen wird den Sportlern auch ein Salzgehalt angelastet, der angeblich nicht normal sei. Aber selbst wenn Untersuchungen einen normalen Salzanteil ergeben haben, behauptet die IOC-Kommission, dies sei kein Beweis für die Schuldlosigkeit des Athleten, da Probengläschen angeblich auch ohne Kratzer geöffnet werden können. Dies ist auch eine absurde Behauptung, die wir anfechten.“

    Damit die Sportler noch vor den Olympischen Spielen in Südkorea freigesprochen werden können, wollen die Anwälte das beschleunigte Verfahren am CAS-Schiedgerichtshof in Lausanne in Anspruch nehmen.

    „Wir weisen auf das Fehlen von Beweisen hin“, so Kozmenko, „und die Kommission kommt immer wieder auf den McLaren-Report und Rodtschenkows Angaben zurück, ohne die Akten eines jeden Sportlers im Einzelnen zu untersuchen. Als Ergebnis bekommen wir Urteile, die einander aufs Haar gleichen.“

    Jelena Välbe machte deutlich: „Als ich die Urteilsbegründung für unseren Skiläufer Alexander Legkow las, musste ich staunen, dass in einem juristischen Dokument die Worte ‚nach Erinnerung Grigori Rodtschenkows‘ standen. Schreibt er denn an einem Gedicht oder Roman? Wohl eher an einem Thriller!“

    Välbe verwies auf die Solidarität ausländischer Sportler mit den russischen Athleten: „Einzelne Sportler machen sich für sie stark. Das sind Skiläufer, aber auch der Biathlet Ole Bjørndalen. Viele von ihnen sind besorgt, dass die Behälter, in denen ihre Dopingproben 10 Jahre lang aufbewahrt werden sollen, auf keine Art geschützt sind und von Dritten geöffnet werden können.“

    Auch Alexander Subkow meinte: „Die meisten Länder verstehen, dass Russland eine starke Sportgroßmacht ist. Besonders in unserer Sportart, dem Bob und dem Skeleton, führt sie weltweit. Jelena Nikitina hat in dieser Saison das Skeleton-Führungstrikot gewonnen, wonach beschlossen wurde, sie von einer weiteren Beteiligung an den Weltcup-Etappen zu sperren. Dasselbe galt für Alexander Tretjakow, der einen Podestplatz anpeilte.“

    „Es überraschte die Leiter der deutschen Nationalmannschaft, dass unser Team so hart behandelt wurde“, äußerte Subkow weiter. „Sie sprachen ihre Anteilnahme aus, und dennoch reibt sich einer die Hände vor Freude: So bräuchten sie nicht im fairen Kampf zu beweisen, ob sie stärker sind.“

    Nikolaj Jolkin

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    Tags:
    Rückgabe, Medaillen, Protest, Dopingskandal, Olympische Winterspiele 2014 in Sotschi, WADA, IOC, Richard McLaren, Grigori Rodtschenkow, Russland