19:26 14 November 2019
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    Alexander Zubkow bei Olympischen Winterspielen in Sotschi (Archivbild)

    Ex-NOK-Chef Walther Tröger: „Sportgerichts-Urteil absolut positiv!“

    © Sputnik / Witaliy Beloussow
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    Für falsch und deswegen anfechtbar hält EX-NOK-Präsident Walther Tröger die lebenslangen Sperren der russischen Athleten. Dies sei absolut unüblich, deswegen begrüßt er das heutige Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs. Er erwartet weitere Klagen von Betroffenen und plädiert für die Aussetzung von Dopingkontrollen in Pyeongchang.

    Kaum jemand kennt die Olympia-Welt besser als Walther Tröger. Er war Sportdirektor des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) für Deutschland. Als Sportfunktionär war Tröger bei 26 Olympischen Spielen – das ist olympischer Rekord. In seiner langen Karriere hat er manchen Sportskandal miterlebt. Sputnik hat Walther Tröger um seine Einschätzung des Urteils gebeten, das am Donnerstagmorgen vom Internationalen Sportgerichtshof (CAS) ergangen ist.

    Herr Tröger, mit seinem heutigen Urteil hat der Internationale Sportgerichtshof in Lausanne die lebenslangen Olympia-Sperren von 28 russischen Athleten und die Aberkennung ihrer Medaillen von Sotschi aufgehoben. Bei elf weiteren Athleten wurden zumindest die lebenslangen Sperren aufgehoben. Wie bewerten Sie das Urteil?

    Absolut positiv! Das IOC hat vor Jahren mit der Einsetzung des CAS und von quasi neutralen Kommissionen damit begonnen, diese Angelegenheit von sich weg zu geben, um nicht allein entscheiden zu dürfen – das könnte es gar nicht. Denn das Ganze hat auch ein Rechtsproblem, und zwar ein öffentliches. Entweder durch die Gruppen, die das IOC selbst geschaffen hat, die aber unabhängig sein sollen, oder durch die öffentliche Rechtsprechung, weil inzwischen Staaten wie die Schweiz, Amerika und andere das an sich gezogen haben. Jeder weiß inzwischen, dass eine selbstorganisierte Organisation nicht auch noch Recht sprechen kann ohne Berufungsinstanzen. Zum Grundsatz selbst will ich sagen, dass ich für Tabula Rasa nicht zu haben bin. Ich hätte es für falsch gehalten, die gesamte russische Mannschaft zu sperren, ohne dass man prüft, ob nicht auch Unschuldige dabei sind – das Recht müssen sie ja haben. Für genauso falsch halte ich es, dass man Betroffene lebenslang sperrt – eine Sperre, die bisher gar nicht verhängt worden ist oder gar nicht möglich ist.

    Was waren aus Ihrer Sicht die größten Fehler, die das IOC gemacht hat? Hat man dem Kronzeugen Rodtschenkow zu viel Vertrauen geschenkt?

    Nein, das hat man nicht. Damit hat es auch nichts zu tun. Ich glaube, alles, was er gesagt hat, hat Hand und Fuß. Er war Herr des ganzen Verfahrens und alles, was er weiß, hat er wohl gesagt. Für mich war die Entscheidung des IOC über die lebenslangen Sperren von vornherein anfechtbar.

    Das IOC will die nun entlasteten Sportler trotzdem nicht in Pyeongchang starten lassen. Finden Sie das richtig?

    Es ist schwierig. In dieser Situation, die eine politische Situation geworden ist, gibt es keinen Königsweg, es gibt nur Kompromisse. Die Kompromisse muss das IOC jetzt treffen, es ist Herr des Verfahrens, was die Zulassung für Pyeongchang angeht. Da kann es auch immer noch Fehler machen, die dann nicht von den Gerichten akzeptiert werden. Im Moment ist die Situation so undurchschaubar. Man kann sagen, dass das IOC zu schnell an die lebenslangen Sperren rangegangen ist, aber da ich die Gründe nicht genau kenne, will ich das jetzt nicht beurteilen.

    Erwarten Sie weitere Klagen?

    Damit muss man immer rechnen. Man muss immer damit rechnen, dass Personen, die sich durch Urteile belastet sehen, so weit gehen, wie es durch die Instanzen möglich ist, um doch noch zu ihrem Recht zu kommen. Wenn unser NOK früher, vor dreißig Jahren, die Olympiamannschaften aufgestellt hat, dann gab es immer welche, die wir nicht berücksichtigt haben und die dagegen geklagt haben. Glücklicherweise haben wir uns immer dagegen durchsetzen können, weil wir das sehr genau definiert und belegt haben. Aber bei diesem wahnsinnigen Verfahren, den globalen Problemen, wird es bis zum Ende gehen, und vielleicht kann es sogar nach den Olympischen Spielen welche geben, die beispielsweise wegen Verdienstausfalls klagen.

    Eine Reihe russischer Athleten ist nicht gesperrt, sondern einfach nicht eingeladen worden. Unterscheidet sich hierbei der Rechtsweg?

    Nein, da unterscheidet sich nichts. Das IOC kann man hier als erste Instanz ansehen, die das Recht hat, selbst zu entscheiden, wer zu den Spielen zugelassen wird. Aber es muss damit rechnen, dass das angefochten wird.

    Ein deutscher Sportrechtler hat jüngst geäußert, er halte es für sinnlos, in der momentanen Situation überhaupt zu versuchen, Dopingkontrollen bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang durchzuführen. Wie bewerten Sie diese Einschätzung?

    Ich würde sagen, das ist richtig. Solange die Frage mit den Flaschen nicht geklärt ist und es noch so viele Unklarheiten gibt und auch Experten sagen, manche Dopingmittel seien überhaupt nicht nachweisbar, würde ich die Kontrollen jetzt aussetzen. Denn was bei den Spielen geprüft wird, kann auch dort noch angefochten werden, und die Spiele finden trotzdem statt. Also würde ich diese Pause durchaus einlegen.

    Was bedeutet das heutige Urteil für die Zukunft von IOC und WADA? Braucht es eine Runderneuerung?

    Man muss schon eine Runderneuerung vornehmen. Sowohl gegen das IOC als auch gegen die WADA hat es von vielen Seiten mehr oder weniger begründete Argumente gegeben. Das muss überdacht werden, und auch über die Flaschen-Geschichte muss nachgedacht werden. Ist die WADA zuständig? Oder kann man das wirklich auf die Herstellerfirma abwälzen? Die Instanzen und Einrichtungen, die es gibt, müssen überprüft werden, ob sie alles richtig gemacht haben. Personelle Umstellungen sehe ich nicht in erster Linie. Die können immer mal kommen.

    Das komplette Interview mit Walther Tröger zum Nachhören:

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    Tags:
    Sperrung, Sportler, Sport, Doping, NOK, Internationaler Sportgerichtshof CAS, Internationales Olympisches Komitee (IOC), IOC, WADA, Walther Tröger, Pyeongchang, Russland