12:18 12 Dezember 2019
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    Der russische Langläufer Alexander Legkow bei Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 (Archivbild)

    Anwalt von Langläufer Legkow: „Für solch ein Urteil braucht man Charakterstärke“

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    Grigori Rodtschenkow hat sich in Widersprüche verstrickt. Auch McLaren hat im Prozess vor dem CAS nicht überzeugt. Das sagt Christoph Wieschemann, der Anwalt des russischen Skilangläufers Alexander Legkow. IOC und WADA sollten einer grundlegenden Restrukturierung unterzogen werden, um Interessenkonflikte auszumerzen.

    Christoph Wieschemann, der deutsche Anwalt des russischen Langläufers Alexander Legkow, zeigte sich am Tag der Urteilsverkündung des Internationalen Sportgerichtshofs (CAS) hochzufrieden. Sein Mandant befand sich unter den 28 Sportlern, deren lebenslange Olympia-Sperren und Medaillen-Aberkennungen in Lausanne aufgehoben wurden.

    „Wir sind natürlich überglücklich, dass wir nach 13 Monaten und neun Tagen ein Gericht gefunden haben, das unseren Argumenten zugehört und ihnen Glauben geschenkt hat. Wir haben demonstrieren können, dass die Medaille von Sascha Legkow tatsächlich sauber ist.“

    Zu Details des Verfahrens wollte der Jurist aus Rücksicht auf anhängige Verfahren keine Auskunft geben. Was er sagen könne, sei, dass es im Rahmen der Anhörungen Gelegenheit gegeben habe, dem Kronzeugen Grigori Rodtschenkow, dem Ermittler Richard McLaren und weiteren Experten des IOC Fragen zu stellen. „Insgesamt muss man sagen, dass Rodtschenkow sich in Widersprüche verstrickt hat und auch McLaren nicht überzeugen konnte“, so Wieschemann.

    Aufgrund der Beweislage habe er grundsätzlich mit einem positiven Urteil gerechnet, jedoch sei auch immer ein Restrisiko dabei.

    „Diese Urteile zu fällen – dazu gehört nicht nur juristische Exzellenz, sondern auch Charakterstärke. Die Charakterstärke haben diese Richter jetzt bewiesen.“

    Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB) zeigt sich enttäuscht

    Während sich die russischen Sportler, Fans und Offiziellen über die Entlastung durch das CAS freuen, scheint das Urteil dem DOSB weniger gut zu gefallen. In einer offiziellen Stellungnahme von DOSB-Präsident Alfons Hörmann heißt es wörtlich:

    „Die jetzige Entscheidung des CAS ist leider einmal mehr ein Schlag ins Gesicht des sauberen Sports. Sie zeigt erneut, wie schwierig es ist, harte und verdiente Sanktionen im Anti-Doping-Kampf vor Gericht durchzusetzen. Das IOC-Bestreben im Sinne der Chancengleichheit alle am Betrug in Sotschi beteiligten Athleten und Offizielle lebenslang auszuschließen, wurde jetzt leider teilweise juristisch ausgebremst. Das ist ein höchst unbefriedigendes Urteil, weil damit das nachweislich vorhandene und völlig inakzeptable staatliche Dopingsystem in Russland nicht in der gebotenen Härte bestraft werden kann.“

    Das Urteil lege bedauerlicherweise auch den Schluss nahe, dass der vielfach geforderte Komplett-Ausschluss der russischen Mannschaft keinesfalls juristisch durchsetzbar gewesen wäre.

    Weiter heißt es im Text der Pressemitteilung:

    „Wir halten es für richtig, dass das IOC im Sinne eines harten Anti-Doping-Kampfes trotz der Entscheidung des CAS auf sein Hausrecht verweist und hoffen sehr, dass es sich als juristisch durchsetzbar erweist, die bisher gesperrten Athleten nicht nach Pyeongchang einzuladen. Es wäre fatal, wenn diejenigen, die in Sotschi nachweislich manipuliert haben, nun die fair agierenden Sportler auch in Pyoengchang erneut um die Früchte ihrer jahrzehntelangen Arbeit bringen.“

    Rechtsanwalt Wieschemann kommentiert das Statement des DOSB nur knapp:

    „Es gibt bei uns im Ruhrgebiet ein Sprichwort: Wenn man keine Ahnung hat, dann sollte man einfach mal die Klappe halten. Damit meine ich einige Funktionäre, die jetzt meinen, sich dazu äußern zu müssen: Sie sollten lieber schweigen.“

    Strukturreformen bei IOC und WADA notwendig

    Handlungsbedarf sieht der Jurist hingegen bei dem Thema der Restrukturierung von IOC und WADA. Diese sei lange fällig, so Wieschemann.

    „Wir brauchen eine grundlegende Strukturreform, sowohl beim IOC als auch bei der WADA, da sehr viele Personen unterschiedliche Funktionen in beiden Organisationen haben und damit immer wieder in den gleichen Interessenkonflikt kommen. Sie nehmen Einfluss auf das Dopingkontrollsystem und damit auf das Schicksal der Athleten aus Gründen, die im Dopingkontrollsystem selbst nicht angelegt sind. Das finde ich einen unerträglichen Gedanken. Die Athleten können sich diesem System nicht entziehen. Aber sie haben Anspruch auf ein System, das größtmögliche Glaubwürdigkeit garantiert. Und das ist gegenwärtig nicht der Fall.“

    Ob das IOC, wie verschiedenen Pressemeldungen zu entnehmen ist, das Urteil des CAS anfechten wird, kann Christoph Wieschemann nicht beurteilen. Theoretisch sei die Möglichkeit jedoch da.

    „Die einzige Möglichkeit, gegen dieses Urteil anzugehen, wäre tatsächlich vor dem Schweizerischen Bundesgericht. Die Erfolgsaussichten möchte ich jetzt nicht bewerten. Ich halte das Urteil für überzeugend und abschließend.“

    Das komplette Interview mit Christoph Wieschemann zum Nachhören:

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    Tags:
    Zulassung, Urteil, Dopingsystem, Sportler, Sport, Olympia, Doping, Sperrung, Dopingskandal, Deutscher Olympischer Sportbund DOSB, WADA, Internationaler Sportgerichtshof CAS, Internationales Olympisches Komitee (IOC), Christoph Wieschemann, Grigori Rodtschenkow, Alexander Legkow, Russland, Pyeongchang