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    IOC-Präsident Thomas Bach bei Russland-Sitzung in Lausanne (Archivbild)

    Ethische Ziele aufgeben und Doping erlauben? Sportrechtler zieht Bilanz

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    Wenn sich einerseits Verdachtsfälle häufen, andererseits Instanzen gegenseitig widersprechen und sich im Fall der russischen Sportler nicht an die eigenen Regeln halten, dann herrscht Chaos. Das sagt der Sportjurist Michael Lehner. Er wirft die Frage auf, ob wir nicht gleich auf den Kampf gegen Doping verzichten wollen.

    Das IOC versinke gerade im selbstverschuldeten Chaos, weil es sich nicht an die eigenen Regeln halte, sagt der Heidelberger Sportrechtler Dr. Michael Lehner im Sputnik-Interview. Dass der Internationale Sportgerichtshof CAS in einer strittigen Frage dem IOC widersprechen und dessen Entscheidung aufheben würde, sei jedoch nicht unbedingt zu erwarten gewesen.

    „Ich habe in der Vergangenheit das CAS als oberstes Sportgericht immer insoweit kritisiert, dass ich den Eindruck hatte, das CAS wäre nicht unabhängig und vom IOC bestimmt. Es gab viele, viele Entscheidungen, wo man diesen Eindruck gewinnen konnte. Ich freue mich, dass es in puncto Deutungshoheit nun auch Unterschiede zwischen CAS und IOC gibt, das ja Mitbegründer und Financier des CAS ist. Gerade die aktuellen Entscheidungen zu den lebenslangen Olympia-Sperren der russischen Sportler belegen, dass es hier doch eine Eigenständigkeit des CAS in seinen rechtlichen Überlegungen gibt.“

    An die Entscheidung des CAS müsse sich das IOC halten, so der Jurist. Die „Herren der Ringe“ könnten nicht einfach einladen oder ausladen, wie es ihnen gefiele.

    „Die Begründung für Einladung oder Nicht-Einladung muss transparent sein“

    „Wir haben eine breite Rechtsprechung zum Verhältnis zwischen Monopolverband und Athlet. Der Athlet ist für seinen Beruf, für sein wirtschaftliches Auskommen auf die Teilnahme an dem Wettbewerb angewiesen. Wenn das IOC Einladungen ausspricht und manche Einladungen eben nicht, so muss die Begründung dafür transparent sein und der Athletengleichbehandlung entsprechen. Wenn das nicht so ist, dann verletzt das IOC seine Verpflichtungen, die ihm als Monopolverband von der weltweiten Rechtsprechung vom CAS, vom Schweizer Bundesgericht oder auch von deutschen Gerichten auferlegt worden sind. Insoweit sehe ich sehr wohl einen Anspruch der nicht eingeladenen Athleten darauf, dass man ermessensfehlerfrei über ihren Anspruch entscheidet.“

    Wie am Dienstag bekannt wurde, haben 32 russische Olympioniken, die offenbar ohne nachvollziehbare Begründung vom IOC nicht eingeladen worden sind, erneut Klage beim CAS eingelegt. Die Anhörungen sollen am 7. Februar, also nur zwei Tage vor Beginn der Spiele, stattfinden.

    In den Eilverfahren vor dem sogenannten Ad hoc CAS müsse die Frage geklärt werden, ob die Sportler einen berechtigten Anspruch auf eine Einladung haben, erklärt Lehner.

    „Viele Athleten sind eingeladen worden, und wir wissen nicht, warum. Viele Athleten sind nicht eingeladen worden, und auch da wissen wir nicht, warum. Wir haben aber jetzt auch Athleten, die nicht eingeladen wurden und wo das CAS die Faktenlage so bewertet hat, dass eine Verurteilung nicht erfolgen kann. Im Grunde ist der Beleg des Anspruches auf die Teilnahme an der Olympiade bei diesen Athleten am besten, sodass den Klagen stattgegeben werden muss.“

    Die Urteile seien dann bindend, und auch das IOC müsse sich daran halten.

    „Es ist ein trauriges Bild, aber so ist die Realität“

    Während die russischen Olympioniken ihre letzten juristischen Möglichkeiten ausschöpfen, um doch noch zu den Winterspielen nach Pyeongchang zu kommen, geht ein Vorwurf, der das Potential zu einem nicht minder großen Dopingskandal hätte, beinahe als Randnotiz durch. Ein Whistleblower hat einem international besetzten Rechercheteam aus ARD, Sunday Times, dem schwedischen Sender SVT und dem Schweizer Digitalmagazin republik.ch eine Datensammlung mit rund 10.000 Bluttests von etwa 2000 Wintersportlern zugespielt, worin eine hohe Anzahl an auffälligen Blutwerten dokumentiert ist. Sollte sich der Doping-Verdacht bestätigen, dann beträfe die Manipulation allein bei den Skilangläufern 313 Medaillen bei Olympiaden und Weltmeisterschaften. Die hauptsächlich betroffenen Sportler kommen nicht nur aus Russland, sondern auch aus Norwegen, Deutschland, Schweden und Italien.

    Dass der große Aufschrei angesichts des ungeheuerlichen Verdachtes ausgeblieben sei, wundere ihn auch, gibt Michael Lehner zu.

    „Die Athleten sind ganz still, die Verbände auch. Das IOC wird gewusst haben, dass im Wintersport, ähnlich wie im Radsport, gedopt wird. Aber das Geschäft geht vor: Go for Gold, Kommerz regiert den Sport, den will man sich nicht kaputt machen. Das ist das große Hindernis eines ehrlichen Anti-Doping-Kampfes. Lieber ignorieren, lieber nicht aufkochen, und wenn es durch einen Whistleblower rauskommt, besser schweigen. Und hinterher klingelt der Geldbeutel. Es ist ein trauriges Bild, aber das ist wohl die Realität.“

    Antidopingkampf komplett aufgeben?

    Das Gute sei, dass man jetzt erkenne, dass es den sauberen Sport nicht gibt, sagt der Jurist. Lehner war auch derjenige, der gefordert hatte, bei den Spielen in Pyeongchang von Dopingkontrollen abzusehen.

    „Ich habe das provozierend gesagt, um das Chaos der Situation klar zu machen. Ich meine das aber auch ganz ernsthaft. Eine ehrliche Antwort wäre: Es ist Chaos, wir kommen nicht zurecht, Vieles ist eigenverschuldet, wir laden uns nicht noch weitere juristische Probleme auf, wir stoppen die Dopingkontrollen für die Olympiade und bauen uns hinterher neu auf.“

    Für die Zukunft des Sports scheide sich für ihn alles an der Frage, ob man den Antidopingkampf komplett aufgeben solle oder nicht.

    „Der einzige Grund, warum ich für einen aktiven Antidopingkampf bin, ist das Vorbild für die Jugend. Wir können unseren Kindern und Jugendlichen keine Leistungsgesellschaft im Sport vormachen, die nur von Konkurrenzkampf, von unlauteren Mitteln, von Drogen lebt. Nur ist unsere Gesellschaft außerhalb des Sportes genauso. Warum muss also der Sport für alle ethischen Ziele herhalten, die auf anderen Gebieten nicht erreicht werden? Wir müssen als Gesellschaft entscheiden: Geben wir unsere hehren ethischen Ziele auf und geben wir Doping frei?“

    Seine eigenen Ideale möchte der Jurist jedenfalls nicht aufgeben.

    Das komplette Interview mit Michael Lehner zum Nachhören:

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    Tags:
    Olympia, Sportler, Sport, Doping, Sperrung, Olympische Winterspiele 2018 in Pyeongchang, Internationaler Sportgerichtshof CAS, Internationales Olympisches Komitee (IOC), Martin Lehner, Pyeongchang, Südkorea, Russland