23:04 16 Oktober 2018
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    Schach-Stars rocken Berlin: „Hochdramatische Schach-WM“ – Russe wird Zweiter

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    Alexander Boos
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    Schachprofi Fabiano Caruana aus den USA wird nach seinem Sieg im Berliner „Kandidatenturnier“ den amtierenden Schach-Weltmeister Magnus Carlsen im November herausfordern. Deutschlands Schach-Chef erklärt, warum keine Deutschen dabei sind: „Weit weg von Weltspitze.“ „Seit Bobby Fischer waren die USA nicht mehr so gut“, so ein Organisator zu Sputnik.

    „Das Turnier war wirklich hochdramatisch“, sagte Ilya Merenzon, Präsident vom Turnier-Ausrichter „World Chess“, gegenüber Sputnik am Dienstag während des Schach-WM-Halbfinales im „Kühlhaus“ in Berlin-Kreuzberg. „Dieses Ereignis ist ein Must-See-Event des Schachs, das muss man einfach  gesehen haben. Alle Spieler sind Star-Spieler. Manche von ihnen haben fantastisch gespielt, andere wiederum nur gut. Aber auf diesem Niveau sind sie alle auf Augenhöhe. Es kommt oft auch auf das Glück an. Es gab viele spannende Entscheidungsspiele. Das ist rekordverdächtig. Das war phänomenal. Ich bin sehr, sehr zufrieden.“

    Fabiano Caruana, US-Amerikaner mit italienischen Wurzeln, setzte sich in seinem letzten Spiel mit einem 1:0 gegen den Russen Alexander Grischtschuk durch. Diese gewonnene Partie besiegelte endgültig den Turniersieg des US-Schachspielers. Zuvor hatte der frühere russische Vize-Weltmeister Sergej Karjakin den späteren Turniergewinner zwar im Duell geschlagen, konnte aber letztendlich nur auf den zweiten Platz landen. Damit darf Caruana im November in London gegen Magnus Carlsen aus Norwegen um den Schach-WM-Titel spielen.

    US-Amerikaner Caruana spielt bald gegen Weltmeister

    Jeder habe bei dem Turnier verstanden, dass das ein Sport-Großereignis sei. „Die Zuschauer lieben es“, so Merenzon. „Die Spieler lieben es. Sie fühlen sich wirklich wie Rock-Stars. In dem Moment wo wir sprechen, streiten alle Spieler noch um den Titel. Für mich ist es nicht entscheidend, wer das Turnier gewinnt. Aber nur mal mit Blick auf die USA: Seit den Zeiten von Bobby Fischer hat das Land keinen Schach-Weltmeister mehr gestellt.“ Daher sei Caruanas Turniersieg nun ein wichtiger Erfolg für den US-Schach.

    „Fabiano Caruana hat natürlich die besten Chancen“, sagte Ullrich Krause, Präsident des Deutschen Schachbunds (DSB), gegenüber Sputnik am Dienstag zu Beginn der Duelle. „Weil er einfach einen halben Punkt vorne ist.“ Der Erfolg des Italo-Amerikaners sei letztlich verdient gewesen.

    Wie schnitten die Russen ab?

    „Für die Russen wäre das auch ein Mega-Clou gewesen, den Schach-WM-Titel wieder nach Russland zu holen“, so World-Chess-Chef Merenzon. Es sollte nicht sein. Knapp scheiterte Russlands Star-Spieler Sergej Karjakin und landete in der der Gesamtwertung auf Platz 2, den er sich mit dem Aserbaidschaner Şəhriyar Məmmədyarov teilt. Wladimir Kramnik und Alexander Grischtschuk aus Russland landeten trotz teils großartiger Partien auf den hinteren Plätzen.

    Deutschlands Schach-Präsident kommentierte die Kritik, die der frühere Vize-WM-Sieger Karjakin zum Turnierauftakt geäußert hatte. „Eigentlich mag ich fast gar nichts von der Organisation dieses Turniers“, wurde der russische Star-Spieler Karjakin im Deutschlandfunk zitiert. „Ich mag die Fotos nicht, den Austragungsort nicht, manchmal war es auch sehr laut. Ich will nicht sagen, dass ich deswegen verloren habe. Aber eigentlich mag ich nichts.“ Krause kenne das Statement. „Es waren in der Tat in den ersten Runden keine optimalen Spielbedingungen. Inzwischen ist es aber wieder normalisiert.Wie man sieht, spielen die Spieler tolle Partien. Also, das scheint hier ja möglich zu sein.“

    Es gab fantastische Partien. „Das war einmal der großartige Sieg von Kramnik gegen Lewon Aronjan. Kramnik hat praktisch aus der Eröffnung heraus mit Schwarz gewonnen. Mit einem Zug den er schon vor Jahren vorbereitet hatte. Und die Partie von Caruana gegen Gritschtschuk. Die war einfach hochdramatisch. Die ist einfach hin- und hergekippt. Schachlich ist das ein ganz großartiges Turnier hier.“

    Internationale Weltspitze: Wo stehen die Deutschen?

    Auf die Frage, welche deutschen Schachspieler das Potenzial hätten, auch bei einem solchen Turnier zu bestehen, gab es eine klare Antwort. „Keiner“, so DSB-Chef Krause. „Im Moment keiner. Wir haben keinen, der unter den Top 20 ist und alle anderen haben keine Chance. Unser bester Spieler hat knapp eine Elo-Zahl von 2 700 und damit ist er ungefähr 80 Elo-Punkte hinter dem Durchschnitt. Damit ist er raus.“ Der beste deutsche Schachspieler ist Liviu-Dieter Nisipeanu (Platz 60) und hat eine Elo-Zahl von 2680. Danach folgt als zweitbeste Deutsche Elisabeth Pähtz aus Erfurt – auf Platz 1082.

    Die Schachduelle des „Kandidatenturniers“ werden in sehr guter Erinnerung bleiben, glaubt der Schachpräsident. „Sehr viele entschiedene, dramatische Partien. Fast Schach-Juwelen, kann man sagen. Was für Schach in Deutschland bleibt ist in der Tat eine sehr gute Frage: Ich hoffe sehr, dass wir da eine nachhaltige Wirkung erzielen können. Wir haben in Berlin bald tolle Schachveranstaltungen. Ende April ist die Bundesliga-Endrunde hier. Und es wäre schon, wenn dann wieder ähnlich viele Zuschauer kommen wie hier.“

    Oliver Reeh, Schach-Kommentator für Spiegel Online, hat das ganze Turnier verfolgt. Er gab schon mal einen Ausblick auf das kommende WM-Duell im November in London: „Bis dahin wird Caruana keinesfalls Däumchen drehen. Bereits in vier Tagen wird er bei den Grenke Chess Classic (in Baden-Baden und Karlsruhe) wieder am Brett sitzen. Einer seiner Gegner dort? Dreimal dürfen Sie raten — Weltmeister Magnus Carlsen!“

    Das komplette Interview mit Ullrich Krause (DSB) zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Ilya Merenzon (World Chess) zum Nachhören:

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    Tags:
    Schach, Weltmeisterschaft, Alexander Grischtschuk, Wladimir Kramnik, Fabiano Caruana, Deutschland, USA, Russland