03:45 24 Oktober 2018
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    Der legendäre sowjetische Torhütter Lew Jaschin

    „Kracher von Moskau“ und Lew Jaschin: Glanzlichter des russisch-sowjetischen Fußballs

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    Alexander Boos
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    Bald beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Passend dazu eröffnet das Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst eine Ausstellung über die Fußball-Geschichte in Russland und der Sowjetunion: „Russkij Futbol“. Sie macht auf Glanzlichter der bewegten russischen Fußball-Historie aufmerksam. Davon gab es einige. Sputnik war vor Ort.

    „Elf exemplarische Lebenswege, an denen die Geschichte von 120 Jahren Fußball in Russland und der Sowjetunion dargestellt wird“, stehen laut Jörg Morré im Zentrum der aktuellen Ausstellung „Russkij Futbol“ im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst. Das sagte der Museumsdirektor gegenüber Sputnik am Donnerstag zur Eröffnung der Fußball-Vernissage. „Die Kulturingenieure sind auf uns zugekommen vor dem Hintergrund, dass sie bereits ein Buch herausgegeben haben – ‚Russkij Futbol‘ – in dem 15 Beiträge von Historikern und Fußball-Fans zu finden sind.“ In dem Werk gebe es einige Grafiken zu russischen Fußball-Spielern.

    „Die Idee war dann, diese bildnerischen Darstellungen auszuweiten auf elf Poster. Ich finde die Grafiken einfach sehr ansprechend. Herr Gronle, der Zeichner, kommt vom Comic her. Das merkt man dem sehr an. Das ist wunderbar, man wird reingezogen. Es gibt im Hintergrund der dargestellten Fußballer-Figuren immer auch Hinweise auf die sowjetische Geschichte.“

    Reale russische Elf im Comic-Stil: „Modern aussehen“

    Thomas Gronle, Comic-Zeichner und Illustrator aus Berlin, entwarf die Porträts für die Ausstellung. Er zeichnete dabei elf Akteure der russisch-sowjetischen Fußball-Geschichte. „Es ist unheimlich schwierig, Leute zu porträtieren, die man gar nicht kennt“, sagte der Künstler vor Ort. „Eine weitere Aufgabenstellung war: Es sollte modern aussehen. Das habe ich probiert und versucht, über die Farben und Formen den Charakter auszudrücken.“

    Russische Fußball-Historie in Bildern: Torwart-Legende Lew Jaschin
    © Sputnik / Alexander Boos
    Russische Fußball-Historie in Bildern: Torwart-Legende Lew Jaschin

    Seine Arbeit verrichtete er in Abstimmung mit dem Trio, das das Werk herausgibt. Der Politikwissenschaftler Martin Brandt, der Kulturwissenschaftler Stephan Felsberg und der Radio-Journalist Tim Köhler sind Herausgeber des Buchs „Russkij Futbol“.

    Anstoß auf der Pferdebahn

    Museumsbesucher können die Fußballer-Bilder ab sofort im Souterrain-Bereich des Kulturortes bestaunen. Mit-Herausgeber und Referent Martin Brandt brachte den Gästen zur Eröffnung die russisch-sowjetische Fußball-Geschichte in einer Präsentation näher. „Es waren englische Geschäftsleute, die den Fußball nach Russland brachten“, sagte er. Das erste Fußball-Spiel auf russischem Boden fand noch im Zarenreich statt. „St. Petersburg, Ende des 19. Jahrhunderts: Die Petersburger beobachten etwas Seltsames. Auf einer Pferde-Rennbahn jagen junge Männer einem Lederball hinterher, den sie versuchen, in das gegenüberliegende Tor zu treiben.“ Es spielt auch der junge 16-jährige Georgi Duperron mit, der später zum Begründer des modernen russischen Fußballs werden sollte.

    „Er war ein Sportenthusiast, der die Sportentwicklung im Zarenreich vorangetrieben hat. Er hat auch die Basketball-Regeln ins Russische übersetzt.“ Nach Gründung des „All-Russischen Fußballverbands“ vertrat Duperron das russische Zarenreich bei der 1904 in Paris gegründeten Fußball-Weltorganisation FIFA. Bei den Olympischen Spielen 1912 in Schweden betreute er die erste russische Fußball-Nationalelf.

    Nach der Revolution: Der sozialistische Ball rollt …

    Das Moskauer Sportler-Ass Nikolai Starostin prägte in den 20er Jahren den Fußball in der jungen Sowjetunion. 1922 wird er mit einer Moskauer Stadtauswahl erstmals Meister, seinen letzten Titel gewann er 1994 als Sportdirektor mit Spartak Moskau. Dazwischen liegen ein Dutzend sowjetische Meistertitel.

    Die sowjetische Elf 1967
    © Sputnik / Yuri Somow
    Die sowjetische Elf 1967

    Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs prägte ein absoluter Ausnahme-Sportler die sowjetische Fußball-Ära: Wsewolod Bobrow. Von der Fachwelt wird er liebevoll „das Genie auf Rasen und Eis“ genannt. Er war Doppel-Nationalspieler, spielte Fußball und Eishockey. Der Ausnahmeathlet holte vier sowjetische Fußball-Titel und konnte sogar sieben Eishockey-Meisterschaften gewinnen. Er war lange Zeit Kapitän der sowjetischen Auswahl.

    Eishockey-Spieler verliert „ausgerechnet gegen Titos Elf“

    Bobrow schoss bei Olympia 1952 in Finnland vier Tore gegen Jugoslawien. Dennoch scheidet die russische „Sbornaja“ aus. „Ausgerechnet gegen die abtrünnigen Kommunisten Titos“, soll Stalin später getobt haben. Die Folge: Kurzerhand wurde der Moskauer Armeeklub ZSKA Moskau – der den Kern der russischen Elf stellte – aufgelöst, später sollte er sich neu gründen.

    Sommerolympiade 1956 in Melbourne: die sowjetische Nationalmannschaft spielt gegen Westdeutschland
    © AP Photo / Stuart Heydinger
    Sommerolympiade 1956 in Melbourne: die sowjetische Nationalmannschaft spielt gegen Westdeutschland

    Das hatte auch Auswirkungen auf die Fußball-Karriere des Kapitäns. Von diesem Zeitpunkt an spielte er nur noch Eishockey. Doch das um so erfolgreicher. So führte er die UdSSR zu zwei Weltmeistertiteln. „Er schafft das, was er mit der Fußball-Mannschaft nicht geschafft hat“, bemerkte Brandt. „Außerdem wird er 1956 mit seiner Eishockey-Mannschaft auch Olympia-Sieger.“

    Die „Krake“ im Tor und EM-Titel 1960: „Torwart-Gott“ Lew Jaschin

    Gegner und Fans nannten ihn „die Spinne“ oder „Krake“. Er war derjenige sowjetische Fußballer, der die Ära des russischen Fußballs ab 1958 bis 1970 hinein prägen sollte: Lew Jaschin. Ein Torwart, der – für damalige Verhältnisse – das moderne Torhüter-Spiel prägen sollte. Er stand auch zwischen den Pfosten beim „Kracher von Moskau“, dem ersten deutsch-sowjetischen Freundschaftsspiel im Sommer 1955. Das Spiel fand unter starken politischen Vorzeichen statt. Bundeskanzler Konrad Adenauer bahnte in jener Zeit die ersten westdeutschen diplomatischen Kontakte nach Moskau an. „Es geht auch um die Rückholung der letzten deutschen Kriegsgefangenen“, so der Fußballbuch-Herausgeber. „Das Spiel geht 3:2 für die UdSSR aus.“

    Die Sieger der Fußball-EM 1960 aus der Sowjetunion
    © Sputnik / Leonid Dorenskij
    Die Sieger der Fußball-EM 1960 aus der Sowjetunion

    Auf Vereinsebene gewann Jaschin Dutzende sowjetische Titel, darunter Meisterschaften und Pokalsiege. 1960 dann der erste große Triumph für die Sowjetunion: Der Keeper führt seine Elf zum Gewinn der Europameisterschaft in Frankreich. Damals befand sich Jaschin auf dem Höhepunkt seiner Karriere und wurde 1963 zu „Europas Fußballer des Jahres“ gewählt, womit er bis heute der einzige Torhüter ist, dem diese Ehrung zuteil wurde. Im selben Jahr kassiert er in 27 Meisterschaftsspielen nur sechs Gegentreffer und wird mit seinem Stammverein Dynamo Moskau erneut sowjetischer Meister.

    Vize-Europameister und „Perestroika“: Ende des sozialistischen Fußballs …

    „Die Entwicklung nach 1960 im sowjetischen Fußball ist eine Geschichte der Professionalisierung“, so Brandt. „Fußball wird immer professioneller. Wir finden keine Biografien mehr, dass manche Sportler Fußball und Eishockey gleichzeitig spielen.“ Genau diese Entwicklung führte zum zweiten Erfolg der sowjetischen Auswahl. EM-Finale, 25. Juni 1988 in München. Die UdSSR spielt gegen die Niederlande. Aber aus schier unmöglichem Winkel jagt Hollands Stürmerstar Marco van Basten den Ball volley über den sowjetischen Torwart Rinat Dassajew. Das 2:0 besiegelte die Niederlage – aber die Sbornaja wird so Vize-Europameister. Es sollte der zweite große – aber damit auch letzte – Coup für den sowjetischen Fußball sein.

    Kapitän der sowjetischen Elf Torwart Rinat Dassajew
    © Sputnik / Igor Utkin
    Kapitän der sowjetischen Elf Torwart Rinat Dassajew

    Bald leiten Perestroika und Glasnost das Ende des Sozialismus in Russland ein – und damit wandelt sich auch der russische Fußball. „Das zuvor noch begrenzte, abgeschlossene System mit wenig Transfers öffnet sich. Die ersten russischen Spieler werden ins kapitalistische Ausland verkauft“, so der Fußball-Experte Brandt. Keeper Dassajew gehört dazu. „Er ist längst zum würdigen Nachfolger von Jaschin geworden und wird sogar zum Welttorhüter ausgezeichnet. Deshalb wird er als einer der ersten sowjetischen Spieler für zwei Millionen US-Dollar nach Sevilla verkauft.“

    Neuzeit: EM-Halbfinale 2008, ZSKA gewinnt UEFA-Cup – und erste Heim-WM

    „Fußball ist immer ein Abbild der Gesellschaft“, kommentierte Museumsdirektor Morré, der davon überzeugt ist, dass Russland mindestens bis ins Viertelfinale kommt.

    „Die Ausstellung reicht bis in die Neuzeit, wo man eben sieht: Russische Fußballspieler sind auf dem Transfermarkt. Beeindruckend ist eben die verzögerte Teilnahme am kapitalistischen Spielbetrieb. Das öffnet sich tatsächlich erst mit der Perestroika.“ In der Regel biete sein Museum meist Ausstellungen zu militär-historischen Themen. „Insofern locke ich über das aktuelle Thema Fußball auch Menschen ins Haus, die sich sonst vielleicht nicht so für unsere anderen Themen interessieren.“

    Während sich der russische Fußball in den 1990er Jahre noch – wie das gesamte Land – in einer Findungsphase befand, sollte er sich in den Jahren nach 2000 wieder eindrucksvoll zurückmelden. ZSKA Moskau gewinnt den UEFA-Cup 2005 – der erste Erfolg für einen russischen Club überhaupt auf internationaler Bühne. 2008 erfolgte dann der sensationelle Halbfinal-Einzug der „Sbornaja“ bei der EM in der Schweiz und Österreich – und das bittere Aus gegen den späteren Europameister Spanien. „In diese Zeit fällt auch die WM-Vergabe nach Russland“, bemerkte Fußball-Experte und Herausgeber Brandt. Historische Gründe für ein gutes Abschneiden der russischen Nationalmannschaft bei dem bevorstehenden Turnier gebe es genug.

    Die Ausstellung ist im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst noch bis zum fünften August zu sehen – und damit auch während der WM, die am 14. Juni in Russland beginnen wird. Im Museum kann auch das dazugehörige Buch „Russkij Futbol“ (Verlag Die Werkstatt, 16,90 Euro) käuflich erworben werden.

    Die Radio-Reportage zu „Russkij Futbol“ zum Nachhören:

    Das Interview mit Dr. Jörg Morré, Direktor des Deutsch-Russischen Museums, zum Nachhören:

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    Ausstellung, Fußball-WM, ZSKA Moskau, Spartak, Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst, UEFA, FIFA, Lew Jaschin, Berlin-Karlshorst, Sowjetunion, UdSSR, Moskau, Russland