12:57 19 Juni 2018
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    Bundesteam beim Training vor dem WM-Start in Russland

    Was hat Bundestrainer Jogi Löw mit Kanzlerin Angela Merkel gemeinsam?

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    Sport
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    Alexander Boos
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    Die Fußball-WM in Russland kann helfen, das Bild des Gastgebers in der deutschen Öffentlichkeit positiv zu verändern. Das sagt Philipp Köster, einer der prominentesten Fußball-Experten des Landes. Für den Chefredakteur des Fußball-Magazins „11 Freunde“ hat das Sport-Turnier politische Bedeutung und Prestige. Er nennt auch Probleme der DFB-Elf.

    „Es gibt nichts, wo der Deutsche so in Wallung kommt, wie bei der Nationalelf“, sagte Philip Köster zu Beginn der Pressekonferenz vor internationalen Pressevertretern im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin am Dienstag. Mit diesen Worten beschrieb er den deutschen Nationalsport.

    DFB-Training in Moskau
    © Sputnik . Alexej Filippow
    Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gehört für den Herausgeber und Chefredakteur des Fußball-Fachmagazins „11 Freunde“ zum absoluten Top-Favoriten-Kreis auf den WM-Titel – trotz aktueller Querelen. Es sei klar, „dass die Mannschaft rein von der Besetzung her zu den zwei, drei Top-Favoriten gehört. Meiner Meinung nach neben Spanien und Brasilien.“ Dann gab es einen Einwurf eines französischen Journalisten. „Ah, Frankreich!“, entfuhr es dem Sport-Experten. „Ganz vergessen. Stimmt.“ Die internationalen Medienvertreter lachten daraufhin.

    „Erdogan-Özil-Eklat“: Probleme für die DFB-Elf

    Dennoch könnten aktuelle Diskussionen und Querelen die Titelchancen der deutschen Elf bei dem Turnier in Russland minimieren. So nannte Köster den „Erdogan-Eklat“ um das gemeinsame Foto mit den türkisch-stämmigen Nationalspielern Ilkay Gündogan und Mesut Özil als mögliches sportliches Hindernis für den amtierenden Weltmeister. In diesem Fall habe der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ein äußerst schlechtes Medien-Management gezeigt.

    Nun habe Bundestrainer Jogi Löw „eine Diskussion um Özil und Gündogan, die er auch nicht beherrscht bekommt und die vom DFB auch schlecht gehandhabt worden ist. Das muss man so sagen. Wenn man (DFB-Manager, Anm. d. Red.) Oliver Bierhoff da vor dem Mikrofon gesehen hat, wie er da reinzetert und sagt: ‚Jetzt muss mal Schluss sein!‘“ So funktioniere die heutige Medienlogik einfach nicht mehr.

    „Politik der ruhigen Hand“: Löw und Merkel

    „Neben Bundeskanzler und Bundespräsident ist der Bundestrainer das höchste deutsche Staatsamt“, meinte der Fußball-Journalist süffisant. „Joachim Löw ist da schon relativ nah bei der Kanzlerin, was seine Politik angeht. Es ist eine Politik der ruhigen Hand, eine der Beständigkeit. So jemand wie Manuel Neuer, der acht Monate kein einziges Spiel gemacht hat, ist trotzdem wieder dabei, auch weil er eben Weltmeister ist. Weil er ein so guter Torwart ist – und weil er Löw und seinen Kollegen treu zur Seite gestanden hat.“ Deshalb sei er wieder die Nummer Eins im deutschen Tor.

    „11 Freunde“-Chefredakteur Philipp Köster (rechts) sprach vor internationalen Medienvertretern im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin über die Fußball-WM
    © Sputnik / Alexander Boos
    „11 Freunde“-Chefredakteur Philipp Köster (rechts) sprach vor internationalen Medienvertretern im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin über die Fußball-WM

    Es gebe die nicht zu unterschätzende Theorie, nach der Deutschland immer dann WM-Titel gewinnt, wenn sich parallel auch die Bundesrepublik in wirtschaftlichen und politischen Aufbruch- und Umbruchphasen befindet. So konnte sich Sepp Herbergers Elf den ersten deutschen WM-Titel 1954 sichern. Der Triumph fiel in die Zeit des sogenannten „deutschen Wirtschaftswunders“. 1974 gewann die Mannschaft die Trophäe „in der Amtszeit Willy Brandts und seiner Politik der Öffnung“. Und 1990 – im „Jahr der deutschen Einheit“ – gewann die DFB-Elf ihren dritten WM-Titel. Auch die letzte gewonnene Weltmeisterschaft fiel 2014 in politisch turbulente Zeiten.

    Sportliche Chancen des Gastgebers: „Bei Viertelfinale viel erreicht“

    Der Fußball-Insider äußerte sich zum Team des Gastgebers. „Wir haben neulich mit (dem Cheftrainer der russischen Elf, Anm. d. Red.) Tschertschessow gesprochen, der der Meinung war, dass man schon sehr, sehr froh sein kann, wenn man die Vorrunde übersteht.“ Damit beantwortete Köster eine Frage von Sputnik auf der Pressekonferenz zur sportlichen Leistungsfähigkeit der „Sbornaja“. Die russische Mannschaft „habe große Angst vor Ägypten. Ich glaube, das Eröffnungsspiel werden sie aber ganz gut hinbekommen. So stark sind die Saudis nicht.“ Die Erwartungen seien jedoch gedämpft.

    Doch es könne gut sein, dass die „Stimmung in den Stadien und der Turniergedanke die Mannschaft beflügeln“ werden. Personell sei der russische Kader allerdings „nicht so stark“. Wenn Russland „das Achtel- oder Viertelfinale erreicht, dann ist schon viel erreicht.“

    WM kann „Image-Gewinn“ für Russland sein

    Überzeugt zeigte sich der Fußball-Kenner, „dass das Turnier geeignet ist, den Leuten ein anderes Bild von Russland zu vermitteln. Die Leute haben Klischeebilder: Das sind die Russenmützen, das ist Putin, das ist der Rote Platz, das ist der Kreml – und man sieht inzwischen immer die neuen WM-Stadien.“ Doch die wenigsten Deutschen wüssten, „wie es tatsächlich in Moskau, Sankt Petersburg oder Sotschi aussieht und was es da an zivilem Leben gibt.“

    Die Weltmeisterschaft könne eventuell helfen, das Bild der Russischen Föderation und auch den deutschen sowie globalen Blick auf das eurasische Land zu verbessern. So stelle Deutschland auch die mit Abstand meisten Fans. „Es gibt kein Land, in dem mehr Tickets für das Turnier verkauft worden sind“, meinte Köster zur Möglichkeit, die Fußball-WM auch zur Völkerverständigung zu nutzen.

    Zum Schluss der Pressekonferenz wünschte er allen internationalen Medienvertretern „eine gute WM“. Mal sehen, wie weit die russische und die deutsche Elf bei dem Turnier kommen werden. Kann die „Sbornaja“ vielleicht doch trotz aller Unkenrufe für eine fußballerische Überraschung sorgen?

    Die Radio-Reportage zur Pressekonferenz mit Philipp Köster („11 Freunde“) zum Nachhören:

    Tags:
    Nationalelf, Fußball-WM 2018, Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland, Fußball-WM, 11 Freunde, Deutscher Fußball-Bund (DFB), Philipp Köster, Angela Merkel, Joachim Löw, Recep Tayyip Erdogan, Wladimir Putin, Brasilien, Spanien, Saudi-Arabien, St. Petersburg, Sotschi, Russland, Deutschland
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