07:56 17 Dezember 2018
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    Fan-Fest in Moskau

    Tausche Torwart gegen Thekenmann!

    © Sputnik / M. Witte
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    Matthias Witte
    Die Welt zu Gast in Russland: Fußball-WM außerhalb der Stadien erleben mit Sputnik (16)
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    Mexiko hatte eigentlich schon vor dem Anpfiff gewonnen. Unser Reporter erlebt die Niederlage der Nationalmannschaft auf dem Fan-Fest an der Moskauer Universität und ist trotzdem begeistert. Bis auf eine Kleinigkeit ...

    Womit fängt man nach so einem Tag an? Deutschland hat ein Weltmeisterschaftsspiel verloren. Unter normalen Umständen würde mich das richtig ärgern und mit Löw, den Spielern, dem Fußballgott oder Erdogan hadern lassen.

    Doch nichts von alledem. Ich bin weder trotzig noch sarkastisch. Zum einen, weil der Sieg der Mexikaner völlig verdient war. Oder andersherum: Die Nationalmannschaft kann niemandem einen Vorwurf machen, nicht dem Schiedsrichter, nicht dem Rasen, nicht dem Ball – nur sich selbst. Zum anderen, weil ich die Stunden vor dem Spiel wie im Rausch erlebt habe.

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    Mit der Metro mache ich mich auf den Weg. Schon beim ersten Halt steigen 20 bis 30 Mexikaner in mein Abteil ein und fangen an zu singen. Über ihr Land, über die Hoffnung und über die Sehnsucht nach irgendetwas. Von Station zu Station werden es mehr. Sie sind bunt geschminkt, tragen Sombreros, Masken und haben ganz offensichtlich jede Menge Spaß.

    Inzwischen sind auch deutsche Fans zugestiegen. Gesanglich versuchen sie gegenzuhalten. Doch ihr „Deutschland, Deutschland“ klingt gegen die Operngesänge der Lateinamerikaner wie klägliches Gegröle. Fast schäme ich mich wegen der schlichten Erscheinung unserer Anhänger angesichts der mexikanischen Kreativität.

    Wurde das Spiel schon hier entschieden? Ich weiß es nicht. Aber wenn der Bundestrainer nach der Niederlage seine Taktik umstellen muss, dann vielleicht auch die DFB-Fans. Es muss doch mehr geben als weiße Deutschlandtrikots, Schals und hier und da ein paar selbstgemalte schwarz-rot-goldene Fähnchen auf den Wangen. Kommt, Leute: Da geht noch was.

    Was dagegen nicht geht, sind die Schwarzmarktpreise für das Stadion. 1000 Euro pro Ticket? Spasibo – wir schauen woanders. Wir, dass sind meine Moskauer Kollegin Sascha und ich. Wir machen uns auf den Weg zum Fan-Fest. Das hat die Fifa auf dem Campus der Lomonossow-Universität errichtet. Und das ist gut so. Denn die Szenerie ist atemberaubend. Auf fünf riesigen Leinwänden wird das Spiel übertragen. Im Hintergrund ragt der prächtige Turm der Universität in den Himmel. „Das ist meine Uni, hier habe ich studiert“, sagt Sascha mit dezentem Stolz.

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    Hinter uns ist eine Art Balkon mit großartigem Blick auf die Moskauer Innenstadt. Wenn das Spiel nicht wäre, könnte ich mich hier an die Balustrade stellen und stundenlang staunen. Mache ich aber nicht. Stattdessen verfolge ich mit Zehntausenden Menschen das Spiel. Auch hier sind die Mexikaner deutlich in der Überzahl. Ich frage mich ernsthaft, ob da überhaupt noch jemand zu Hause nach dem Rechten schaut. Apropos: Der gefühlt zehnte Konter der Mittelamerikaner führt schließlich zum Erfolg, Lozano schießt das 1:0, die Menge explodiert. Mann o Mann!

    Sascha und ich haben Durst. Wir stellen uns an einer sehr langen Schlangen vor einem der Getränke-Häuschen an. Es dauert. Schließlich kommen wir in Sichtweite des Mannes hinter der Theke. Ja, Singular. An der Bude nebenan wirbeln zwei Frauen und ein Mann, bei uns steht nur ein schmächtiger Kerl. Mit einem Arbeitstempo nahe an der Provokation holt er Getränke aus den Kühlschränken hinter sich, kassiert und lässt es sich nicht nehmen, jede einzelne Flasche selbst aufzudrehen. Trotzdem geht es voran.

    Plötzlich ein lautes Raunen: Chance für Deutschland! Wir schauen auf die Leinwand. Vergeben! Wir drehen uns um. Der Typ ist verschwunden. Und zwar spurlos. Eben noch haben wir gehofft, das mexikanische Torwart-Ass Ochoa mit seinen mindestens acht Armen hätte mit unserem Thekenmann die Plätze getauscht. Jetzt wünschen wir uns den Slow-Motion-Mann zurück. Aber er kommt nicht.

    Tumulte, hinter uns wird ein großer Mann im Marokko-Trikot ungeduldig, ebenso das russische Pärchen vor uns. Jemand wendet sich mit Verve an das Personal der Nachbartheke, die Frau keift auf gleiche Weise zurück. Als man das Entern der Kühlschränke befürchten muss, ist unser Thekenmann wieder da. Aus dem Nichts.

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    Aus dem Nichts fällt beim Fußball manchmal ein Tor. Heute aber nicht. Immerhin haben wir jetzt zu trinken. Dann Abpfiff! Die Sensation ist perfekt. Die deutschen Fans sind traurig. Aber ich kenne kein Mitleid. Denn ich will wissen, wem der deutsche Anhang die Verantwortung für die Niederlage gibt.

    Die ersten, die ich auf Deutsch anspreche, winken ab. Sorry, wir sind Russen und sprechen leider kein Deutsch. Bei den nächsten das Gleiche. Von zehn Menschen in Deutschland-Trikots sind etwa die Hälfte Russen. Ich bin überrascht. Antworten bekomme ich aber trotzdem.

    „Deutschland hat zu langsam gespielt, zu offensiv, aber das wird noch.“ Am besten fasst es eine junge Frau aus Köln zusammen: „Ich denke, dass die Deutschen einfach verwöhnt sind. Sie haben pomadig gespielt. Mexiko hat dagegen voller Leidenschaft gespielt und verdient gewonnen.“

    Wir machen uns auf zum Ausgang. Die Gesänge der Mexikaner werden von der lauten Boom-Boom-Musik aus den Lautsprechern überdröhnt. Fifa, muss das sein?

    Feierabend. Ich stehe am Eingang des Fanfestes und schaue auf die Stadt. Die Sonne geht langsam unter. Hinter mir machen sich feiernde Mexikaner und stille Deutschland-Fans auf den Weg in die Stadt. Das letzte Spiel des Tages kündigt sich an. Ich höre vereinzelte „Brazil“-Rufe. Neben mir spielt eine kleine Kapelle. Zu Trommeln und Trompeten tanzt ein Mann und wedelt mit einer Algerien-Fahne. Plötzlich ist er von Mexikanern umringt, und dann tanzen alle zusammen. Ich komme mir vor wie ein Kind, das denkt, alles auf der Welt passiert nur ihm allein. Wenn Deutschland auch noch gewonnen hätte… Das wäre des Guten wahrscheinlich zu viel.

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    Fest, Fans, Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland, Mexiko, Russland, Deutschland