17:53 17 Juli 2018
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    Russischer Nationalspieler Roman Neustädter (Archiv)

    „Russland Weltmeister? Mal sehen …“ – Russischer Nationalspieler Neustädter EXKLUSIV

    © Sputnik / Alexej Filippow
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    Alexander Boos
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    Bei der Fußball-WM hat Gastgeber Russland nach dem 3:1-Sieg gegen Ägypten das Achtelfinale so gut wie sicher. Top-Favoriten wie Deutschland, Brasilien oder Argentinien straucheln. Woran das liegen könnte und was die Gründe für den Erfolg der „Sbornaja“ sind, darüber sprach Sputnik exklusiv mit dem russischen Nationalspieler Roman Neustädter.

    Das Ägypten-Spiel habe Russland sehr gut bewältigt. „Ich bin total begeistert vom Auftreten der Jungs: Sie haben verdient gewonnen“, sagte Roman Neustädter, russischer Nationalspieler im defensiven Mittelfeld, gegenüber Sputnik. Sein Team habe „phasenweise richtig guten Fußball gespielt. Das hat schon sehr souverän gewirkt. Mich überrascht das nicht: Ich habe immer gesagt, dass wir eine gute Mannschaft haben.“ Das hatte der russlanddeutsche Fußballspieler schon Monate vor der WM immer wieder betont. So auch in einem früheren Sputnik-Interview.

    Am Dienstagabend besiegte Gastgeber Russland in Gruppe A seinen zweiten Vorrunden-Gegner Ägypten mit 3:1. Es begann mit einem Eigentor von Ahmed Fathi in der 47. Minute. Danach schossen Denis Tscheryschew (59., beim spanischen Erstligisten FC Villareal unter Vertrag) und Artem Dzyuba (62., Zenit Sankt Petersburg) die russischen Tore. Der Sieg bedeutet für die „Sbornaja“ schon fast das sichere Achtelfinale. Sechs Punkte in einer Gruppe reichen in der Fußball-Arithmetik normalerweise für ein Weiterkommen bei einer WM.

    „Das sind die Stärken des russischen Teams“

    „Unsere Stärke ist das Team, weil wir keinen Star-Spieler haben“, bemerkte der 1988 in der Ukrainischen Sowjetrepublik geborene Fußballer, der seit Juni 2016 russischer Nationalspieler ist. Es sei jedoch schwer vorherzusagen, wie weit die Mannschaft beim Heim-Turnier kommen kann. „Es sind erst zwei Spiele gespielt. Man sieht, dass die anderen Nationen noch ein bisschen ins Turnier reinfinden müssen. Die Russen sind sehr gut gestartet. Aber wichtig wird jetzt sein, auch ein gutes Ergebnis gegen Uruguay zu holen. Damit man weiter auf der Erfolgswelle bleibt.“

    Roman Neustädter, Spieler der russischen Fußball-Nationalmannschaft
    Roman Neustädter, Spieler der russischen Fußball-Nationalmannschaft

    Sein russisches National-Team solle jetzt weiter fokussiert bleiben, riet er. Die ersten Siege setzten „Kräfte frei. Man gewinnt Selbstvertrauen. Dann klappen die Dinge auch, die man sich vornimmt. Wichtig wird sein, dass man einfach sein Spiel weiter durchzieht. Dann wird man sehen, wie weit man kommt.“

    Russland: Angstgegner für die Top-Favoriten?

    Während Russland bisher in seinen zwei Spielen überzeugen konnte, blieben Top-Favoriten wie Titelverteidiger Deutschland, Rekord-Weltmeister Brasilien oder die Fußball-Nationen England, Frankreich und Argentinien weit hinter den Erwartungen zurück. Die Gründe dafür konnte Neustädter zwar auch nicht benennen. „Aber es ist nach einer langen Saison für jeden Spieler schwierig, da noch mal Kräfte zu sammeln.“ Außerdem sei es „immer wichtig, mit einem Sieg zu Beginn zu starten.“ Falls der ausbleibe, müssten die Favoriten sich eben mit jedem Spiel ins Turnier reinarbeiten. Das könne aber durchaus noch passieren.

    „Ich denke auch, dass sich alle anderen Nationen die Spiele von Russland anschauen und denken: ‚Oh wow! Da ist wirklich eine richtig gute Mannschaft am Start.‘ Die jetzt auch eingespielt ist. Jetzt wird man sehen, wie sich die anderen Nationen unter Druck beweisen.“ Russland könnte so zu einem Geheim-Tipp für die WM werden.

    WM-Tipps: Wer kommt wie weit?

    „Senegal ist eine gute Mannschaft, die darf man nicht unterschätzen“, gab der russische Nationalspieler einen weiteren Tipp ab. „Belgien ist für mich sehr gut ins Turnier gestartet. Mir gefällt Kroatien sehr. Wenn es einer von denen schaffen würde, weit zu kommen, wäre es sehr erfreulich.“ Mit Blick auf Island meinte er, er würde es gut finden, wenn „nicht immer nur Favoriten wie Brasilien, Argentinien, Frankreich oder Spanien“ im Finale stehen.

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    „Es würde mich freuen, wenn mal jemand anders Weltmeister wird.“ Vielleicht könne sogar „sein“ Russland Weltmeister werden. „Man weiß nie: Wenn man die Euphorie-Welle einmal weckt, kann sie einen sehr weit tragen.“

    „Russland wird positiv gesehen:“ Bedeutung der WM über den Sport hinaus

    „Das Turnier wurde im Vorfeld kritisch gesehen. Bisher habe ich jedoch nur positives Feedback mitbekommen“, so Neustädter. „Man hat nach den ganzen negativen Presseberichten und der negativen Darstellung Russlands das Ganze komplett umgedreht. Man hat die ganze Euphorie mitgenommen. Meine Freunde, die dort sind, sagen: ‚Wir sind begeistert.‘ Jetzt geht’s da richtig ab. Das ist das erste Ziel, was die Jungs geschafft haben: Das ganze Land hinter sich zu bringen.“

    Positive Auswirkungen für das Land durch die WM seien vielerorts sichtbar. „Alle sind begeistert von der Weltmeisterschaft. Von der Infrastruktur bis zu den Fans und der Atmosphäre.“ Die russischen Bürger „helfen jedem einzelnen Menschen, auch wenn sie nur wenige Worte Englisch können. Sie sind sehr hilfsbereit und nehmen die internationalen Fans super auf. Ich denke, Fußball ist dazu da, um Menschen zusammenzubringen. Ich glaube, dass die WM ein gutes Licht auf Russland wirft. Weil das Land zuvor oft negativ dargestellt wurde. Im Moment verläuft alles sehr angenehm und positiv. Es ist auf jeden Fall ein cooles Ereignis.“

    „Darum bin ich nicht im WM-Kader“

    Neustädter gehörte noch zum vorläufigen russischen WM-Aufgebot, wurde dann aber letztlich nicht von Russlands Chef-Trainer Stanislaw Tschertschessow nominiert. „Der Trainer hat so entschieden“, verriet der frühere Bundesliga-Spieler, der aktuell in der Türkei für Fenerbahçe Istanbul aufläuft. „Am 3. Juni hat er mich in sein Zimmer gerufen und mir erklärt, wieso ich nicht dabei bin. Er hat mir ein paar Gründe genannt, die bleiben zwischen Trainer und mir.“ Der ex-Schalker sei danach „natürlich mega-enttäuscht“ gewesen. Die Entscheidung kam für ihn überraschend.

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    „Ein Traum ist zerstört worden. Ich war natürlich down. Für mich war das unverständlich. Weil ich denke, ich habe eine gute Saison gespielt. War top-fit und habe auch gut trainiert im Trainingslager in der Vorbereitung. Ich war echt geschockt. Aber der Trainer hat so entschieden. Ich habe es akzeptiert, habe ihm alles Gute zur WM gewünscht, mich von den Jungs verabschiedet und bin nach Hause gefahren. Aber ich sehe, dass das, was wir trainiert haben, jetzt fruchtet.“

    Das komplette Interview mit dem russischen Fußball-Nationalspieler Roman Neustädter:

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    Tags:
    Fußballfans, Nationalmannschaft, Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland, Roman Neustädter, Ägypten, Argentinien, Deutschland, Spanien, Russland
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