07:50 22 September 2018
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    ein Mann aus Argentinien in Moskau

    Der 80.000-Kilometer-Mann und die Pappkameraden

    © Sputnik / M. Witte
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    Matthias Witte
    Die Welt zu Gast in Russland: Fußball-WM außerhalb der Stadien erleben mit Sputnik (16)
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    Magische Orte haben etwas Unheimliches. Sie ziehen einen unmerklich an und – plötzlich ist man da. Für unseren Reporter ist die Nikolskaja am Roten Platz ein solcher Ort.

    Ohne festes Ziel mache ich mich zu Fuß auf den Weg. Ich schlendere am Ufer der Moskwa entlang und denke natürlich an die Scorpions. Den „Wind of change“ nimmt mir eine Radfahrerin aus den Segeln, die mit einem Affenzahn Zentimeter an mir vorbeisaust. Ausflugsboote und kleine Dampfer schippern auf dem Fluss. Zu meiner Linken eine prächtige Kirche mit Zwiebeltürmen.

    Ein paar Minuten später erreiche ich den Kreml. Im Park davor mache ich eine kurze Pause. Wenig später möchte ich eigentlich auf den Roten Platz. Aber die Schlange am Einlass ist mir zu lang. So gehe ich weiter, biege einmal ab und stehe plötzlich wieder auf der Nikolskaja. Diese Straße hatte ich in einem vorigen Beitrag schon beschrieben. Hier treffen sich die Fußballfans aus aller Welt und feiern ein Straßenfest.

    Heute ist es nicht ganz so laut. Kein Salsa, kein lateinamerikanischer Gesangswettbewerb. Vor mir hat sich ein großer Pulk gebildet. In dessen Mitte steht ein kleiner, schmächtiger Mann neben einem picke-packe vollgepackten Fahrrad. Matyas heißt er, wie ich wenig später erfahre. Er kommt aus San Juan in Argentinien. Das Schild vor seiner Brust sagt, dass er in den vergangenen fünf Jahren 37 Länder besucht und dabei 80.000 Kilometer zurückgelegt hat. Mit dem Rad. An seinem Schild hat er eine Puppe befestigt: Das „Tier“ aus der Muppetshow. Passt.

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    Matyas ist von der Reise sichtlich gezeichnet. Lange Haare und ein schwarzer Bart umrahmen das schmale Gesicht. Ich frage ihn nach dem Grund für seinen Trip. Aber Matyas versteht kein Englisch. Egal. Der Radler genießt die Aufmerksamkeit und lässt sich mit jedem, der möchte, fotografieren. Ich gehe weiter und denke: Matyas, guter Name…

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    Wenig später sehe ich ein weiteres heiß begehrtes Fotomotiv. Vier junge Marokkaner in Fußballtrikots. Das Auffälligste sind ihre Pappmasken, die alle dasselbe Konterfei eines weiteren jungen Mannes haben. „Das ist unser Freund Said“, erklärt mir einer der Männer. „Er wäre sehr gern mit uns zur Weltmeisterschaft gefahren. Aber er hat vor ein paar Wochen geheiratet, und seine Frau wollte ihn um keinen Preis mitfahren lassen. Darum haben wir die Masken gemacht. So ist er trotzdem bei uns.“

    Kurz darauf haben der junge Mann und zwei seiner Freunde zwei russische Fans im Arm. Der vierte macht Fotos. Die Marokkaner sind sehr begehrt. Die Chancen, dass ihr Kumpel Said nach der Weltmeisterschaft eine bekannte Persönlichkeit ist, stehen nicht schlecht.

    Ich schlendere weiter. Vorbei an den Schlangen vor den zum Bersten vollen Bars. Ein Isländer erklärt mexikanischen Fans, wie das „Huh“, der Anfeuerungsruf der Nordmänner, funktioniert. Ein paar Meter weiter spielt eine russische Kapelle. Eine Sängerin, zwei Männer an den Instrumenten. Plötzlich kommt ein Australier dazu. Er schnappt sich die Frau und tanzt. Die zwei haben Riesenspaß, tanzen aber mit Würde. Keiner macht sich über den anderen lustig.

    Plötzlich tippt mir jemand auf die Schulter. Ich drehe mich um. Ein Russe steht vor mir – mit meinem Mikrofon in der Hand. Das ist mir in all dem Trubel offenbar aus der Tasche gefallen. Überrascht und erleichtert bedanke ich mich. Am Abend komme ich wieder, noch etwas Glück tanken.

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    Touristen, Fußballfans, Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland, Argentinien, Marokko, Moskau, Russland