00:38 21 Oktober 2018
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    Deutsche Fans bei dem WM-Spiel ihrer Nationalmannschaft in Sotschi

    Babuschkas retten vor Betrunkenen: Russlanderlebnis eines deutschen Fanbetreuers

    © REUTERS / Francois Lenoir
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    Philipp Laiko
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    Am Samstag hat die Deutsche Nationalelf in allerletzter Minute gegen Schweden gesiegt. Auf einem Strand in Sotschi unweit des Stadions sprach Sputnik mit Tom Roeder, dem Beauftragten für den „Fan Club Nationalmannschaft“ und DFB-Fanbetreuer über deutsche Fans in Russland, das russische Fußball-Fieber und weitere Besonderheiten des WM-Gastgebers.

    Herr Röder, gab es vielleicht etwas, was Sie außer Sport und Ehrenamt hierhergebracht hat, vielleicht irgendwelche Connections oder einfach nur der Wunsch, Russland zu sehen?

    Ja, genau. Ich war schon zwei, drei Mal in Moskau zum Beispiel. Aber der Rest Russlands ist schon mehr als Moskau — ein ziemlich großes Land. Der Reiz ist natürlich auch, abseits von der russischen Hauptstadt die Menschen kennenzulernen: in Sotschi, in Kasan, vielleicht in Sankt Petersburg, vielleicht in Samara, je nachdem, wohin es uns dann verschlägt. Und natürlich: Die Leute, mit denen man dann unterwegs ist, sind halt gute Freunde, mit denen das ganze natürlich dann zusammen zu erleben.

    Was können Sie von den Menschen sagen? Vom Äußeren, vom Inneren?

    Man merkt, dass die Russen an sich schon sehr regeltreu sind. Es gibt sehr viele Regeln, sehr viele kleine Regeln auch, die man oftmals gar nicht nachvollziehen kann. Und man hat den Eindruck, dass die Russen auch ganz gut damit leben. Wobei man, wenn man zum Beispiel im Straßenverkehr schaut, auch oftmals feststellt, dass die Russen sehr gern zumindest diese Regeln übertreten.

    Aber letztlich habe ich festgestellt: Anfangs waren die Leute skeptisch, da es natürlich auch vielleicht etwas Neues für sie ist, dass so viele Ausländer in das Land kommen. Im Laufe der Zeit merkt man jedoch, dass die Einheimischen lockerer werden, dass sie auch mal lächeln, was am Anfang nicht der Fall war. Selbst Autoritäten in Uniform, das lockert sich ein bisschen mehr auf. Ich kenne sie eigentlich nur böse schauend, aber selbst an der Grenze wurden wir lächelnd empfangen, was schon eher außergewöhnlich war. Es fällt auf.

    Allerdings muss man auch sagen, dass eine richtige WM-Stimmung, wie man sie vielleicht in anderen Ländern erlebt hat, hier gar nicht aufkommt. Ich glaube, für viele ist es schön, wenn Russland gewinnt, wenn Russland spielt, dann identifizieren sie sich auch mit dem Team, aber außerhalb der Spiele ist das Interesse an der WM nicht so groß, habe ich den Eindruck.

    Kann Fußball und überhaupt Sport friedenbringend sein? Seit ein paar Tagen kann man merken, dass das Thema medial jetzt doch lockerer genommen wird, man schreibt mehr über die guten Eindrücke, statt über die angeblichen politischen Aspekte dieses Sport-Events. Zuvor waren mehrere Berichte erschienen, die darauf hindeuteten, dass der deutsche Fußballfan den Wehretat von Herrn Putin unterstütze.

    Grundsätzlich denke ich, dass die Fifa an sich, die Politik drumherum und die Verantwortlichen der jeweiligen Staaten den Fußball immer mehr vereinnahmen. Das ist, denke ich, ein ganz großes Problem, wo sich dann auch die Fans und die Menschen vom Fußball wegentwickeln. Ich bin aber der Meinung,  dass zwischen den Menschen, die das Land besuchen und den Menschen, die dort leben, tatsächlich so ein gewisses Verständnis entwickelt werden kann. Im Endeffekt kann man auf die Menschen zugehen, andere Eindrücke gewinnen und vielleicht dann auch von manchen Meinungen abrücken.

    Deutsche Fußballfans in Sotschi. Tom Roeder steht im grünen T-Shirt
    © Sputnik / P. Laiko
    Deutsche Fußballfans in Sotschi. Tom Roeder steht im grünen T-Shirt

     

    Letztlich steht fest, dass man die Politik durch sein Erscheinen nicht ändern kann. Das müssen die Politiker machen. Und so schwierig das Ganze auch sein mag: Wir als Fußballfans kommen in erster Linie wegen dem Fußball und wegen der Menschen drumherum. Und ich glaube, Russland hat so viel Geld ausgegeben für die Weltmeisterschaft – das wird sich niemals decken. Von daher macht die Aussage mit dem Wehretat keinen Sinn.

    Vor der WM wurde in manchen Medien Angst geschürt. Haben Sie und ihre Fans Aggression seitens der Einheimischen empfunden? Hat jemand bisher versucht, euch zu betrügen?

    Aggressive Momente hatten wir in dem Sinne noch keine. Es ist tatsächlich so, dass wir mit den Einheimischen – jetzt sind es die Schweden – tatsächlich auch hier und da mal einen Wodka trinken oder feiern und auch zusammen Spaß haben können. Aber es gab jetzt tatsächlich keine fußballbezogenen Fälle, die in irgendeiner Form aggressiv waren.

    Daher denke ich schon, wenn wir große Angst gehabt hätten hierherzureisen, dann hätten wir das vermutlich nicht gemacht. Die Erfahrung aus der Vergangenheit heraus zeigt, wenn man erst mal da ist und wenn man sich mit den Leuten beschäftigt, dass man dann eigentlich auch jedem Problem so ein bisschen aus dem Weg gehen kann.

    Fan-Fest in Moskau
    © Sputnik / M. Witte

    Die andere Seite ist natürlich, klar, das Geldverdienen. Das merkt man, ich sage das jetzt mal an einem Beispiel, an den Taxifahrern, die wirklich teilweise das Zehnfache des Preises nehmen, der eigentlich für ein normales Taxi bezahlt werden müsste. Da muss man tatsächlich verhandeln und dann auch irgendwann mal sagen: Nein, das mache ich einfach nicht mit. Aber das ist teilweise anstrengend, gerade wenn man irgendwo neu an einem Bahnhof oder Flughafen ankommt, sich dem zu erwehren.

    Nichtsdestotrotz, darüber hinaus ist es natürlich nachvollziehbar, dass man für vier, fünf Wochen vielleicht etwas von dem großen Kuchen abhaben möchte, weil, und das ist dann auch wieder eine Frage an die Politik, tatsächlich bei den Menschen von so einer WM rein finanziell nichts ankommt. Die Kneipen profitieren, keine Frage. Die Hotels profitieren, die Fluggesellschaften profitieren. Aber derjenige, der wirklich da vor Ort lebt und einen ganz normalen Beruf hat, der profitiert davon eigentlich nicht.

    Hat sich während der Reise vielleicht etwas ereignet, woran Sie sich noch lange erinnern werden?

    Grundsätzlich ist es erst mal so, dass die WM an sich gut organisiert ist. Das muss man einfach so festhalten. Und abseits dessen hat man halt die Begegnungen mit den Menschen. Wir hatten tatsächlich schon zwei Fälle, woran man auch merkt, wie stolz die Russen eigentlich sind und wie ungern sie negative Nachrichten haben.

    Als uns in zwei unterschiedlichen Fällen zwei betrunkene, vermutlich obdachlose Russen wirklich relativ aggressiv angegangen sind, haben sich in einem Fall dann wirklich zwei Mütterchen, um die 70 vielleicht, das angeschaut, die dann irgendwann böse wurden, zu einem der Männer hingegangen sind, ihn rechts und links untergehakt haben und mit ihm weggegangen sind. Er ist auch wirklich wie ein kleiner Schuljunge mitgegangen. Und sie haben ihm vermutlich erklärt: Höre mal, das sind Gäste, die behandelt man so nicht. Das ist tatsächlich so eine Geschichte, die ich mir auch aufgeschrieben habe, an die ich mich erinnern werde.

    Das ist wirklich beeindruckend. Babuschkas im Einsatz. Was könnten Sie mir abschließend sagen?

    Grundsätzlich ist es eine Reise wert, nach Russland zu fahren. Man muss immer überlegen, in welchem Kontext man nach Russland fliegt. Wenn man jetzt tatsächlich hinfliegt, um Land und Leute kennenzulernen, dann muss man das machen. Weil Moskau, Sankt Petersburg, Kasan und auch andere Städte eine unglaublich große Geschichte haben, die sich auch anzuschauen lohnt. Selbst wenn man einen Sommerurlaub haben möchte, dann kann man auch nach Sotschi fahren, um an den Strand zu gehen und die Menschen dort kennenzulernen. Letztlich ist es abseits der großen Metropolen auch nicht allzu teuer. Und ich glaube, außerhalb einer WM wird es noch einmal etwas günstiger, dort Urlaub zu machen. Und wenn man sich auf die Leute einlässt und sich mit den Menschen tatsächlich beschäftigt, dann bekommt man auch etwas zurück.

    Das komplette Interview mit Tom Roeder zum Nachhören:

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    Tags:
    Nationalelf, Eindrücke, Fußballfans, Kritik, Fußball-WM, Fußball-WM 2018, Fan-Club, Deutscher Fußball-Bund (DFB), Tom Roeder, Sotschi, Deutschland, Russland