01:28 22 Juli 2018
SNA Radio
    Mesut Özil (i.d.Mitte) während des Trainings deutscher Nationalelf vor dem WM-Spiel in Moskau (Archivbild)

    „Wenn Özil die Nationalhymne nicht singt, heißt es nicht, dass er kein Deutscher ist“

    © Sputnik / Alexej Filippow
    Sport
    Zum Kurzlink
    Matthias Witte
    3716101

    Der russische Nationalspieler Roman Neustädter stärkt Mesut Özil den Rücken. Nach der Erdogan-Affäre und dem WM-Aus steht der deutsche Mittelfeldspieler in der Öffentlichkeit unter Druck. DFB-Manager Oliver Bierhoff und DFB-Präsident Reinhard Grindel haben Özil kritisiert. Neustädter findet deutliche Worte.

    Mit Mesut Özil möchte man derzeit nicht tauschen. Als ob die Erdogan-Affäre und das WM-Aus an sich nicht schon genug wären, steht er wegen beidem in der öffentlichen Kritik.

    Wir erinnern uns: Das Foto der türkisch-stämmigen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit Erdogan entstand vor der Weltmeisterschaft. Gündogan entschuldigte sich, Özil schwieg. Zu diesem Zeitpunkt hatten in der Affäre weder DFB-Manager Oliver Bierhoff noch DFB-Präsident Reinhard Grindel für klare Verhältnisse gesorgt. Das versuchen beide jetzt nachzuholen. Zuletzt forderte Grindel im „kicker“-Interview öffentlich eine Stellungnahme von Özil. Der Spieler selber schweigt immer noch.

    Roman Neustädter tut das nicht. Der 30-Jährige kennt den deutschen Fußball aus dem Effeff. Als Defensivexperte spielte er für Mainz, Möchengladbach und Schalke und ist seit 2016 russischer Nationalspieler: „Klar hat Özil einen Fehler gemacht, und ich denke, dass ihm das bewusst ist und ihm auch leidtut. Aber jetzt alles auf ihn oder Gündogan zu schieben, halte ich für übertrieben. Wenn das Team weitergekommen wäre, hätte keiner darüber geredet.“ Kritiker werfen Özil regelmäßig vor, sich auf dem Platz lustlos zu bewegen. Das kann Neustädter nicht nachvollziehen:

    „Özil ist seit der WM 2010 der Spielmacher der deutschen Nationalmannschaft und hat seine Bewegungen seitdem nicht geändert. 2014 ist Deutschland Weltmeister geworden, und da wurde kein Wort über seine Spielweise oder seine Mentalität geredet, sondern einfach nur über Fußball.“

    Auch zur Kritik, Özil würde die Nationalhymne nicht mitsingen, erwidert Neustädter, der in der heutigen Ukraine geboren wurde und als Kind nach Deutschland kam: „Das haben 2014 auch nicht alle gemacht. Niemand hat etwas gesagt. Und jetzt wird jeder Stein umgedreht.“

    Es gebe inzwischen viele Nationalspieler mit zwei Staatsbürgerschaften. Der russische Außenverteidiger Mario Fernandes beispielsweise hat den russischen und den brasilianischen Pass. Laut Russland-Coach Stanislaw Tschertschessow spricht der 27jährige kein Wort russisch. Was aber keinen Russen davon abhielt, Fernandes‘ Kopfballtor zum 2:2 im Viertelfinale gegen Kroatien zu bejubeln. Neustädter dazu:

    „Bei manchen kommt die Familie aus der Türkei, man lebt aber in Deutschland. Oder meine Familie, die ist aus Russland, lebt aber in Deutschland. Klar ist man dann nicht hundertprozentig deutsch, russisch oder türkisch. Aber wenn Özil die Nationalhymne nicht singt, heißt es nicht, dass er kein Deutscher ist.“

    „Nicht alles topp, topp, topp. Trotzdem hat Deutschland immer noch Weltklasse-Spieler.“

    Bei der WM hat Neustädter weder Özil noch das DFB-Team so schlecht gesehen wie viele andere: „Sie haben ihre Chancen gehabt, sie aber nicht genutzt. Viele Mannschaften haben auf Konter gespielt. Und wenn die dann durch einen Fehlpass in Führung gehen, wird es schwierig. Wenn aber Deutschland das 1:0 macht, sieht das ganz anders aus. Das sind immer noch Weltklasse-Spieler. Ein solches Ausscheiden kann passieren. Es kann nicht immer alles topp, topp, topp sein.“ Aus den Fehlern müssten die Verantwortlichen jetzt ihre Schlüsse ziehen. Aber: „Deutschland gehört immer noch zur Weltspitze.“

    Das komplette Interview mit Roman Neustädter finden Sie hier:

    Zum Thema:

    WM-2018: DFB soll der Mannschaft Internet gesperrt haben – Bild
    ARD nutzt DFB-Debakel zur Anti-Russland-Agitation – Medien
    DFB-Team dankt Russland
    Tags:
    Nationalelf, Fußball-WM, Deutscher Fußball-Bund (DFB), FIFA, Ilkay Gündogan, Stanislaw Tschertschessow, Roman Neustädter, Reinhard Grindel, Recep Tayyip Erdogan, Joachim Löw, Mesut Özil, Oliver Bierhoff, Deutschland, Russland
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren