16:49 20 Juli 2018
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    Mesut Özil (l.) und Angela Merkel im Umkleideraum der deutschen Nationalelf nach dem Heimsieg über die Türkei (Archivbild)

    Wenn ein türkischer Nationalspieler mit Merkel fotografiert worden wäre ...

    © AFP 2018 / Bundesregierung/ Guido Bergmann
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    Matthias Witte
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    Mesut Özil sagt in der Erdogan-Affäre nichts. Dafür reden alle über ihn. DFB-Präsident Reinhard Grindel fordert den Nationalspieler über die Medien auf, sein Schweigen zu brechen. Bülent Bilgi, Vorsitzender des Erdogan-nahen UID-Vereins, findet dieses Verhalten beschämend. Zudem hätte er von den übrigen Nationalspielern mehr Courage erwartet.

    Bilgi hat kein Verständnis für die Diskussion, die die Fotos von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten in Deutschland entfacht haben. Er wirft der DFB-Spitze mangelndes Krisenmanagement vor und fordert DFB-Präsident Reinhard Grindel und Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff zum Rücktritt auf.

    „Man hätte auch sagen können: Das ist eine persönliche Entscheidung von Herrn Özil. Ich muss seine Meinung nicht teilen, aber das ist sein privates Ding. Dabei hätte man es belassen können.“

    Aber Grindel und Bierhoff hätten Angst vor den Mainstream-Medien in Deutschland gehabt und hätten „etwas, das nicht verwerflich ist, als verwerflich dargestellt“, behauptet Bilgi. Angesichts des Mediensturms, der Bierhoff und Grindel wegen ihrer Kritik an Özil entgegenschlägt, wäre dieser Schuss wohl nach hinten losgegangen.

    Nationalspieler ließen Özil allein

    Bilgi sieht im „Fall Özil“ ein Spiegelbild der heutigen deutschen Gesellschaft. Als Andersdenkender sei man nicht mehr salonfähig. „Auf der einen Seite redet man von Demokratie, von Meinungsfreiheit und westlichen Werten. Auf der anderen Seite darf ein Sportler seine eigene Haltung nicht offen darlegen.“

    Sputnik wirft ein, dass genau das die Kritikpunkte der Medien und Politiker an der türkischen Regierung von Präsident Erdogan seien: Fehlende Meinungsfreiheit und fehlende Demokratie. Bilgi antwortet: „Die Beschuldigung, dass Herr Erdogan so jemand ist, teile ich nicht. Aber angenommen, es wäre so: Hätte man dann das Recht, ein Unrecht durch ein anderes Unrecht wegzumachen?“

    In den sozialen Netzwerken gibt es rassistische Bemerkungen gegenüber Özil. In den Stadien gab es Pfiffe gegen den deutschen Spielmacher. Bilgi knöpft sich die übrigen Nationalspieler vor. „Sie haben sich nicht geschlossen hinter Özil gestellt, sondern sie haben sich auch geduckt. Das sind junge Leute, vielleicht kann man ihnen das nachsehen.“

    Dass es anders geht, hätten die Schweden gezeigt. Als deren Spieler Jimmy Dumars rassistisch angegangenen wurde, habe sich die komplette Mannschaft geschlossen hinter den Spieler gestellt – „so, wie es sein sollte.“

    „In der Türkei wäre das nicht mal eine Nachricht gewesen“

    Zum Schluss drehen wir den Spieß um. In der türkischen Nationalmannschaft gibt es einige Spieler, die in Deutschland aufgewachsen sind. Was wäre gewesen, wenn ein Türke sich mit Angela Merkel hätte fotografieren lassen und ihr ein Trikot mit „meine Kanzlerin“ übergeben hätte?

    „Das wäre nicht einmal eine Nachricht wert gewesen – vielleicht eine Randnotiz, das war es. Man hätte das nie so aufgebauscht wie in Deutschland“, behauptet Bilgi. In Deutschland habe sich in der Politik, den Medien und bei Künstlern eine einseitige Meinung etabliert. Wer nicht dieser Meinung sei, werde ausgegrenzt und gehöre bestraft. Özil sei ein Beispiel dafür.

    Am 24. August will Bundestrainer Joachim Löw seine Analyse präsentieren, warum das Team bei der Weltmeisterschaft in Russland schon in der Vorrunde gescheitert ist. Das ist noch viel Zeit, um über Schuldige zu spekulieren, aber auch viel Zeit zum Reden.

    Das komplette Interview mit Bülent Bilgi hören Sie hier:

    Tags:
    Nationalelf, Fotos, Fußball, Skandal, Fußball-WM, Deutscher Fußball-Bund (DFB), Oliver Bierhoff, Reinhard Grindel, Bülent Bilgi, Mesut Özil, Joachim Löw, Recep Tayyip Erdogan, Deutschland
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