21:09 24 September 2018
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    Fußballer Mesut Özil (Archiv)

    „Özil in der National-Elf heißt nicht, dass Türken integriert sind“ – Fan-Forscher

    © REUTERS / Edgar Su/File Photo
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    Matthias Witte
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    Nach dem WM-Aus in Russland und dem „Fall Özil“ rollt der Ball in Deutschland wieder. Vor dem Start der Bundesliga wehrt sich Deutschlands bekanntester Fanforscher, Professor Gunter A. Pilz, dagegen, die Integration im Fußball nach dem Rücktritt Mesut Özils als gescheitert zu erklären.

    Der „Fall Özil“ wurde in Deutschland mehr diskutiert als das blamable Ausscheiden des Titelverteidigers bei der WM in Russland. Für den Sportsoziologen Gunter Pilz ist das nicht ganz nachvollziehbar: „Ich glaube, da wird etwas sehr überhöht. Die Tatsache, dass Mesut Özil in der Nationalmannschaft spielt, heißt noch lange nicht, dass die Türken integriert sind. Man sieht an der Diskussion, dass sie mit zwei Identitäten leben und sich alles andere als angenommen und anerkannt fühlen.“ Von der Integration, von der man zuvor geschwärmt habe, sei herzlich wenig übrig geblieben. Da sollte man laut Pilz die Kirche im Dorf lassen.

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    Der Fan-Forscher fragt, was Integration bedeutet und definiert: „Es geht um mehr als zu sagen: Ihr seid willkommen. Es geht um Anerkennung. Um Anerkennung der anderen Kultur und das Akzeptieren der anderen Kultur. Und da haben wir einiges versäumt.“ Der Soziologe findet es beachtlich, dass nach dem Rücktritt Özils aus der Nationalmannschaft die gesamte Integrationsthematik auf dem Tablett steht:

    „Ich glaube, es war immer ein Fehler zu sagen, die Nationalmannschaft ist der Beleg für gelungene Integration.“

    Es habe immer auch andere Gründe gegeben, warum Spieler sich entschieden haben, für die Türkei oder für Deutschland zu spielen. Pilz ist sich sicher: „Das hat mit Integration wenig zu tun, sondern das sind sehr rationale Kalküle bezüglich der eigenen Karriere.“

    Den Wissenschaftler ärgert, dass der „Fall Özil“ die erfolgreiche Arbeit an der Basis überschattet: „Die knochenharte Integrationsarbeit in den Vereinen wird momentan völlig abgewertet. Es wird gesagt, das ist alles nichts und da ist nichts passiert. Nein! Da ist etwas passiert! Und da passiert immer noch etwas!“ Man dürfe den Fokus nicht ausschließlich nach oben richten, sondern schauen, was auf den Sportplätzen an der Basis passiert. Dort sei durch die Arbeit von Trainern sehr viel erreicht worden, nämlich echte Integration.

    Kritik an Kapitalisten und Sozialromantikern

    In dieser Woche haben die Fanverbände den Dialog zum Deutschen Fußballbund (DFB) und zur Deutschen Fußballliga (DFL) für beendet erklärt und auf der anderen Seite weitere Proteste in den Stadien angekündigt. Auch dazu nimmt Pilz Stellung: „Einer der großen Streitpunkte ist die Zersplitterung der Spielpläne. Was das Fass zum Überlaufen gebracht hat, waren die Montagsspiele in der Dritten Liga. Da hätten die Verbände den Fanvertretern ein Angebot machen können und auf ein bisschen Geld verzichten können.“

    Die Fanverbände meinen Pilz zufolge oft, „wenn sie von Dialog sprechen, immer Monolog“. Falls ihre Forderungen nicht eins zu eins umgesetzt würden, wollten sie nicht weiter diskutieren. Der Fußball sei aber auf einem „Drahtseilakt zwischen der Wahrung der Traditionen und der sozialen Wurzeln auf der einen Seite und auf der anderen Seite der Kommerzialisierung und Professionalisierung“. Zugleich würden sich alle über das peinlich frühe WM-Aus der Nationalmannschaft aufregen. „Wenn sie aber international mithalten wollen, kann man nicht in Sozialromantik zurückverfallen“, gibt Pilz zu bedenken.

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    Aus technischen Gründen haben wir das Interview mit dem Fanforscher Gunter A. Pilz zweigeteilt.

    Der erste Teil:

    Im zweiten Teil geht es um den „Fall Özil“ und Hooliganismus:

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    Tags:
    Skandal, Rücktritt, Streit, Nationalmannschaft, Integration, Deutscher Fußball-Bund (DFB), Mesut Özil, Türkei, Deutschland