17:25 18 September 2018
SNA Radio
    DFB-Elf beim Training

    „Der Sündenfall des DFB“ – Kicker-Chefredakteur

    © REUTERS / Michael Dalder
    Sport
    Zum Kurzlink
    Matthias Witte
    8725

    Zwei Monate nach dem blamablen WM-Aus in Russland tritt die Nationalmannschaft erstmals wieder an. Gegner ist ausgerechnet Weltmeister Frankreich. Über das Spiel und die Fehler des DFB äußert sich Kicker-Chefredakteur Jörg Jakob auf sehr differenzierte Weise.

    Gleich ins kalte Wasser, gleich gegen den Weltmeister. Beim Neuanfang nach dem WM-Trauma geht es für die DFB-Elf am Donnerstagabend gleich gegen die beste Mannschaft der Welt. Das hätte sich der Bundestrainer sicher anders gewünscht. Zumal es kein belangloses Freundschaftsspiel ist, sondern die erste Begegnung der neu erschaffenen Nations League. Durch diesen Wettbewerb möchte die UEFA Länderspiele abseits von Weltmeisterschaften, Europameisterschaften und den dazugehörigen Qualifikationen attraktiver machen.

    >>Andere Sputnik-Artikel: „Özil in der National-Elf heißt nicht, dass Türken integriert sind“ – Fan-Forscher

    Für das gescholtene deutsche Team bedeutet das gleich Stress. Denn die Ergebnisse in der Nations League haben Auswirkungen. Wenn man da schlecht abschneidet, wird die Qualifikation für Europameisterschaft und Weltmeisterschaft schwerer. Dann bekommt man stärkere Gegner. Deutschland bekommt es in seiner Dreiergruppe mit den Niederlanden und eben Frankreich zu tun.

    Die Deutschen können nur gewinnen

    So bekommt der Wettbewerb gleich eine interessante Note. Denn Deutschland kann bei schlechtem Abschneiden aus der Gruppe A, der stärksten Gruppe der Nations League, absteigen. Laut Jakob ist es aber gut, dass das deutsche Team gleich gegen den Weltmeister spielt:

    „Stellen sie sich vor, man spielt gegen eine mittelmäßige Mannschaft, die keinen besonderen Ruf hat, und liefert dann Vorstellungen ab wie kurz vor der WM gegen Österreich (1:2, Red.) oder Saudi-Arabien (2:1, Red.). Dann wird alles noch schlimmer. Gegen die Franzosen kann die Mannschaft aber zeigen, dass sie mit neuem Mut ans Werk geht. Auf der anderen Seite ist das erste Spiel nach dem Titelgewinn für einen Weltmeister, bei allem Respekt, auch immer ein bisschen schwierig. Richtig viel verlieren können die Deutschen nicht, sondern sie können dieses Mal, das kennen sie eigentlich nicht mehr, nur gewinnen gegen den Weltmeister.“

    Nicht dabei sein werden zwei Spieler, auf die Joachim Löw in den vergangenen Jahren immer gesetzt hat. Auf Sami Khedira verzichtet der Bundestrainer. Und Spielemacher Mesut Özil ist zurückgetreten und spielt auch in den künftigen Plänen Löws keine Rolle mehr.

    „Özil verhält sich unanständig“

    Das Ende zwischen dem 92-fachen Nationalspieler und dem DFB bezeichnet der Kicker-Chef als „unschön“. Özils Abgang müsse jeder für sich bewerten. Jakob kommt zu der Entscheidung, dass „Özil das, schlecht beraten, schlecht gemacht hat“. Löw hatte erklärt, er habe mehrfach vergeblich versucht, den Spielmacher telefonisch zu erreichen.

    „Özil verhält sich unanständig“, urteilt Jakob. Der Teamgeist in Russland habe mit Özil an der Spitze nicht gepasst. Das zeige auch das stille Verhalten von Nationalspielern wie Manuel Neuer, Thomas Müller und Toni Kroos nach Özils Rücktritt. „Die haben sich nicht hingestellt und gesagt: Mensch, schade, dass der Mesut geht. Stattdessen haben sie sich eher neutral verhalten.“

    >>Andere Sputnik-Artikel: DFB kontert Özil: Verband weist Rassismus-Vorwürfe zurück

    Allerdings räumt Jakob auch ein, dass Özil von denselben Spielern alleingelassen wurde, als er im Internet und während der Spiele der Nationalmannschaft rassistisch angegangen wurde:

    „Das ist der Sündenfall des DFB und der Nationalspieler. Da hat man möglicherweise zu sehr an die WM gedacht und zu wenig an die Nebengeräusche, die tatsächliche kritische Situation in Deutschland, was die Anfeindungen gegen Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete angeht. Da hätte man ganz eindeutig und frühzeitig Stellung pro Mesut Özil beziehen müssen – gegen jeglichen Rassismus.“

    Jakob betont, innerhalb der Nationalmannschaft gebe es keinen Rassismus. Die Vorwürfe gegen DFB-Präsident Reinhard Grindel von Özil, aber auch seitens der Politik sind laut dem Journalisten nicht berechtigt. Es sei klar gewesen, dass sich Özil nach der WM zu den Fotos mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan deutlich äußern müsse. Mit dem frühen Ausscheiden der Mannschaft mit Mesut Özil bei der WM konnte niemand rechnen. Auf Özil zu verzichten, war laut Jakob keine Option. Er sollte in Russland spielen: „Löw wollte es so.“

    Gegen Frankreich, am Donnerstagabend um 20.45 Uhr, startet die Nationalmannschaft einen Neuanfang. Mit Löw, aber ohne Özil.

    Das komplette Interview mit Kicker-Chefredakteur Jörg Jakob finden Sie hier:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Nationalmannschaft, Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland, Deutscher Fußball-Bund (DFB), Mesut Özil, Deutschland