02:34 19 November 2018
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    Pierre Bischoff mit seinem Fahrrad

    Deutscher Extrem-Radsportler sah Russland wie es ist

    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
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    Nikolaj Jolkin
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    Der Sieger im längsten Ultralangstreckenrennen der Welt „Red Bull Trans-Siberian Extreme – 2018“ Pierre Bischoff aus Duisburg hat nach 15 Etappen zwischen Moskau und Wladiwostok (insgesamt 9100 km) beschlossen, in die russische Hauptstadt allein zurück zu radeln. Nach fast zweimonatiger Reise berichtete er in Moskau über sein Abenteuer.

    Im Sputnik-Gespräch sagte der Ultradistanzcyclist über seine Motivation:

    „Es war mein Wunsch, Russland richtig kennenzulernen, wie das russische Land wirklich ist. In Deutschland wird leider viel Negatives darüber berichtet. Am besten konnte ich meinen Wunsch mit dem Rad ohne Zeitdruck erfüllen, denn im Rennen gibt es dazu wenig Gelegenheit. Dabei konnte ich selbst entscheiden, wie weit ich fahren möchte. Der einzige Druck, der für mich bestand, war, dass ich am 17. Oktober Russland verlassen muss, weil dann mein Visum ausläuft. Alles andere durfte ich genießen.“

    Deutscher Extrem-Radsportler Pierre Bischoff bei der der Red Bull Trans-Siberian Extreme 2018
    © REUTERS / Denis Klero/Red Bull Content Pool
    Allerdings musste der Extremradsportler ständigen Gegenwind, starken Regen und sogar Schneefall bekämpfen. „Grauswetter war wirklich eine enorme Herausforderung für mich. Übrigens ist es ein Grund, warum wir im Rennen von Moskau nach Wladiwostok fahren und nicht umgekehrt. Am Anfang bin ich sogar gestürzt, da ich einen technischen Fehler gemacht habe: Ich hatte zu viel Gewicht (30 Kilo) hinten auf meinem Anhänger, und da fing der Anhänger an zu schleudern. Im Endeffekt hat mich der Anhänger auf dem Fahrrad überholt, und ich bin hingefallen. Aber man lernt aus seinen Fehlern.“

    Der Winter setzt in Sibirien generell sehr früh ein. Der Bordcomputer zeigt eine Temperatur von 1,8 Grad, vorläufig noch über Null. Bischoff staunt auch darüber, wie lange der Herbst dauern kann. Er musste im warmen Langarmtrikot fahren, da es Tage gab, an denen die Temperatur nicht über 5 Grad stieg. Manchmal gab es an einem Tag 30 und am nächsten nur 5 Grad Wärme.

    „Das Temperaturgefälle ist sehr groß. Deshalb fiel es mir zuweilen recht schwer, eine Motivation für weitere 100, 150 oder manchmal auch 200 km zu finden.“

    Ursprünglich hatte er geplant, schnell Richtung Moskau zu radeln, je schneller desto besser, da er aber unterwegs viele Menschen traf und sich mit ihnen unterhielt, kam er zu dem Schluss, dass schnelles Fahren nicht so wichtig ist. Wichtiger sind die Kontakte, bei denen man Erfahrungen und Eindrücke austauschen kann. In Perm hat er sich ganze vier Tage aufgehalten. Er wurde in verschiedene Schulen eingeladen, unterhielt sich mit Schülern, motivierte sie zum Fremdsprachenunterricht, erklärte ihnen, wie wichtig das Erreichen der gesteckten Ziele ist.

    Die Wege schienen ihm besser als während des Rennens. In der ganzen Zeit hatte er nur drei Reifenpannen. Während des Rennens war ihm dagegen sogar das Hinterrad kaputtgegangen. Problemstraßen gibt es zweifellos, behauptet der Radfahrer, aber immer weniger, selbst verglichen mit dem vorigen Jahr, als er erstmals „Red Bull Trans-Siberian Extreme“ mitgemacht hat.

    „Sonst war der Rückweg nach Moskau schwer, auch deswegen, weil er ohne Begleitung fuhr, die bei Straßenrennen üblich ist, und daher sich von dem Straßenrand nicht entfernen durfte. Dabei war nicht immer ein Randstreifen vorhanden, was für den Sportler nicht ungefährlich war.“

    Als die Wetterverhältnisse unerträglich schwer geworden waren, beschloss Bischoff, für einen Teil der Strecke nach Mitfahrgelegenheiten zu suchen. Er dachte an einen Eisenbahnzug, stieß dann aber auf einen Bus mit österreichischen Touristen, die gleich ihm von einer Fahrradreise Petersburg — Wladiwostok zurückkamen. Allerdings hatten sie dazu 100 Tage benötigt, während es bei den Teilnehmern von „Red Bull Trans-Siberian Extreme“ nur 24 waren. Mit den österreichischen Reisenden hat er 4.000 km, also knapp die Hälfte des Rückwegs, hinter sich gebracht.

    Der ihm zufolge schönste Abschnitt der Strecke ist der zwischen Chabarowsk und Irkutsk. Dabei ist er auch der schwierigste: Dort lösen nicht enden wollende Rampen und rasante Abfahrten einander ab. Und jedes Mal, wenn ihm ländliche Brotwagen begegneten, sagte er vor sich hin auf Russisch „Brot“, und dies gab ihm die Kraft, weiter zu fahren. Einmal radelte er konzentriert auf einer Landstraße und sah plötzlich vorne einen grellen Farbfleck. Es waren Neuvermählte, die ihn einluden, mit ihnen zu feiern. Es gab viele Trinksprüche und auch das dazu gehörende Glas Wodka.

    Unweit von Blagoweschtschensk sah er ein Denkmal, das Russland von China geschenkt worden ist, bestehend aus zwei Händen, einer chinesischen und einer russischen, in denen die Erdkugel liegt, als Symbol der Zusammenarbeit für Frieden und Gedeihen. Laut Pierre Bischoff steht dieses Denkmal nicht nur für die russisch-chinesische Freundschaft, sondern auch für die Freundschaft aller Menschen auf Erden. Während seiner Reise durch Russland hat er viele Grabmale von im Zweiten Weltkrieg Gefallenen gesehen und meint, dies dürfe nicht mehr zugelassen werden. „Menschen sollen nicht in Kriegen umkommen.“

    Eine weitere Beobachtung des deutschen Radsportlers lautet, in Russland sei man stärker in die Religion vertieft als in Deutschland. Bei Kasan hat er den Tempel aller Religionen gesehen, an dem ein ortsansässiger Enthusiast sein ganzes Leben lang gebaut hatte.

    „Dies ist ein Beispiel dafür, wie Angehörige verschiedener Kulturen und Religionen friedlich zusammenleben können, ohne einander anzufeinden. In Moskau und Wladiwostok etwa, Städten mit verschiedenen Kulturen, unterscheidet sich das Leben nicht allzu stark.“

    In Chabarowsk lernte Bischoff die russische Sauna und die russische Küche kennen, probierte allerlei Speisen: Pelmeni, Wareniki, Syrniki, Borschtsch, Laghman, ein sehr aromatisches, etwas scharfes Eintopfgericht mit Fleisch, Gemüse und Nudeln. Sonst gab er sich Mühe, viel Süßes zu essen, um nicht abzunehmen und seine Kräfte zu regenerieren. Deshalb suchte er Tankstellen auf, wo dies in Mengen vorhanden war. Jedoch kam es einmal vor, dass er ganze 200 km geradelt war, ohne eine einzige Tankstelle anzutreffen. Da saß er in der Klemme, weil ihm Wasser und Essen knapp wurde.

    Einmal traf er auf ein Auto, das einen Platten hatte. Zu dem Zeitpunkt war er sehr müde und unsicher, ob er sein Tagespensum noch schaffen würde. Er versprach dem Fahrer Hilfe mit der Reifenpanne und bat als Gegenleistung, ihn in die nächstgelegene große Stadt zu bringen. „In Russland wird unterwegs besonders häufig einander geholfen.“

    Bei der Ausfahrt aus Tscheljabinsk wurde Bischoff von einem Wagen angehalten. Menschen, die darin saßen, fragten, wo er herkomme und wo sein Weg hinführe. Als sie erfuhren, dass er aus Deutschland kommt, gab ihm einer tausend Rubel, wünschte eine gute Reise, und sie fuhren weg. „Ich habe es nie für normal gehalten, dass man auf einen Menschen, den man auf der Straße sieht, zugeht und ihm ohne weiteres 15 Euro für den Weg gibt.“ Einmal hatte er sein Zelt nahe am Weg aufgeschlagen, es kamen zu ihm Menschen aus dem Nachbardorf, fragten, was er hier mache, und gingen. Nach einiger Zeit kamen sie wieder, diesmal mit Speisen, und erklärten, er müsse dringend etwas zu sich nehmen.

    Auch in Tschita stieß er auf gastfreundliche Menschen, die ihm sofort die, wie sie meinten, fröhliche Nachricht mitteilen zu müssen glaubten, dass auch in ihrer Stadt deutsche Lebensmittel angeboten werden, und ihm den Weg zu der Bar wiesen, in der deutsches Bier serviert wird. Anschließend begleiteten sie Pierre Bischoff 40 km lang mit Fahrrädern bis zu der Stadt und zeigten ihm ihre Sehenswürdigkeiten zwei Tage lang.

    Einmal kehrte er in einem Fernfahrerlokal ein. Dann hat es sich herausgestellt, dass dort der Strom wegen Sturmwetter ausgefallen war. Dafür gab es Gas, und er bekam seinen Imbiss. Es sah wie ein romantisches Abendessen bei Kerzenschein aus. Es hat ihm an den Russen besonders gefallen, dass sie in jeder Situation nach irgendeiner Lösung suchen und sie finden, auch wenn es nicht immer die beste ist.

    „Dies sollten die Europäer von Russen auch lernen, nämlich immer nach einer Lösung zu suchen, statt nur von Problemen zu reden.“

    Pierre Bischoff sieht nicht wie ein Superman aus. Wie schafft er das alles eigentlich? „Ich habe eine mentale und geistige Stärke und versuche, jedes Ziel einfach zu erreichen, egal wie, sei es im Beruflichen oder im Sportlichen. Es ist nicht das Wichtigste, Erster zu sein. Wichtig ist einfach, das gesetzte Ziel zu erreichen. Dann erreicht man eine ganze Menge.“

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    Tags:
    Radfahrer, Abenteurer, Gastfreundschaft, Eindrücke, Sauna, Reise, Bier, Radfahren, Wetter, Tourismus, Sicherheit, Red Bull Trans-Siberian Extreme, Red Bull, Wladiwostok, Deutschland, Moskau, Russland